So nicht, Chef!

An­ge­schrien, her­ab­ge­wür­digt, igno­riert: Wenn Vor­ge­setz­te Mit­ar­bei­ter mob­ben, spricht man von Bos­sing. Wer sich nicht recht­zei­tig Hil­fe holt, dem droht der psy­chi­sche Kol­laps. Im Zwei­fel bleibt nur ei­ne ra­di­ka­le Maß­nah­me

Neu-Ulmer Zeitung - - Geld & Leben - Ni­na C. Zim­mer­mann, dpa

Her­ne/Mün­chen Ein­ein­halb Jah­re Ter­ror. So be­schreibt Hol­ger Wyr­wa die Zeit, in der er von sei­ner neu­en Che­fin ge­mobbt wur­de. Sie woll­te, dass er ei­ne Kol­le­gin aus­boo­tet. Er wei­ger­te sich. Dann durf­te er plötz­lich kei­ne Brie­fe mehr selbst­stän­dig un­ter­schrei­ben, muss­te im­mer mehr Auf­ga­ben weit un­ter sei­nen Fä­hig­kei­ten er­le­di­gen. Sei­ne Ar­beits­zei­ten wur­den akri­bisch über­prüft. Mach­te er Über­stun­den, weil er sonst sei­ne Kli­en­ten nicht er­reicht hät­te, warf sei­ne Vor­ge­setz­te ihm un­ge­recht­fer­tig­te Mehr­ar­beit vor. Mal muss­te er 200 Adres­sen von Hand über­tra­gen – bis­her hat­te so et­was ei­ne Schreib­kraft er­le­digt.

„Sie woll­te mich platt­ma­chen“, sagt der Er­zie­hungs­wis­sen­schaft­ler und Psy­cho­the­ra­peut rück­bli­ckend. „Ich hat­te kei­ne Über­le­bens­chan­ce in der Be­hör­de, in der ich da­mals ge­ar­bei­tet ha­be.“Zu­nächst ver­such­te er, im di­rek­ten Ge­spräch mit der mob­ben­den Che­fin ei­ne Lö­sung zu fin­den – ver­geb­lich. Auch das Per­so­nal­bü­ro konn­te nicht hel­fen. „Ich stand al­lein mit dem Rü­cken zur Wand.“Kol­le­gen duck­ten sich aus Angst um ih­re Po­si­ti­on weg.

Wyr­wa ist kein Ein­zel­fall. Laut ei­ner Um­fra­ge vom Bünd­nis ge­gen Cy­ber­mob­bing ge­schieht rund je­der zwei­te Mob­bing-Vor­fall im Ar­beits­um­feld. Da­bei ist die Va­ri­an­te des Cy­ber­mob­bings et­was we­ni­ger stark aus­ge­prägt als Schi­ka­nen au­ßer­halb der vir­tu­el­len Welt. An knapp der Hälf­te der Mob­bing-Fäl­le im Job sind dem­nach Vor­ge­setz­te be­tei­ligt. Mob­bing durch den Chef wird auch Bos­sing ge­nannt.

Es geht da­bei nicht um ein­ma­li­ge Er­eig­nis­se wie ei­nen Rüf­fel vom Vor­ge­setz­ten in ei­ner Kon­fe­renz oder fach­li­che Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten, son­dern um im­mer wie­der neue see­li­sche Ver­let­zun­gen. Laut klas­si­scher De­fi­ni­ti­on er­eig­nen sich die­se Krän­kun­gen min­des­tens ein­mal in der Wo­che und min­des­tens ein hal­bes Jahr lang, er­läu­tert die Di­plom-Psy­cho­lo­gin Bär­bel War­detz­ki aus Mün­chen.

Mit ver­hee­ren­den Fol­gen für den Mit­ar­bei­ter: An­fangs fühlt der sich viel­leicht nur in die Ecke ge­drängt. Dann ver­liert er sein Selbst­wert­ge­fühl, sei­ne Ar­beits­qua­li­tät und -mo- ti­va­ti­on lei­den. Zum Ge­fühl von Hilf­lo­sig­keit und Ohn­macht ge­sel­len sich im Lau­fe der Zeit wo­mög­lich Kopf- und Na­cken­schmer­zen, Schlaf­stö­run­gen und im schlimms­ten Fall De­pres­sio­nen, Angst­stö­run­gen oder ei­ne post­trau­ma­ti­sche Be­las­tungs­stö­rung. „Wich­tig ist, dass der Be­trof­fe­ne re­gis­triert: Hier läuft et­was Ent­wer­ten­des“, sagt War­detz­ki, die sich wie Hol­ger Wyr­wa in ei­nem Buch mit dem The­ma be­schäf­tigt hat.

Und was kommt nach die­ser Ein­sicht? „Je frü­her ich mir Hil­fe ho­le, um­so schnel­ler kann ich mit die­ser Be­ra­tung er­ken­nen, was ich kon­struk­tiv an­ders ma­chen könn­te, er­klärt sie. Et­wa: Miss­ver­steht der Chef et­was in mei­nem Ver­hal­ten und mobbt mich des­halb? Oft ste­cke hin­ter Bos­sing näm­lich die Füh­rungs­schwä­che ei­nes Chefs, der Angst hat, vom Mit­ar­bei­ter über­flü­gelt zu wer­den.

