„Jour­na­lis­ten sind kri­ti­sche Be­glei­ter“

War­um es so wich­tig ist, dass über Sport­ler und Ver­ei­ne un­ab­hän­gig be­rich­tet wird

Neu-Ulmer Zeitung - - Medien -

Herr Schaf­frath, vie­le Sport­fans las­sen sich in­zwi­schen auf ih­rem Smart­pho­ne per Li­vestream auf dem Lau­fen­den hal­ten. Kan­ni­ba­li­siert das die klas­si­sche Be­richt­er­stat­tung?

Es ver­än­dert ein Stück weit die Funk­ti­on von Jour­na­lis­mus. Sport­jour­na­lis­mus hat zu tun mit zü­gi­ger In­for­ma­ti­ons­über­mitt­lung. Das ist ei­ne ganz klas­si­sche Funk­ti­on, die er auch in Zu­kunft er­fül­len muss. Aber das Pro­blem für Sport­jour­na­lis­ten be­steht dar­in, dass über neue An­bie­ter und Pri­vat­per­so­nen die­se In­for­ma­ti­ons­funk­ti­on teils über­nom­men wird. Fuß­ball­spie­ler pos­ten heu­te auf Face­book, ob sie ei­nen Ver­ein ver­las­sen. Oder die Ver­ei­ne ma­chen über ih­re ei­ge­nen Platt­for­men von der Home­page bis zum Ver­eins-TV et­li­ches an In­for­ma­ti­ons­ver­brei­tung. Das ist ein Nach­teil für Sport­jour­na­lis­ten. Könn­ten sie ei­nes Tages ganz über­flüs­sig wer­den?

Ich glau­be nicht. Jour­na­lis­mus ist ja weit mehr als In­for­ma­ti­ons­über­mitt­lung – was oft über­se­hen wird. Der Sport­jour­na­list ist auch der kri­ti­sche Be­glei­ter des Spit­zen­sports. Das kann man von den Ath­le­ten, Spie­lern und Ver­ei­nen nicht er­war­ten. Denn für sie ist die In­for­ma­ti­ons­ver­mitt­lung ein ver­län­ger­ter Arm der Pu­blic Re­la­ti­ons. Sie wol­len sich als Per­son ver­mark­ten; Ver­ei­ne wol­len in ei­nem gu­ten Licht da­ste­hen. Aber die Be­wer­tung, die Ei­n­ord­nung, am En­de auch Kri­tik und Kon­trol­le sind die ori­gi­nä­ren Funk­tio­nen des Jour­na­lis­mus, die der nor­ma­len Men­schen über­stei­gen. Be­lässt es der Sport­jour­na­list bei der blo­ßen Nach­richt oder schafft er Sen­si­bi­li­tät für sol­che Vor­gän­ge über sei­ne kri­ti­sche Be­richt­er­stat­tung? Oder den­ken Sie an Py­ro­tech­nik, Hoo­li­ga­nis­mus, Fan­aus­schrei­tun­gen, Be­spu­cken von Trai­nern – es gibt so vie­le Pro­blem­fel­der im Sport­jour­na­lis­mus, die in ver­eins­ei­ge­nen Platt­for­men oder von Spie­lern über­haupt nicht the­ma­ti­siert wer­den. Auf­klä­rung, Kri­tik und Kon­trol­le blei­ben wich­ti­ge Funk­tio­nen, die der Sport­jour­na­lis­mus auch gut er­füllt. Manch­mal re­agie­ren Ver­ei­ne äu­ßerst emp­find­lich – wie kürz­lich der TSV 1860 München – und ver­su­chen, un­be­que­me Jour­na­lis­ten aus­zu­schlie­ßen.

Ein Skan­dal ers­ter Klas­se! Am En­de scha­det sich der Ver­ein höchst­selbst. Das ist ei­ne Art von Zen­sur, die ers­tens mit dem Grund­ge­setz kaum ver­ein­bar ist. Und zwei­tens ist es aus prag­ma­ti­schen Grün­den we­nig klug, weil sich an der Stel­le, egal wie stark ih­re Kon­kur­renz ist, al­le Me­di­en dar­in ei­nig sind: Das geht nicht.

Die Hand­ball-WM konn­te man völ­lig an den öf­fent­lich-recht­li­chen Sen­dern vor­bei­füh­ren.

