Blei­ern

Neuburger Rundschau - - Feuilleton - VON MICHA­EL SCHREI­NER

Wmls@augs­bur­ger-all­ge­mei­ne.de

ie lan­ge wird die Gro­ße Ko­ali­ti­on in Ber­lin hal­ten, wie lan­ge noch wei­ter­ma­chen? Bis Weih­nach­ten? Früh­jahr 2019? Herbst 2021? Die An­sich­ten über die Aus­sich­ten ge­hen aus­ein­an­der. Neur­al­gi­sche Punk­te für Er­mü­dungs­brü­che gibt es wahr­haf­tig über al­le Ma­ßen. Doch selbst die größ­ten, ja glü­hends­ten GroKo-An­hän­ger und Wei­ter­ma­cher wer­den aus­schlie­ßen, dass Uni­on und SPD bis zur Blei­er­nen Hoch­zeit durch­hal­ten. Die wä­re nach 43 Jah­ren des Zu­sam­men­blei­bens zu be­ge­hen, al­so nach 2060. Ei­ne Agen­da 2060 aber – An­drea Nah­les wä­re dann auch schon 90 und Jens Spahn im­mer­hin 80 – dürf­te in der DNA der GroKo nicht mal als Mu­ta­ti­on vor­stell­bar sein.

Wer die Blei­er­ne Hoch­zeit nicht er­reicht, dem bleibt im Zu­sam­men­sein aber vom ers­ten Tag an im­mer die „blei­er­ne Zeit“. Gro­ße Ko­ali­ti­on der Mü­dig­keit. Als blei­er­ne Zeit hat die­se Wo­che die CDUGe­ne­ral­se­kre­tä­rin An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er (AKK) die ers­ten Mo­na­te der schwarz-ro­ten Re­gie­rungs-Li­ai­son be­zeich­net. Blei­er­ne Zeit: Das meint das Ge­gen­teil von In­itia­ti­ve, Tat­kraft, Hand­lungs­fä­hig­keit, Gestal­tungs­freu­de. Ver­ge­gen­wär­tigt man sich das Ge­zänk, Ge­wür­ge und Ge­ze­ter in die­ser Be­zie­hungs­kis­te – See­ho­fer! etc. –, dann um­fasst das „blei­ern“von AKK si­cher auch die Be­deu­tung von blei­hal­ti­ger Luft und Blei­ver­gif­tung. Die nacht­blei­che GroKo ist je­den­falls er­kenn­bar nicht in ei­nem Zu­stand von Gleich-, son­dern viel­mehr von Blei­ge­wicht. Das wie­der­um schließt frei­lich nicht aus, dass es in die­ser Kon­stel­la­ti­on auch Leicht­ge­wich­te gibt, die zur Be­las­tung wer­den, so voll­ge­pumpt mit Blei sind die.

Blei­er­ne Zeit – das ist zu­nächst ein­mal ein Zi­tat. „Die blei­er­ne Zeit“heißt der 1981 er­schie­ne­ne Film von Mar­ga­re­the von Trot­ta über die Ge­schwis­ter Ens­s­lin. Aber von Trot­ta hat ja selbst nur zi­tiert. Und zwar Fried­rich Höl­der­lin. In des­sen Ge­dicht „Der Gang aufs Land“steigt sie ori­gi­när auf, die blei­er­ne Zeit:

Tr­üb ists heut, es schlum­mern die Gäng und die Gas­sen und fast will / Mir es schei­nen, es sei, als in der blei­er­nen Zeit.

AKK kommt aus dem Koh­le­land an der Saar, ei­nem Ei­sen- und Stahl­stand­ort. Vi­el­leicht kennt sie trotz­dem die schö­ne Weis­heit von Ge­org Chris­toph Lich­ten­berg: „Mehr als Gold hat das Blei die Welt ver­än­dert.“Es gibt al­so noch Hoff­nung für die GroKo.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.