Spie­le statt Brot

Die Sta­di­en in Russ­land ha­ben im­men­se Kos­ten ver­schlun­gen, sie dro­hen wei­ße Ele­fan­ten zu wer­den

Neue Osnabrucker Zeitung - Bissendorf, Belm - - DIALOG - Von Ma­ik Ros­ner Fo­tos: dpa

Nach der bun­ten WM-Er­öff­nung im Lu­sch­ni­ki ge­hen nun auch die Bil­der der üb­ri­gen elf schi­cken Sta­di­en um die Welt – in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten da­bei die enor­men Bau­kos­ten, Skan­da­le und die oft man­gel­haf­te Nut­zung der Are­nen nach dem Mil­li­ar­den-Event.

MOS­KAU Die ers­te gro­ße WM-Show gab je­ne Bot­schaft vor, die nun bis zum Fi­na­le am 15. Ju­li in Dau­er­schlei­fe um die Welt ge­hen soll. Über­bracht wur­de sie nicht di­rekt vom Welt­ver­band FI­FA oder dem Gast­ge­ber Russ­land, son­dern ge­schickt ver­packt im Song­ti­tel „Let Me En­ter­tain You“von Rob­bie Wil­li­ams. Die Un­ter­hal­tung und der Kon­sum sol­len im Vor­der­grund ste­hen und nicht die läs­ti­gen Fra­gen nach dem Fun­da­ment, auf dem die­se glo­ba­le Fuß­ball-Mes­se fußt. Das gilt auch für die wei­te­ren elf Are­nen, aus de­nen nun täg­lich ähn­lich bun­te Bil­der um die Welt ge­hen wer­den wie am Don­ners­tag aus dem Lu­sch­ni­ki-Sta­di­on in Mos­kau.

Dass es zu min­des­tens 17 To­des­fäl­len auf den WMBau­stel­len ge­kom­men sein soll, fin­det nun nur noch sel­ten Be­ach­tung. Und was die Par­ty fi­nan­zi­ell kos­tet, ist nur zu er­ah­nen. Nach of­fi­zi­el­len An­ga­ben sol­len sich die Ge­samt­kos­ten auf rund zehn Mil­li­ar­den Eu­ro be­lau­fen. Schon da­mit ist die­se WM die teu­ers­te der Ge­schich­te, nach den Win­ter­spie­len 2014 in Sot­schi. Doch der tat­säch­li­che Preis für die WM ist ver­mut­lich hö­her, weil al­lein die Neu- und Um­bau­ten der zwölf Sta­di­en mehr als die Hälf­te der of­fi­zi­ell ge­nann­ten zehn Mil­li­ar­den Eu­ro ver­schlun­gen ha­ben sol­len (5,3 Mil­li­ar­den Eu­ro). Aber das ist nur ei­ne Schät­zung. Prä­zi­se, zu­ver­läs­si­ge An­ga­ben sind nicht zu er­war­ten. Al­lein schon des­halb, weil im Zu­ge der Sta­di­on­bau­ten vie­le Mil­lio­nen Eu­ro in dunk­len Ka­nä­len ver­si­cker­ten.

