Schlaf, Deutsch­land, schlaf …

War­um der Wahl­kampf so lang­wei­lig war – und was das für Aus­wir­kun­gen an der Wahl­ur­ne ha­ben könn­te

Neue Osnabrucker Zeitung - Bad Laer, Bad Rothenfelde, Dissen, G - - POLITIK - Von Dirk Fis­ser

Noch acht Ta­ge bis zur Bun­des­tags­wahl – dann hat die­ser Er­mü­dungs­wahl­kampf ein En­de. Es fehl­te an The­men, es fehl­te an Aus­ein­an­der­set­zun­gen. Wie wird sich das auf das Wah­l­er­geb­nis aus­wir­ken? Ei­ne Ana­ly­se.

OS­NA­BRÜCK. Die Fran­zo­sen ha­ben ih­re Ma­ri­an­ne, die Ame­ri­ka­ner ih­ren Un­cle Sam – und die Deut­schen? Uns bleibt nur der schlaf­müt­zi­ge Mi­chel als Per­so­ni­fi­zie­rung. Beim Ver­gleich der jüngs­ten Wahl­kämp­fe in den drei De­mo­kra­ti­en schien die We­sens­be­schrei­bung der Men­schen zwi­schen Nord­see­küs­te und Al­pen sel­ten tref­fen­der. Ei­nen Schlaf­wa­genWahl­kampf kri­ti­sier­ten Op­po­si­ti­on und SPD zu­letzt häu­fig. Oh­ne aber selbst in der La­ge ge­we­sen zu sein, das schlum­mern­de Land wach­zu­küs­sen. Deutsch­land, se­lig Mer­kel­land?

Als „Fei­er der De­mo­kra­tie“be­zeich­ne­te Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel den Wahl­kampf kürz­lich. Aber was ist das nur für ei­ne lang­wei­li­ge Par­ty, die das Land der­zeit fei­ert? Das Kla­gen dar­über zieht sich seit Wo­chen durch deut­sche Po­li­tik und Me­di­en. Selbst das mit Sehn­sucht er­war­te­te TVDu­ell war mehr Se­da­ti­vum als Weck­ruf, lau­te­te die ein­hel­li­ge Kom­men­tie­rung.

Die gro­ße Lan­ge­wei­le sei Kon­se­quenz der deut­schen Ge­schich­te, be­fand der bri­ti­sche His­to­ri­ker Ni­all Fer­gu­son in ei­nem In­ter­view. All­zu cha­ris­ma­ti­sche Po­li­ti­ker sei­en den Deut­schen eben su­spekt, die einst Adolf Hit­ler an die Macht wähl­ten und ihm dann wil­lig in den Un­ter­gang folg­ten. Das ha­be sich in das kol­lek­ti­ve po­li­ti­sche Ge­dächt­nis der Na­ti­on ein­ge­brannt. „Die Ge­schich­te hat die Deut­schen ge­lehrt, lang­wei­li­ge Po­li­ti­ker vor­zu­zie­hen.“

Mer­kel nutzt das der­zeit zu ih­rem Vor­teil. Fer­gu­son sag­te in der „NZZ“, ei­ne gro­ße raum­grei­fen­de Stra­te­gie für Deutsch­land ha­be die Kanz­le­rin nicht, da­für sei sie ei­ne „ex­trem ta­len­tier­te po­li­ti­sche Tak­ti­ke­rin“. Und die Tak­tik der CDU in die­sem Wahl­kampf lau­tet: bloß nicht an­ecken, kei­ne An­griffs­flä­che für den po­li­ti­schen Geg­ner bie­ten – ei­ne Art Wa­ckel­pe­ter-Wahl­kampf, des­sen Aus­druck nicht zu­letzt die ide­en­lo­sen Pla­kats­prü­che sind. Ein Bei­spiel ge­fäl­lig? „Für ein Deutsch­land, in dem wir gut und ger­ne le­ben“.

Die Tak­tik geht aus Sicht der CDU voll auf. Der Wähler­zu­spruch in Um­fra­gen ist sta­bil gut, die an­de­ren Par­tei­en mü­hen sich ver­geb­lich, ei­nen An­griffs­punkt zu fin­den. „Kei­ne Auf­re­ger zu­las­sen“, sei die De­vi­se der Uni­on und da­mit der Kanz­le­rin, sagt der Müns­te­ra­ner Po­li­to­lo­ge Bernd Schlipp­hak. Nur ein ech­ter Skan­dal, ein rich­ti­ges Er­re­gungs­the­ma könn­te Mer­kels Wahl­sieg noch ge­fähr­den, sind Be­ob­ach­ter si­cher – und se­hen zugleich kei­nes. We­der der Die­sel noch der tür­ki­sche Prä­si­dent hät­ten die mer­kel­sche Do­mi­nanz im Wahl­kampf ins Wan­ken ge­bracht.

