War­um nimmt die Zahl ra­di­ka­li­sier­ter Mäd­chen zu?

Neue Osnabrucker Zeitung - Bad Laer, Bad Rothenfelde, Dissen, G - - OSNABRÜCK - Von Micha­el Kie­fer

OS­NA­BRÜCK. Zu­nächst ei­ne gu­te Nach­richt: Die Zahl der von Deutsch­land nach Sy­ri­en aus­ge­reis­ten jun­gen Frau­en ist im Jahr 2016, ins­be­son­de­re in der zwei­ten Jah­res­hälf­te, deut­lich zu­rück­ge­gan­gen. Ur­sa­chen sind hier in ers­ter Li­nie die er­heb­li­chen Ge­biets­ver­lus­te des so­ge­nann­ten Is­la­mi­schen Staa­tes im Irak und in Sy­ri­en. Nach La­ge der Din­ge gibt es kei­ne ru­hi­gen Rück­zugs­or­te mehr, in der sich die „Idyl­le“ei­nes ge­mut­maß­ten „rich­ti­gen“is­la­mi­schen Fa­mi­li­en­le­bens in­sze­nie­ren lässt.

Dies be­deu­tet je­doch nicht, dass das Pro­blem der Ra­di­ka­li­sie­rung hier­zu­lan­de der Ver­gan­gen­heit an­ge­hört. Be­rich­te aus den Be­ra­tungs­ein­rich­tun­gen zei­gen, dass nach wie vor jun­ge Frau­en und Mäd­chen sich ra­di­ka­li­sie­ren. Die An­zei­chen hier­für sind nicht im­mer ein­deu­tig und zu­meist viel­fäl­tig: ein Micha­el Kie­fer ist Uni-Pro­fes­sor für is­la­mi­sche Theo­lo­gie. Fo­to: Swa­ant­je Heh­mann neu­er Klei­dungs­stil, neue An­sich­ten über das „rich­ti­ge“is­la­mi­sche Le­ben, ab­wer­ten­de Äu­ße­run­gen zum Le­bens­stil der El­tern so­wie neu ge­won­ne­ne Freun­de und Freun­din­nen.

Da es sich um ein re­la­tiv neu­es Phä­no­men han­delt, sind die Ur­sa­chen und Hin­ter­grün­de von Ra­di­ka­li­sie­rungs­pro­zes­sen bis­lang nicht aus­rei­chend er­forscht. Folg­lich kann hier kei­ne wirk­lich pro­fun­de Er­kennt­nis­la­ge dar­ge­legt wer­den. Wir wis­sen lei­der nur we­ni­ge Din­ge. Da­zu ge­hört, dass Ra­di­ka­li­sie­rung nie ei­ne ein­zi­ge Ur­sa­che hat und dass je­der Fall sich an­ders dar­stellt. In der For­schung spre­chen wir von ei­nem mul­ti­fak­t­o­ri­ell be­ein­fluss­ten Pro­zess. Mög­li­che Fak­to­ren sind …

1. Kri­sen­er­fah­run­gen, die zum Bei­spiel durch be­son­de­re per­sön­li­che Be­las­tun­gen aus­ge­löst wer­den.

2. Dis­kri­mi­nie­rungs­er­fah­run­gen, die mit Her­kunft und Re­li­gi­on zu­sam­men­hän­gen.

3. Ty­pi­sche Aspek­te der Ju­gend­pha­se, zum Bei­spiel die Lust an der Pro­vo­ka­ti­on, die Kom­pen­sa­ti­on von De­fi­zit­la­gen und die Be­wäl­ti­gung von Ent­wick­lungs­auf­ga­ben.

4. Die Be­dürf­nis­se nach Ge­rech­tig­keit, die durch ob­jek­ti­ve Kon­flikt­la­gen an­ge­spro­chen wer­den.

5. Grup­pen­in­ter­ak­tio­nen, die auf Ab­gren­zung zie­len, ge­gen­sei­ti­ge Kon­trol­le und Über­bie­tung.

Dar­über hin­aus wis­sen wir ein we­nig über die Re­kru­tie­rungs­stra­te­gi­en neo­sala­fis­ti­scher Grup­pen, die mit dem „Is­la­mi­schen Staat“in Ver­bin­dung mehr­fach als er­folg­reich. Für die pro­fes­sio­nel­len Ak­teu­re in der Ra­di­ka­li­sie­rungs­prä­ven­ti­on stellt die­se Vor­ge­hens­wei­se ein gro­ßes Pro­blem dar. Die Chat-Ak­ti­vi­tä­ten fin­den häu­fig statt, oh­ne dass El­tern, Lehr­kräf­te oder an­de­re Men­schen im un­mit­tel­ba­ren Um­feld des Mäd­chens hier­von Kennt­nis neh­men kön­nen. Folg­lich gab es für El­tern und An­ge­hö­ri­ge man­che bö­se Über­ra­schung. Das Kind ist ver­schwun­den – und so recht weiß kei­ner, wie es da­zu kom­men konn­te.

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