Die Ent­ker­nung und Um­ge­stal­tung des rund 80000 Zu­schau­er fas­sen­den Lu­sch­ni­ki-Sta­di­ons mit der his­to­ri­schen Fas­sa­de soll 350 Mil­lio­nen Eu­ro ge­kos­tet ha­ben. In­of­fi­zi­ell ist von knapp drei­mal so ho­hen Kos­ten die Re­de. Ähn­lich teu­er ge­riet die zweit­größ­te WM-Are­na in St. das Lu­sch­ni­ki-Sta­di­on Pe­ters­burg (67 000 Plät­ze) mit an­geb­lich fast ei­ner Mil­li­ar­de Eu­ro, et­wa neun­mal so viel wie ur­sprüng­lich ver­an­schlagt. Hier muss­ten FI­FA und rus­si­sches WM-Or­ga­ni­sa­ti­ons­ko­mi­tee zu­dem ein­räu­men, dass nord­ko­rea­ni­sche Bau­ar­bei­ter als De­vi­sen­be­schaf­fer für ih­ren Dik­ta­tor Kim Jong Un und des­sen Re­gime be­schäf­tigt wur­den. Auch im Lu­sch­ni­ki-Sta­di­on, in dem auch das Fi­na­le statt­fin­den wird, sol­len Nord­ko­rea­ner ein­ge­setzt wor­den sein. Eben­so ex­plo­dier­ten die Bau­kos­ten an den an­de­ren Sta­di­en, be­glei­tet von Kor­rup­ti­ons­vor­wür­fen und teils auch von Ge­richts­ver­fah­ren. Und das in ei­ner er­heb­li­chen Wirt­schafts­kri­se. Der rus­si­sche Ru­bel hat zu­letzt enorm an Wert ver­lo­ren.

Die Mos­kau-Kor­re­spon­den­tin der ARD, Go­lineh Atai, ver­weist auf ei­ne Um­fra­ge der Mos­kau­er „Hig­her School of Eco­no­mics“, wo­nach sich mehr als die Hälf­te der Ein­woh­ner Russ­lands als arm be­zeich­nen. Öf­fent­li­che Kri­tik an den ho­hen Kos­ten des Fuß­ball-Spek­ta­kels al­ler­dings ist aus Furcht vor den Kon­se­quen­zen eher sel­ten. Zy­ni­sche Kom­men­ta­re wie „die Rus­sen kön­nen ger­ne Spie­le ha­ben, wenn auch nicht im­mer Brot“sei­en in so­zia­len Me­di­en zu le­sen, be­rich­tet Atai. Oder kurz: Spie­le statt Brot, nicht Brot und Spie­le.

Wenn die FI­FA- und Fuß­ball-Ka­ra­wa­ne nach der Par­ty wei­ter­zieht und da­bei viel Geld aus Russ­land mit­nimmt, bleibt der Gast­ge­ber mit den lau­fen­den Kos­ten für die neu­en Fuß­ball-Tem­pel zu­rück, für die oft­mals kei­ne sinn­vol­le und kos­ten­de­cken­de Ver­wen­dung in Aus­sicht steht. Ei­ni­ge Sta­di­en wie je­ne in Ka­li­nin­grad, Ros­tow und Saransk sol­len auf je 25000 Plät­ze zu­rück­ge­baut wer­den, eben­so je­nes in Je­ka­te­r­in­burg, wo der­zeit zwei Zu­satz­tri­bü­nen et­was ei­gen­wil­lig aus dem Oval ra­gen. Doch die so­ge­nann­ten wei­ßen Ele­fan­ten, größ­ten­teils un­ge­nutz­te Sta­di­on­bau­wer­ke, wer­den wie schon 2010 in Süd­afri­ka und 2014 in Bra­si­li­en auch in Russ­land zu­rück­blei­ben. Zu­mal der rus­si­sche Fuß­ball in ei­ner Kri­se steckt. Der Li­ga­schnitt be­lief sich zu­letzt auf 14000 Zu­schau­er, al­ler­dings nur dank ei­ni­ger we­ni­ger Klubs mit Strahl­kraft. Meist ver­lie­ren sich bei den Spie­len der Erst­li­gis­ten nur we­ni­ge Tau­send Men­schen in den Sta­di­en. Doch nur sechs der WM-Are­nen sol­len künf­tig von Erst­li­gis­ten ge­nutzt wer­den, die üb­ri­gen sechs von un­ter­klas­si­gen Teams oder gar nicht.

Auch nicht bil­lig: die Are­na in St. Pe­ters­burg.

Erst WM-Spiel­stät­te, dann Zweit­li­ga­s­tand­ort: das Sta­di­on in Sa­ma­ra.

Die teu­ers­te WM-Are­na: in Mos­kau.

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