Fast in Ver­ges­sen­heit ist mitt­ler­wei­le ge­ra­ten, dass es ei­ne Pha­se gab, in der es ernst­haft so aus­sah, als kön­ne

Mar­tin Schulz der Kanz­le­rin ge­fähr­lich und die­ser Wahl­kampf span­nend wer­den. In ei­ner Zeit, in der es hieß, Schulz wer­de nicht nass, wenn er ins Was­ser ge­he, son­dern das Was­ser so­zi­al­de­mo­kra­tisch. Die al­ter­sund re­gie­rungs­mü­de SPD schien wie neu­ge­bo­ren, als sie den lang­jäh­ri­gen EU-Par­la­ments­prä­si­den­ten mit 100 Pro­zent Zu­stim­mung in das Wett­ren­nen um die Kanz­ler­schaft schick­te.

Wo­hin er auch kam und sei­ne Ge­schich­ten über Wür­se­len, den Al­ko­hol und die Ge­rech­tig­keit er­zähl­te, traf er auf Ju­bel. Er schaff­te es laut Um­fra­gen so­gar, AfD-Sym­pa­thi­san­ten an­zu­spre­chen. Mitt­ler­wei­le aber düm­pelt die SPD in eben­sol­chen Um­fra­gen wie­der dort, wo sie vor Schulz schon ein­mal stand. Die 20-Pro­zent-Mar­ke ist be­droh­lich nah. Wie konn­te es so weit kom­men?

„Aus mei­ner Sicht kam der Hy­pe um Mar­tin Schulz mit der Saar­land-Wahl und dem Sieg der CDU ab­rupt zum En­de“, sagt Po­li­to­lo­ge Schlipp­hak. Mi­nis­ter­prä­si­den­tin An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er hol­te im März über­ra­gen­de 40,7 Pro­zent für die Uni­on, die SPD fiel so­gar leicht hin­ter ihr Er­geb­nis der vor­an­ge­gan­ge­nen Land­tags­wahl zu­rück. Schlipp­hak ana­ly­siert, bis zu die­sem Zeit­punkt ha­be sich Schulz als lin­ke Al­ter­na­ti­ve zur Gro­ßen Ko­ali­ti­on und ih­rer Kon­sens­po­li­tik prä­sen­tiert. „Das kam gut an.“Aber nach der über­ra­schen­den Schlap­pe im Saar­land und der Er­kennt­nis, es könn­te im Bund nicht für ei­ne rot-grü­ne Mehr­heit rei­chen, ha­be Schulz sich der FDP zu­ge­wandt. „Da­mit hat er sich ein Glaub­wür­dig­keits­pro­blem ein­ge­han­delt.“

Der Kas­se­ler So­zio­lo­ge Heinz Bu­de macht das En­de des Hy­pes nicht an ei­nem kon­kre­ten Zeit­punkt fest, son­dern an fal­schen Er­war­tun­gen, die Schulz ge­weckt ha­be. „Der Kanz­ler­kan­di­dat der So­zi­al­de­mo­kra­ten hat in sei­ner ur­sprüng­li­chen Kam­pa­gne die­ser Stim­mung ei­nes Un­be­ha­gens ei­ne Stim­me ge­ben wol­len“, schreibt Bu­de in ei­nem Gast­bei­trag für die „NZZ“. Schulz ha­be die dif­fu­se Ve­r­un­si­che­rung der Deut­schen auf­ge­grif­fen, dass die Ge­gen­wart zwar ganz gut, die Zu­kunft aber un­ge­wiss sei. Doch statt vor­wärts­ge­wand­ter Lö­sungs­vor­schlä­ge ha­be Schulz dann nur Alt­ba­cke­nes prä­sen­tiert. Er ha­be die Leu­te im Re­gen ste­hen ge­las­sen, so Bu­de.

Tat­säch­lich be­le­gen Um­fra­gen et­wa der Ber­tels­mann-Stif­tung die au­ßer­or­dent­lich ho­he Gr­und­zu­frie­den­heit der Deut­schen mit sich und ih­rem Land. 77 Pro­zent sind dem­nach der Mei­nung, ih­re wirt­schaft­li­che Si­tua­ti­on sei in den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren gleich ge­blie­ben oder bes­ser ge­wor­den. Und das soll so blei­ben. Ein Zeit­geist, an dem vor al­lem die Grü­nen ver­zwei­feln. Wie Ve­rän­de­rung ein­for­dern, oh­ne als Mies­ma­cher ge­brand­markt zu wer­den? Ei­ne Ant­wort dar­auf hat die Par­tei noch nicht ge­fun­den.