Dass die Hand­ball-WM per Li­vestream von der Deut­schen Kre­dit­bank (DKB) AG aus­ge­strahlt wor­den ist, ist sehr trau­rig, weil es nicht ge­lun­gen ist, in Ver­hand­lun­gen mit dem Rech­te­inha­ber ei­nen ak­zep­ta­blen De­al ab­zu­schlie­ßen. Da­mit ha­ben wir es nicht im Fern­se­hen ge­se­hen. Das Glei­che er­le­ben wir jetzt bei den Olym­pi­schen Spie­len. Sie wer­den auf Eu­ro­sport ge­zeigt in Deutsch­land – in wel­cher Form, in wel­chem Um­fang, in wel­cher Qua­li­tät muss man ab­war­ten. Dass ARD und ZDF nicht über­tra­gen, ist si­cher ein mittleres Sport-Me­di­en­be­ben. Bei knapp acht Mil­li­ar­den Eu­ro Ge­büh­ren­ein­nah­men pro Jahr hät­ten sie die Mög­lich­kei­ten ge­habt, die­se Rech­te zu kau­fen. Sie ha­ben es über Jahr­zehn­te ja auch ge­macht.

In­ter­view: Alois Knol­ler Kurz be­vor an den Ka­me­ras das ro­te Licht an­geht, be­vor die drei Män­ner nicht mehr nur ei­nen Me­ter ne­ben dem Spiel­feld­rand sit­zen, son­dern in Mil­lio­nen Wohn­zim­mern und Kn­ei­pen er­schei­nen, denkt Jo­han­na Bo­nescu an ganz ein­fa­che Din­ge. Die 28-Jäh­ri­ge blickt auf Chris­toph Met­zel­der, Lothar Mat­thä­us und Sebastian Hell­mann, die am wei­ßen Tisch ne­ben ihr Platz ge­nom­men ha­ben. „Die Ex­per­ten wa­ren recht­zei­tig am Sta­di­on“, sagt sie. Das sei mit das Wich­tigs­te. Schließ­lich wis­se man ja nie, was pas­siert: Stau, Zu­g­aus­fäl­le, Ver­spä­tun­gen.

All­täg­li­che Un­wäg­bar­kei­ten, die in die­sem Um­feld un­wirk­lich er­schei­nen. Al­li­anz-Are­na, spä­ter Sams­tag­nach­mit­tag, in ei­ner St­un­de spielt Bay­ern München ge­gen Bo­rus­sia Dort­mund. Auf dem Platz ste­hen gleich die bei­den bes­ten deut­schen Mann­schaf­ten. Drum­her­um ein Über­tra­gungs-Rum­mel mit ge­nau durch­ge­plan­ten Ab­läu­fen.

Und Bo­nescu mit­ten­drin. Die Auf­nah­me­lei­te­rin von Sky, dem Be­zahl­sen­der, der in Deutsch­land die Bun­des­li­ga live über­trägt, fasst sich an ih­ren Kopf­hö­rer. „Noch 30 Se­kun­den“, ruft sie und schiebt ei­nen Si­cher­heits­mann zur Sei­te, da­mit er auch ja nicht in der gleich star­ten­den Live­sen­dung zu se­hen ist. Im Zen­trum der Vor­be­richt­er­stat­tung: der Tisch mit Mo­de­ra­tor Hell­mann und den zwei Ex-Fuß­bal­lern als Ex­per­ten. „Ich bin je­des Mal wie­der über­rascht, wie vie­le Men­schen an so ei­ner Über­tra­gung be­tei­ligt sind“, sagt Met­zel­der mit Blick auf die Wand aus Ka­me­ras und Schein­wer­fern, die vor ihm auf­ge­baut wur­de. Die und der 300 Ki­lo­gramm schwe­re Mo­de­ra­ti­ons­tisch müs­sen vor und nach dem Spiel so­wie in der Halb­zeit­pau­se in­ner­halb von zwei Mi­nu­ten ver­schwin­den. Die Schein­wer­fer blei­ben zu­sam­men­ge­fah­ren am Spiel­feld­rand, der Tisch kommt in der Kam­mer des Platz­war­tes un­ter.