Ein Pro­blem am Bos­sing ist das Macht­ge­fäl­le zwi­schen Mob­ber und Ge­mobb­ten: Denn der Vor­ge­setz­te ent­schei­det eben in der Re­gel über Kar­rie­re und Ge­halt des Mit­ar­bei­ters. War­detz­ki teilt Wyr­was An­sicht, dass der Be­triebs­rat oder das Per­so­nal­bü­ro nicht im­mer hilf­rei­che Adres­sen sind. Be­trof­fe­ne soll­ten es des­halb lie­ber au­ßer­halb des Un­ter­neh­mens ver­su­chen: bei ei­ner Mob­bing­op­fer-Hot­li­ne, die fast je­de Kran­ken­kas­se hat, bei ei­nem Coach, bei ei­ner Ge­werk­schaft, ei­nem Arzt, Psy­cho­the­ra­peu­ten oder ei­ner Selbst­hil­fe­grup­pe. Das än­dert un­term Strich zwar nicht die be­ruf­li­che Si­tua­ti­on. Aber es tra­ge da­zu bei, nicht im pas­si­ven Leid zu blei­ben, sagt die Psy­cho­lo­gin.

Denn das soll­ten vom Boss Ge­mobb­te auf kei­nen Fall tun: „Oft hal­ten die Leu­te zu lan­ge aus, sie ver­su­chen, sich an­zu­pas­sen, und ha­ben kei­nen Mut weg­zu­ge­hen“, sagt sie. Wyr­wa rät zu­dem, dem mob­ben­den Chef ge­gen­über kei­ner­lei Emo­tio­nen zu zei­gen, weil die­ser sich sonst als Ge­win­ner füh­le. Bes­ser lässt man sich krank­schrei­ben, er­holt sich, ge­winnt Ab­stand und denkt in Ru­he nach. Ist ei­ne Ver­set­zung mög­lich? Oder bie­tet sich doch ein Job­wech­sel an?

Wyr­wa be­rät heu­te in sei­nem ei­ge­nen In­sti­tut in Her­ne un­ter an­de­rem Mob­bing-Be­trof­fe­ne. Vie­le Bos­sing-Op­fer wen­den sich in ih­rer Not auch an An­wäl­te. Recht­lich ist das The­ma al­ler­dings kaum greif­bar. „Es ist ei­ne Vor­ge­hens­wei­se, die ge­zielt ei­nen Men­schen tref­fen, krän­ken, in sei­ner Per­sön­lich­keit her­ab­wür­di­gen soll“, sagt Nat­ha­lie Obert­hür, Fach­an­wäl­tin für Ar­beits­recht in Köln. Es ge­be un­ter­schied­li­che Wahr­neh­mun­gen, was als Krän­kung emp­fun­den wird. Dar­um sei es vor Ge­richt ex­trem

Recht­lich ist das The­ma kaum zu grei­fen Ex­per­ten ra­ten von ei­ner Kla­ge ab

schwie­rig bis un­mög­lich nach­zu­wei­sen, dass psy­chi­sche Be­ein­träch­ti­gun­gen tat­säch­lich auf dem Ver­hal­ten des Chefs be­ru­hen.

Rechts­ex­per­tin Obert­hür rät da­her in der Re­gel von ei­ner Kla­ge vor dem Ar­beits­ge­richt ab. Sie be­spricht mit ih­ren Man­dan­ten viel­mehr, ob das Ar­beits­ver­hält­nis noch zu ret­ten ist oder ob sich die Si­tua­ti­on mit ei­nem Auf­he­bungs­ver­trag oder ei­ner Ab­fin­dung klä­ren lässt. Denn sie ist der An­sicht: „So­zi­al mo­ti­vier­te Ge­schich­ten kann man mit recht­li­chen Mit­teln nicht be­rei­ni­gen.“

Im Ge­gen­teil: Be­trof­fe­ne fühl­ten sich nach ei­nem Ver­fah­ren see­lisch noch ver­letz­ter, wenn ih­re Kla­ge als un­be­grün­det ab­ge­wie­sen wird, so Obert­hür. Zwar kön­ne das Bos­sin­gOp­fer ein Ta­ge­buch über die Her­ab­set­zun­gen füh­ren. Der An­walt der Ge­gen­sei­te kann aber im­mer sa­gen: „Das ha­ben Sie sich al­les aus­ge­dacht.“Und ge­nau das ist das Pro­blem: Bos­sing ist nichts, was zwi­schen Ak­ten­de­ckel passt.

Hol­ger Wyr­wa war psy­chisch ro­bust ge­nug, um sich von der da­ma­li­gen Vor­ge­setz­ten nicht in Angst­star­re ver­set­zen zu las­sen. Am En­de ist er mit ei­ner Ab­fin­dung ge­gan­gen – und hat sich selbst­stän­dig ge­macht.

Fo­to: Pict­works, Stock Ado­be

Mob­bing durch den Chef kann Be­schäf­tig­te fer­tig­ma­chen. Manch­mal bleibt nur ein Job­wech­sel.

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