Feu­er­ball in der U-Bahn

Wie­der er­schüt­tert ein An­schlag Lon­don – Bom­be funk­tio­nier­te of­fen­bar nicht wie ge­plant

Neue Osnabrucker Zeitung - Bissendorf, Belm - - EINBLICKE - Von Ka­trin Pri­byl

Bei ei­ner Ex­plo­si­on ei­ner selbst ge­bau­ten Bom­be in ei­ner Lon­do­ner U-Bahn wur­den am Frei­tag 29 Men­schen ver­letzt. Aber die­ses Mal scheint Lon­don ver­hält­nis­mä­ßig Glück ge­habt zu ha­ben.

LON­DON. Die Bahn war wie je­den Mor­gen im Lon­do­ner Be­rufs­ver­kehr völ­lig über­füllt, aber der rou­ti­nier­te Pend­ler Ro­ry Ri­g­ney drück­te sich mit ein paar an­de­ren Pas­sa­gie­ren noch in den Wag­gon. Die Luft heiß und sti­ckig, zu­dem herrsch­te die zur Stoß­zeit klas­si­sche Stil­le. Die Tü­ren wa­ren noch nicht ge­schlos­sen, da durch­brach plötz­lich ein Knall die Ru­he. Ri­g­ney hör­te ei­nen Schrei, und schon sah er ei­nen „Feu­er­ball“auf sich zu­kom­men – „gelb oder oran­ge“, wie er Me­di­en spä­ter schil­der­te.

Spä­ter stell­te sich her­aus: Ei­ne selbst ge­bau­te Bom­be war ge­gen 8.20 Uhr in ei­ner U-Bahn an der ober­ir­di­schen Hal­te­stel­le Par­sons Gre­en im Süd­wes­ten der bri­ti­schen Me­tro­po­le ex­plo­diert. 29 Men­schen tru­gen Ver­let­zun­gen da­von, nie­mand schwebt laut Be­hör­den in Le­bens­ge­fahr. Die Po­li­zei stuf­te den Vor­fall als Ter­ror­an­schlag ein. Die Er­mitt­lun­gen lau­fen – ge­nau­so wie die Groß­fahn­dung nach dem ent­kom­me­nen Tä­ter oder den Tä­tern.

Be­vor Ro­ry Ri­g­ney mit der Men­ge die Flucht aus dem Wag­gon ge­lin­gen konn­te, fiel ihm noch der Ge­ruch auf, der ihn an ein ge­lösch­tes Feu­er er­in­ner­te. Au­ßer­dem ent­deck­te er ei­ne Dis­coun­ter-Tü­te, in die ein klei­ner wei­ßer Ei­mer ge­packt war, aus dem nun „ro­te Dräh­te“her­aus­rag­ten. Und er brann­te. Hun­der­te Men­schen rann­ten in Pa­nik zur ein­zi­gen Trep­pe des klei­nes Bahn­hofs, die zu den bei­den Aus­gän­gen führ­te.

Au­gen­zeu­gen be­rich­te­ten, wie die Leu­te zu Bo­den fie­len, über­ein­an­der­tram­pel­ten und sich „wie die Sar­di­nen“auf den Stu­fen drän­gel­ten. Es spiel­ten sich dra­ma­ti­sche Sze­nen ab. Cha­os. Al­le woll­ten nur weg, auch wenn die meis­ten nicht ein­mal wuss­ten, was pas­siert war. „Die Schreie wa­ren so laut und angst­ein­flö­ßend, dass wir um un­ser Le­ben lie­fen“, sag­te Em­ma, die sich bei der Ex­plo­si­on im Wag­gon ne­ben­an be­fand. Zu tief sitzt bei den Bri­ten der Schock nach vier Ter­ror­an­schlä­gen zwi­schen März und Ju­ni die­ses Jah­res.

Be­reits kurz nach dem An­schlag be­rief Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May den na­tio­na­len Kri­sen­stab ein und drück­te den Op­fern ihr Mit­ge­fühl aus: „Mei­ne Ge­dan­ken sind bei de­nen, die in Par­sons Gre­en ver­letzt wur­den, und den Ein­satz­kräf­ten, die aber­mals rasch und mu­tig auf ei­nen mut­maß­li­chen Ter­ror­an­schlag re­agie­ren.“Au­ßen­mi­nis­ter Bo­ris John­son rief die Be­völ­ke­rung auf, Ru­he zu be­wah­ren. Bür­ger­meis­ter Sa­diq Khan sag­te: „Un­se­re Stadt ver­ur­teilt die wi­der­wär­ti­gen In­di­vi­du­en, die mit Ter­ror ver­su­chen, uns zu scha­den und un­se­re Le­bens­wei­se zu zer­stö­ren.“Wie Lon­don im­mer wie­der be­wie­sen ha­be: „Wir wer­den nie­mals, uns nie­mals von Ter­ro­ris­mus ein­schüch­tern

oder be­sie­gen las­sen.“

Den gan­zen Tag kreis­ten He­li­ko­pter über der Ge­gend, die groß­räu­mig ab­ge­sperrt und un­ter­sucht wur­de. Hun­der­te Be­am­te wer­te­ten der­weil

Vi­deo­ma­te­ri­al und an­de­re Be­weis­mit­tel aus, wie der Chef der Lon­do­ner An­tiTer­ror-Ein­heit, Mark Row­ley, be­kannt gab. Nach­dem im Jahr 2005 vier Selbst­mord­at­ten­tä­ter 52 Men­schen bei An­schlä­gen in der Lon­do­ner Un­der­ground so­wie in ei­nem Bus tö­te­ten, wird im­mer wie­der der öf­fent­li­che Nah­ver­kehr als Schwach­stel­le aus­ge­macht. Und die Alarm­be­reit­schaft ist hoch in die­sem

„sehr, sehr schwie­ri­gen Jahr“, wie ein Ex­per­te be­merk­te. Denn soll­te sich die gest­ri­ge Ex­plo­si­on als Ter­ror­an­schlag be­stä­ti­gen, wä­re dies be­reits der fünf­te im Kö­nig­reich in 2017.

Me­di­en und Be­ob­ach­ter spe­ku­lier­ten ges­tern un­ter Be­ru­fung auf Po­li­zei­krei­se, dass die Bom­be wahr­schein­lich nicht wie ge­plant ex­plo­diert sei. „Es hät­te weit­aus schlim­mer kom­men kön­nen“, hieß es ges­tern un­auf­hör­lich. Lon­don scheint die­ses Mal ver­hält­nis­mä­ßig Glück ge­habt zu ha­ben.

Fo­tos: AFP

Ein Ei­mer in ei­ner Dis­coun­ter-Tü­te: So sah die Bom­be aus (klei­nes Bild), die der Tä­ter in der U-Bahn de­po­niert hat­te.

Ter­ror in Eu­ro­pa: Hin­ter­grün­de und Mei­nun­gen auf noz.de/po­li­tik Mehr zur Mes­ser­at­ta­cke in Pa­ris: noz.de/ the­men/ter­ro­ris­mus

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.