„Die Le­bens­ver­si­che­rung ist nicht tot“

Achim Kas­sow ist Deutsch­land-Chef des Düs­sel­dor­fer Ver­si­che­rers Er­go. Der Ma­na­ger muss Ar­beits­plät­ze ab­bau­en, sieht das Un­ter­neh­men aber wie­der auf Kurs

Neu-Ulmer Zeitung - - Wirtschaft -

Herr Kas­sow, Spit­zen-Ma­na­gern, gera­de aus der Fi­nanz-Bran­che, wird im­mer wie­der zu we­nig Bo­den­haf­tung nach­ge­sagt. Was un­ter­neh­men Sie da­ge­gen?

Achim Kas­sow: Mir ist es wich­tig, nicht nur mit mei­nem Füh­rungs­team zu re­den, son­dern mit mög­lichst al­len: Mit­ar­bei­tern, Ver­triebs­part­nern und Kun­den. Des­halb ha­be ich auf mei­nem Weg zu Ih­nen vor­her noch oh­ne gro­ße Vor­an­mel­dung ei­nen Zwi­schen­stopp in un­se­rer Augs­bur­ger Nie­der­las­sung ein­ge­legt. Das Ge­spräch mit den Mit­ar­bei­tern gibt mir ein Ge­fühl für die Stim­mung dort. Und das er­det un­ge­mein. Die Zah­len ken­ne ich ja.

Was ha­ben Sie von den Mit­ar­bei­tern in Augs­burg ge­lernt?

Kas­sow: Dass dies ei­ne Re­gi­on mit Voll­be­schäf­ti­gung ist. Und dass un­se­re Teams gut un­ter­wegs sind, fand ich durch ei­nen Blick auf die Schreib­ti­sche der Kol­le­gen be­stä­tigt.

Wie das denn?

Kas­sow: Die Schreib­ti­sche wa­ren schon früh am Mor­gen voll­be­packt. Um Nach­fra­ge, al­so um Ge­schäfts­mög­lich­kei­ten müs­sen wir uns hier in der Re­gi­on kei­ne Sor­gen ma­chen. Sol­che Er­fah­run­gen sind für mich ex­trem wich­tig. In Düs­sel­dorf an mei­nem Schreib­tisch kann ich zwar Zah­len le­sen und mei­ne Schlüs­se dar­aus zie­hen, aber es ist et­was völ­lig an­de­res, wenn man vor Ort mit den Mit­ar­bei­tern über das Ge­schäft spricht. Kön­nen Sie ein Bei­spiel nen­nen? Kas­sow: Ich wur­de in Augs­burg mit ei­nem in­ter­es­san­ten Fall kon­fron­tiert. Es ging dar­um, ein gro­ßes, kern­ge­sun­des Un­ter­neh­men aus der Re­gi­on zu ver­si­chern. Bei uns gibt es die Re­gel, bei der Ver­si­che­rungs­sum­me nur bis zu ei­nem fest­ge­setz­ten Limit zu ge­hen, um das Ri­si­ko bes­ser streu­en zu kön­nen. In die­sem spe­zi­el­len Fall hät­te es aber auch mehr sein kön­nen. Ich wer­de jetzt in un­se­rer Zen­tra­le in Düs­sel­dorf mit mei­nen Vor­stands­kol­le­gen be­spre­chen, ob wir nicht bei sol­chen Mus­ter­be­trie­ben ei­ne hö­he­re Zeich­nung er­mög­li­chen kön­nen. Der­ar­ti­ge Ge­sprä­che an der Ba­sis ge­ben mir ein Ge­fühl für wich­ti­ge The­men.

Ge­füh­le könn­ten in der Wirt­schaft ei­ne im­mer un­ter­ge­ord­ne­te­re Rol­le spie­len, wenn im­mer mehr Ent­schei­dun­gen au­to­ma­ti­siert wer­den, et­wa die Fra­ge, wie viel ein be­stimm­ter Ver­si­che­rungs­kun­de zah­len soll. Was ha­ben Sie für ein Ge­fühl da­bei?

Kas­sow: Ich fin­de die­se Ent­wick­lung ge­nau rich­tig.

Wirk­lich?