Be­dro­hung je­den­falls kommt aus deut­scher Sicht von au­ßen: die Eu­ro­päi­sche Uni­on, US-Prä­si­dent Do­nald Trump oder im er­wei­ter­ten Sin­ne auch die Flücht­lings­kri­se.

Die wird im Wahl­kampf von den Par­tei­en im Bun­des­tag weit­ge­hend aus­ge­blen­det, ob­wohl sie zwei­fels­oh­ne das größ­te The­ma der ver­gan­ge­nen Jah­re ist. Ei­ner­seits, um die AfD nicht un­nö­tig stark zu ma­chen, sagt Po­li­to­lo­ge Schlipp­hak. An­de­rer­seits sei­en Lö­sungs­an­sät­ze selbst in­ner­halb der Par­tei­en um­strit­ten. Der Schwes­tern­streit zwi­schen CDU und CSU um die Ober­gren­ze beim Zu­zug von Mi­gran­ten mach­te das zu­letzt ein­drück­lich deut­lich.

So spielt eben nur die AfD das The­ma und ver­steht es, zu­min­dest die dif­fu­se Zu­kunfts­angst ei­nes Teils der Be­völ­ke­rung auf das The­ma Flücht­lin­ge und Mi­gra­ti­on zu ka­na­li­sie­ren. Die Par­tei schürt die Angst vor Über­frem­dung und pro­pa­giert Ab­schot­tung nach au­ßen: Schne­cken­haus Deutsch­land lau­tet die De­vi­se. Da­mit spricht sie zu­min­dest der­zeit kei­nes­falls die Ab­ge­häng­ten an, wie es der Par­tei oft vor­schnell un­ter­stellt wird. Der ty­pi­sche AfD-Sym­pa­thi­sant ist laut Un­ter­su­chun­gen im Auf­trag des Deut­schen In­sti­tuts für Wirt­schafts­for­schung im mitt­le­ren Al­ter, hat ei­ne mitt­le­re Bil­dung und ein mitt­le­res Ein­kom­men.

Ei­ne Par­tei des Mit­tel­ma­ßes, die in den Um­fra­gen wie­der steigt. Galt an­ge­sichts der par­tei­in­ter­nen Zwis­tig­kei­ten zwi­schen­zeit­lich der Ein­zug in den Bun­des­tag als un­si­cher, geht es nun­mehr um die Fra­ge, ob das Er­geb­nis zwei­stel­lig aus­fällt oder nicht. Und da­mit in­di­rekt auch um die Op­po­si­ti­ons­füh­rer­schaft im Par­la­ment, soll­te es er­neut zur Gro­ßen Ko­ali­ti­on kom­men. Das Ver­dienst der AfD ist der ge­stie­ge­ne Zu­spruch kaum.

Ist al­so der Er­mü­dungs­wahl­kampf schuld? „Für die bei­den gro­ßen Par­tei­en gilt, dass kei­ner dem an­de­ren weh­tun will“, um­schreibt Po­li­to­lo­ge Schlipp­hak die Art der Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Uni­on und SPD. Ei­ner­seits sei das auch kaum noch mög­lich, weil es zwi­schen bei­den aus Wäh­ler­sicht kei­ne rich­ti­ge Ab­gren­zung mehr ge­be. An­de­rer­seits wol­le man sich aber auch die Op­ti­on auf ei­ne Fort­füh­rung der Gro­ßen Ko­ali­ti­on nicht ver­bau­en. Schlipp­hak schluss­fol­gert: „Die­se Al­ter­na­tiv­lo­sig­keit führt bei ei­nem Teil der Wäh­ler zu Ver­druss, der sich in Wahl­ver­wei­ge­rung oder in der Stimm­ab­ga­be für ra­di­ka­le Par­tei­en äu­ßern kann.“

Und so könn­te es al­so sein, dass, wenn Deutsch­land am 24. Sep­tem­ber um 18 Uhr aus dem tie­fen Schlum­mer er­wacht, die Kanz­le­rin dank Schlaf­wa­genwahl­kampf die Ge­win­ne­rin ist – der gro­ße Pro­fi­teur die­ser Tak­tik aber je­mand an­ders: die AfD.

„Deut­sche zie­hen lang­wei­li­ge Po­li­ti­ker vor“Ni­all Fer­gu­son, bri­ti­scher His­to­ri­ker

„ Al­ter­na­tiv­lo­sig­keit führt bei ei­nem Teil der Wäh­ler zu Ver­druss“Bernd Schlipp­hak, Po­li­to­lo­ge aus Müns­ter

Ka­ri­ka­tur: Klaus Stuttmann

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