Mit Te­am­geist ge­gen al­le Wi­der­stän­de

SV At­ter trotzt vor den To­ren der Stadt dem Schick­sal – mit be­wun­derns­wer­tem Er­folg

Neue Osnabrucker Zeitung - Bad Laer, Bad Rothenfelde, Dissen, G - - LOKALSPORT - Von Ben­ja­min Kraus Fol­ge ver­passt? Al­le Tei­le der Ver­eins­se­rie auf www.noz.de/ver­ei­ne

An­ge­zün­de­te Ver­eins­hei­me, Dieb­stahl und Weg­fall von In­fra­struk­tur so­wie ho­he Schul­den: Im Lau­fe sei­ner be­weg­ten His­to­rie muss­te der SV At­ter mehr als ei­ne gro­ße Kri­se über­win­den. Der klei­ne Ver­ein über­stand sie al­le. Weil er sich auf tol­le Men­schen ver­las­sen kann, die den Club im Her­zen tra­gen. OS­NA­BRÜCK. „Wir sind gut auf­ge­stellt, weil es vie­le gibt, die sich für den Ver­ein krumm ma­chen“, sagt An­ne­ro­se Gritz­as, als sie an ei­nem der rus­ti­ka­len Ti­sche im hei­me­li­gen Club­heim am Ley­er Holz sitzt. An den Wän­den hän­gen Wim­pel be­freun­de­ter Ver­ei­ne und ei­ne DFB-Ur­kun­de für vor­bild­li­che Ju­gend­ar­beit, die 1992 mit dem Sepp-Her­ber­ger-Preis aus­ge­zeich­net wur­de. Ge­brauchs­spu­ren auf den Ti­schen oder der holz­ver­tä­fel­ten The­ke er­zäh­len von län­ge­ren Aben­den mit gu­ten Freun­den. Sie ha­ben sich beim SV At­ter ei­ne Trutz­burg vor der Stadt er­rich­tet, von der aus sie all die rie­si­gen Hin­der­nis­se über­wan­den, die sich vor ih­nen auf­ge­tan ha­ben.

„Es war auch ei­ne Fra­ge der Eh­re da­mals“, er­in­nert sich Die­ter Neu­haus. 19 Jah­re lang hat­te er den Ver­ein ge­führt, be­vor er ihn im Jahr 2002 na­he­zu schul­den­frei an Gritz­as über­gab. Das schien Uto­pie, als er den Club 1983 über­nom­men hat­te. Un­ter Vor­gän­ger Hel­mut Wolf hat­te sich zwar die Mit­glie­der­zahl auf 1200 ver­dop­pelt, Ten­nis­courts und der All­wet­ter­platz wa­ren ge­baut wor­den – doch nach dem plötz­li­chen Tod Wolfs brach die Fi­nan­zie­rung zu­sam­men. „Er war ein wir­beln­der Mann mit do­mi­nan­ter Aus­strah­lung, da hat­ten wir an­de­ren zu­vor we­nig hin­ter­fragt“, er­klärt Neu­haus. Er und sei­ne Mit­strei­ter pack­ten an, or­ga­ni­sier­ten ei­ne Bürg­schaft von der Stadt, war­ben Spen­den bei den Mit­glie­dern ein, re­gel­ten in den Fol­ge­jah­ren vie­les in Ei­gen­leis­tung und freu­ten sich über Spen­den des Schüt­zen­ver­eins und des Ae­ro-Clubs. We­der der Dieb­stahl der AluUm­ran­dung des Hart­plat­zes noch die dop­pel­te Brand­stif­tung des Jah­res 1987, als Un­be­kann­te das Ver­eins­heim und das Ten­nis-Club­haus ver­nich­te­ten, warf den SVA aus der Bahn. Auch die Schlie­ßung des Lehr­schwimm­be­ckens 1992 über­stand der Ver­ein. „Es war ein lan­ger, schmerz­vol­ler Weg, den wir ge­gan­gen sind“, er­in­nert sich Neu­haus, der vom Rat der Stadt Os­na­brück 2003 für sein En­ga­ge­ment die Bür­ger­me­dail­le er­hielt.