Kas­sow: Ja. Denn als Be­trof­fe­ner wünscht man sich doch, dass Ent­schei­dun­gen nach stets nach­voll- zieh­ba­ren Kri­te­ri­en ge­fällt wer­den. Die Be­din­gun­gen ei­ner Ver­si­che­rung im Ein­zel­fall sol­len schließ­lich nicht von der sub­jek­ti­ven Ent­schei­dung ei­nes ein­zel­nen Men­schen ab­hän­gen. Au­to­ma­ti­sier­te und di­gi­ta­li­sier­te Pro­zes­se sind ob­jek­ti­ver. Vor­ur­tei­le las­sen sich aus­schal­ten. Al­go­rith­men hel­fen un­se­ren Mit­ar­bei­tern, schnel­le­re und bes­se­re Ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Setzt die Ver­si­che­rungs­bran­che heu­te schon im Ta­ges­ge­schäft künst­li­che In­tel­li­genz ein?

Kas­sow: Klar. Künst­li­che In­tel­li­genz un­ter­stützt uns da­bei, gro­ße Da­ten­men­gen aus­zu­wer­ten und her­aus­zu­fin­den, wel­che An­ge­bo­te wir un­se­ren Kun­den kon­kret ma­chen kön­nen. Das ist auf je­den Fall sinn­vol­ler, als Men­schen ein­fach un­spe­zi­fisch mit Wer­be­brie­fen zu über­flu­ten. Mich per­sön­lich nervt so et­was. Frei­zeit ist kost­bar, die will ich mit mei­ner Fa­mi­lie ver­brin­gen. Wir brau­chen al­so die Da­ten un­se­rer Kun­den, denn je bes­se­re Da­ten wir ha­ben, des­to prä­zi­ser kön­nen wir Kun­den pass­ge­naue An­ge­bo­te ma­chen.

Die

fort­lau­fen­de

Au­to­ma­ti­sie­rung führt zu her­ben Job-Ver­lus­ten. Wie hart trifft es Er­go?

Kas­sow: Das letz­te Ge­schäfts­jahr ha­ben wir nach Ver­lus­ten wie­der mit ei­nem Ge­winn nach Steu­ern von rund 270 Mil­lio­nen Eu­ro ab­ge­schlos­sen. Un­ser Ziel ist ein Ge­winn von 600 Mil­lio­nen im Jahr 2021. Das schaf­fen wir. Al­ler­dings müs­sen wir in Deutsch­land rund 2000 von ins­ge­samt et­wa 16000 Ar­beits­plät­zen ab­bau­en. Drei Vier­tel die­ses We­ges, der für die Be­trof­fe­nen auch schmerz­haft sein kann, ha­ben wir schon hin­ter uns.

War­um ha­ben Sie so vie­le Stel­len ge­stri­chen?

Kas­sow: Das liegt vor al­lem an den gro­ßen Ver­wal­tungs­ein­hei­ten. Er­go ist aus vie­len ein­zel­nen Ver­si­che­rern wie et­wa der Vic­to­ria oder der Ham­burg-Mann­hei­mer ent­stan­den. Da gab es ei­ni­ge Dop­pel­struk­tu­ren. Hin­zu kommt die Au­to­ma­ti­sie­rung, die bei ver­gleichs­wei­se ein­fa­chen Pro­duk­ten wie ei­ner Kfz- oder Zahn­zu­satz­ver­si­che­rung be­son­ders zu Bu­che schlägt. Wir ha­ben aber nicht nur Kos­ten ge­senkt, son­dern un­se­ren Mit­ar­bei­tern nach die­sen Ein­schnit­ten ei­ne Per­spek­ti­ve und da­mit Si­cher­heit ge­ge­ben. Wie schaf­fen Sie Si­cher­heit für Mit­ar­bei­ter, wo Sie doch par­al­lel wei­ter Ar­beits­plät­ze ab­bau­en?