Nur für Sky sind über 30 Mit­ar­bei­ter vor Ort. Sie sind nicht al­lei­ne. TV-Sen­der aus 210 Län­dern zei­gen das Bun­des­li­ga-Top­spiel. Rund 260 ak­kre­di­tier­te Jour­na­lis­ten, un­ter an­de­rem aus Ja­pan, Me­xi­ko, den USA, Ita­li­en oder Po­len, sind in München. „Ein sol­cher Me­di­en­an­drang wä­re in klei­ne­ren Sta­di­en wie Augs­burg oder In­gol­stadt nicht zu stem­men“, sagt Sky-Pro­duk­ti­ons­lei­ter Lars Päg­low. Da­zu kommt an die­sem Tag ei­ne Be­son­der­heit: Es ist das ers­te Spiel am Sams­tag­abend, das der Be­zahl­sen­der in Ul­tra-HD-Auf­lö­sung über­trägt, al­so mit et­wa vier­mal so vie­len Bild­punk­ten wie bei dem bis­he­ri­gen Über­tra­gungs­stan­dard HD. Das be­an­sprucht fünf zu­sätz­li­che Mit­ar­bei­ter. Der Ka­nal „Sky Sport Bun­des­li­ga UHD“hat ei­nen ei­ge­nen Kom­men­ta­tor so­wie rund 30 Pro­zent hö­he­re Pro­duk­ti­ons­kos­ten. „Die Zu­schau­er sind an­spruchs­vol­ler ge­wor­den“, sagt Bo­nescu. Wie hoch die Kos­ten sind, be­hält der Sen­der für sich.

Frü­her wur­den Fuß­ball­fans ge­nau drei Ka­me­ra­ein­stel­lun­gen prä­sen­tiert: ei­ne von der Mit­tel­li­nie, da­zu zwei wei­te­re un­ten an den Sei­ten des Spiel­fel­des. So über­trug der WDR nach ei­ge­nen An­ga­ben das ers­te Bun­des­li­ga-Li­ve­spiel 1984 zwi­schen Mönchengladbach und dem FC Bay­ern. Heu­te be­hei­ma­ten Bun­des­li­ga­sta­di­en mehr Ka­me­ra­Aus­rüs­tung als je­des Fern­seh­stu­dio.

20 Ka­me­ras ei­ner Toch­ter­fir­ma der Deut­schen Fuß­ball Li­ga pro­du­zie­ren das Ba­sis­si­gnal, al­so die Bil­der, die al­le Welt zu se­hen be­kommt. Da­zu brin­gen die Sen­der ih­re Ka­me­ras mit – Sky filmt mit zehn ei­ge­nen. Für die Tor­li­ni­en­tech­no­lo­gie lau­fen zwölf zu­sätz­li­che Ge­rä­te. Wenn Ro­bert Le­wan­dow­ski den Ball ins Tor drischt, hal­ten das al­so dut­zen­de Ka­me­ras fest, Smart­pho­nes der Fans nicht ein­ge­rech­net. TV-Zu­schau­ern wird viel ge­bo­ten: Ne­ben der Ka­me­ra an der Mit­tel­li­nie gibt es Ka­me­ras un­term Sta­di­on­dach, in den Tor­net­zen, an Kom­men­ta­to­ren­plät­zen oder die „Spi­der­cam“, die über dem Ra­sen schwebt. Ein Pi­lot steu­ert sie an Sei­len durch die Luft – nicht zu tief, um nicht vom Ball ge­trof­fen zu wer­den. In der Cham­pi­ons Le­ague filmt teils noch ein Hub­schrau­ber.

Die Flut an Bil­dern läuft in Über­tra­gungs­wa­gen ne­ben dem Sta­di­on zu­sam­men. Sky ar­bei­tet mit zwei – ei­ner da­von für den UHD-Ka­nal. Im In­ne­ren sitzt ein Re­gis­seur vor rund 50 Bild­schir­men und hun­der­ten Knöp­fen. Er ent­schei­det in Se­kun­den, was Mil­lio­nen Fans vom Spiel se­hen und was nicht. Zwei Kol­le­gen schnei­den Hö­he­punk­te zu­sam­men. In ei­nem wei­te­ren Wa­gen ent­ste­hen Live-Sta­tis­ti­ken oder Grafik-Ein­blen­dun­gen. Meh­re­re Mil­lio­nen Eu­ro kos­tet al­lei­ne ein Über­tra­gungs­wa­gen. Da­mit er sich lohnt, ist er auch in der fuß­ball­frei­en Zeit im Ein­satz – beim Bi­ath­lon, Ski­sprin­gen oder bei Kon­zer­ten.

Auf den Bild­schir­men der Sky­Über­tra­gungs­wa­gen ist nach Spie­len­de Ar­jen Rob­ben zu se­hen. Bo­nescu hat­te den Bay­ern-Spie­ler zum Mo­de­ra­ti­ons­tisch ge­führt. Das ro­te Licht der Ka­me­ras bleibt an die­sem Tag noch lan­ge an.

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