Mit be­schei­de­nen Mit­teln aus­dau­ernd und er­folg­reich ge­gen Wi­der­stän­de kämp­fen: Da­für steht der SV At­ter, auch die ers­te Fuß­ball­mann­schaft, die in der Kreis­li­ga stets ge­gen den Ab­stieg spielt, aber im­mer drin­bleibt. „Trai­ner Jens Bo­ven­schul­te macht ei­nen gu­ten Job“, sagt Ul­rich Sten­zel als Sport­li­cher Lei­ter Fuß­ball zur Tat­sa­che, dass die Elf ge­ra­de als Ne­un­ter in der Ta­bel­le fast Hö­hen­luft schnup­pert. Sten­zel freut sich über ein G- und ein C-Ju­nio­ren-Team im Spiel­be­trieb, klagt aber an­ge­sichts vie­ler ge­flüch­te­ter Kin­der über die schwie­ri­ge Be­schaf­fung von Spiel­be­rech­ti­gun­gen beim Ver­band. „Wir set­zen doch kei­ne ver­kapp­ten Na­tio­nal­spie­ler aus dem Su­dan ein. Wo­bei wir jetzt sa­gen kön­nen, dass ein At­te­ra­ner ein Bun­des­li­ga-Tor ge­schos­sen hat“, sagt Sten­zel au­gen­zwin­kernd.

Er meint Do­nis Av­di­jaj, der als Sechs­jäh­ri­ger in At­ter das Ki­cken lern­te und fünf Jah­re blieb, be­vor er über den VfL Os­na­brück zu Schal­ke 04 ging und kürz­lich für die Knap­pen ful­mi­nant in Ham­burg traf. Ge­le­gent­li­che Me­dien­be­rich­te über an­geb­li­che oder tat­säch­li­che Es­ka­pa­den des Jung­pro­fis neh­men sie in At­ter mit ei­nem Lä­cheln zur Kennt­nis – es strahlt Wis­sen und Gut­mü­tig­keit zugleich aus, weil sie wis­sen, dass Av­di­jaj noch nie ein an­ge­pass­ter Jun­ge war, aber im­mer ein gu­ter, herz­li­cher Mensch, dem man nicht lan­ge bö­se sein kann.

Es sind spe­zi­el­le Bio­gra­fi­en, die ver­schie­de­ne Men­schen ha­ben hei­misch wer­den las­sen beim SVA. An­na Bu­ling kam als Kind in den Turn­kurs un­ter die bis heu­te haupt­amt­lich ak­ti­ve Ma­ri­na Rei­ten­bach, weil ihr Va­ter die Sport­leh­re­rin beim Sprach­kurs ken­nen­ge­lernt hat. „Mich in­spi­riert, wie sie Er­wach­se­ne und Kin­der be­geis­tert. Da­her ha­be ich spä­ter selbst Grup­pen über­nom­men“, sagt Bu­ling, die mit ih­rem Nach­wuchs Wett­kämp­fe be­sucht, Auf­trit­te bei Lan­des­turn­fes­ten und an­de­ren Events ab­sol­viert. „Wir fah­ren über 20 000 Ki­lo­me­ter im Jahr für den Sport“, sagt Bu­ling. „Und das, oh­ne die Club­kas­se groß in An­spruch zu neh­men“, er­gänzt Neu­haus.

Von Idea­lis­mus und Be­geis­te­rung an­ge­trie­ben – ein Mot­to, das auch auf Mark Dör­ner zu­trifft. Er lei­tet die neue Rin­ger­ab­tei­lung und ist „Ver­ant­wor­tungs­bür­ger“des Clubs. „Ein ko­mi­scher Na­me, den die Po­li­tik kre­iert hat. Ich ver­netz mich mit so­zia­len Ein­rich­tun­gen wie Flücht­lings­hei­men“, er­klärt er. Die Ver­bin­dung hat schon vie­le star­ke Sport­ler zum SV At­ter ge­bracht – nicht nur, aber vor al­lem im Rin­gen. „Wir wol­len nun mit Bor­g­holz­hau­sen ei­ne Kampf­ge­mein­schaft bil­den. Die könn­te rich­tig gut wer­den“, sagt Dör­ner, der auch die Ko­ope­ra­ti­on mit Schu­len sucht, um beim Nach­wuchs fürs Rin­gen zu wer­ben.

Flücht­lin­ge, An­ge­bo­te für den Nach­wuchs, neue We­ge und En­ga­ge­ment: Sie sind mehr als be­reit beim SV At­ter für neue Her­aus­for­de­run­gen.

Fo­to: Gert West­dörp

Wird von je­her groß­ge­schrie­ben beim SV At­ter: Kin­der­tur­nen. Fo­to: SV At­ter

Vom SV At­ter in die Bun­des­li­ga: der 20-jäh­ri­ge Do­nis Av­di­jaj (blau). Fo­to: ima­go/Si­mon

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