Kas­sow: Wir ha­ben mit Be­triebs­rä­ten und Ge­werk­schaf­ten ei­nen so­zia­len Ord­nungs­rah­men für die Mit­ar­bei­ter ver­ein­bart. Wir ha­ben al­so ei­ne Rei­he von Eck­pfei­lern ge­setzt, die den Be­schäf­tig­ten Si­cher­heit ge­ben sol­len. Da­zu ver­zich­ten wir bis En­de 2020 auf be­triebs­be­ding­te Kün­di­gun­gen, wer­den die gro­ßen Ver­wal­tungs­stand­or­te nicht an­tas­ten und auch die Zahl der Re­gio­nal­di­rek­tio­nen nicht ver­rin­gern, so­fern die ih­re Neu­ge­schäfts­zie­le nicht we­sent­lich ver­feh­len. Au­ßer­dem ver­dop­peln wir die Zahl der Aus­zu­bil­den­den. Wich­tig ist mir zu ver­mit­teln, dass wir den not­wen­di­gen Wan­del ge­mein­sam mit un­se­ren Mit­ar­bei­tern ge­stal­ten.

„Ge­sprä­che an der Ba­sis ge­ben mir ein Ge­fühl für wich­ti­ge The­men.“Er­go Chef Achim Kas­sow

Wie stark lei­det die Ver­si­che­rungs­bran­che un­ter der Null­zins­po­li­tik der Eu­ro­päi­schen Zen­tral­bank?

Kas­sow: Am meis­ten spü­ren die Le­bens­ver­si­che­rungs­kun­den die Null­zins­po­li­tik der EZB.

Ist die Le­bens­ver­si­che­rung tot? Kas­sow: Nein, ganz und gar nicht. Kein Pro­dukt kann so fle­xi­bel und lang­fris­tig wie die Le­bens­ver­si­che­rung Ein­kom­men ab­si­chern. Die Pro­duk­te müs­sen eben nur so kon­stru­iert sein, dass Kun­den da­mit in den un­ter­schied­lichs­ten Le­bens­si­tua­tio­nen klar­kom­men. Je­mand aus der jun­gen Ge­ne­ra­ti­on will sich nicht für 30, 40 Jah­re an ein star­res Kon­zept bin­den. Wir sind über­zeugt, dass ka­pi­tal­markt­ori­en­tier­te Pro­duk­te ein her­vor­ra­gen­des Er­geb­nis bie­ten. Kun­den er­war­ten ei­ne ge­sun­de Mi­schung aus Ren­di­te und Si­cher­heit. Es gibt ein Ver­ständ­nis da­für, dass mehr Ren­di­te auch we­ni­ger Si­cher­heit be­deu­ten kann. Die klas­si­sche al­te Le­bens­ver­si­che­rung bie­ten wir nicht mehr an, aber die Alt­ver­trä­ge er­fül­len wir na­tür­lich wei­ter.

Sie ha­ben so­gar über­legt, Ih­ren Be­stand von rund sechs Mil­lio­nen al­ten Le­bens­ver­si­che­run­gen zu ver­kau­fen, was so­fort hef­ti­ge Kri­tik pro­vo­zier­te. War­um hat Er­go die­se Po­li­cen dann doch be­hal­ten?

Kas­sow: Wir ha­ben ver­schie­de­ne Op­tio­nen ge­prüft, wie wir mit den klas­si­schen Le­bens­ver­si­che­run­gen um­ge­hen sol­len. Am En­de ha­ben wir uns für ei­nen an­de­ren Weg als den Ver­kauf ent­schie­den. Wir bau­en jetzt ge­mein­sam mit IBM ei­ne Platt­form auf, um die­se Le­bens­ver­si­che­rungs­be­stän­de zu ver­wal­ten. Die­se Platt­form wer­den wir mög­li­cher­wei­se auch für an­de­re öff­nen.

In­ter­view: Ste­fan Stahl O

Achim Kas­sow, 52, ist seit Ja­nu­ar 2017 Vor­stands­vor­sit­zen­der der Er­go Deutsch­land AG. Vor sei­ner Er­go Zeit ver ant­wor­te­te er für die Al­li­anz Deutsch land die Re­gio­nal­lei­tung Süd. Der pro­mo vier­te Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler war für die Deut­sche Bank, die Deut­sche Bank 24, die Com­di­rect Bank, die Com­merz bank und die Ol­den­bur­gi­sche Lan­des­bank tä­tig. Kas­sow wur­de so­gar ein­mal als Com­merz­bank Chef ge­han­delt. Es kam aber an­ders.

Fo­to: Er­go

Achim Kas­sow wur­de einst als Com­merz­bank Chef ge­han­delt. Seit Ja­nu­ar 2017 steht er an der Spit­ze des Er­go Vor­stands.

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