Der Feu­er­ball von Black Tom Is­land

Vor 100 Jah­ren jag­ten deut­sche Sa­bo­teu­re ein Mu­ni­ti­ons­la­ger in New York in die Luft – der ers­te Ter­ror­an­schlag in den USA

Neue Osnabrucker Zeitung - Georgsmarienhutte, Bad Iburg, Hilter - - EINBLICKE -

Von Jo­han­nes Sch­mitt-Teg­ge

NEW YORK. Die Wucht der Ex­plo­si­on weck­te halb Man­hat­tan. Schla­fen­de Men­schen fie­len aus ih­ren Bet­ten, und Fens­ter bars­ten, als un­weit der New Yor­ker Frei­heits­sta­tue ein Mu­ni­ti­ons­la­ger don­nernd in die Luft ging. Die heu­te in Ver­ges­sen­heit ge­ra­te­ne Ex­plo­si­on von 1916 auf Black Tom Is­land, die sich spä­ter als Akt deut­scher Sa­bo­teu­re im Ers­ten Welt­krieg her­aus­stell­te, be­wer­ten ei­ni­ge His­to­ri­ker als ers­ten Ter­ror­an­schlag in den USA. An die­sem Sams­tag jährt sich die Atta­cke zum 100. Mal.

Ei­gent­lich woll­ten die USA sich in den 1914 ent­brann­ten Krieg nicht ein­mi­schen. Doch die aus Bri­ten, Fran­zo­sen und Rus­sen be­ste­hen­de En­tente kauf­te bei den Ame­ri­ka­nern Waf­fen, wäh­rend die bri­ti­sche See­blo­cka­de sol­che Im­por­te für das deut­sche Kai­ser­reich und Ös­ter­reich-Un­garn un­mög­lich mach­te. Un­ter an­de­rem die­se Ver­käu­fe mach­ten die USA lang­sam aber si­cher zu Geg­nern der Deut­schen.

Be­schwer­den deut­scher Di­plo­ma­ten blie­ben in den USA ver­ge­bens, schreibt der Ge­heim­dienst CIA. Al­so ent­schied Berlin, den Nach­schub der Fein­de auf an­de­rem Weg zu stop­pen, und ge­neh­mig­te 1915 dem Mi­li­tär­at­ta­ché Franz von Pa­pen in Washington, Sa­bo­ta­ge­ak­te ge­gen Mu­ni­ti­ons­de­pots und -fa­bri­ken in den USA zu un­ter­neh­men. Weil er in Ge­heim­ope­ra­tio­nen aber kei­ne Er­fah­rung hat­te, schick­te man ihm den Spi­on Franz von Rin­te­len hin­ter­her.

Und der Mann hat­te Er­fah­rung: 36 Schif­fe mit La­dun­gen im Wert von Mil­lio­nen Dol­lar soll von Rin­te­len mit spe­zi­el­len Bom­ben ins Vi­sier ge­nom­men ha­ben, schreibt die Wa­shing­to­ner Smith­so­ni­an In­sti­tu­ti­on. Die für ihn ent­wi­ckel­ten „Blei­stift­bom­ben“in Grö­ße ei­ner Zi­gar­re de­to­nier­ten teils erst Ta­ge spä­ter, wenn sich ein Schiff be­reits auf See be­fand. Für den Sa­bo­ta­ge­akt auf Black Tom sol­len sei­ne Leu­te Ha­fen­ar­bei­tern Schmier­gel­der ge­zahlt und Spreng­sät­ze ins De­pot ge­schmug­gelt ha­ben.

Mehr als 1000 Ton­nen zu ver­schif­fen­de Mu­ni­ti­on la­ger­ten in je­ner Nacht in rund 70 Gü­ter­wag­gons auf der Halb­in­sel. Und dann, ge­gen zwei Uhr mor­gens, er­leuch­te­te ei­ne Ex­plo­si­on den Him­mel und ver­ur­sach­te ei­ne Er­schüt­te­rung der Stär­ke 5,5 auf der Rich­ter-Ska­la, die bis nach Philadelphia zu spü­ren war. Wach­leu­te im Wool­worth Buil­ding im Sü­den Man­hat­tans sa­hen ihr En­de na­hen. Feu­er­wehr­leu­te wa­ren an­ge­sichts um­her­flie­gen­der Gra­nat­split­ter und schar­fer Mu­ni­ti­on macht­los.

„Durch die Wucht der De­to­na­ti­on wur­de die Frei­heits­sta­tue von Gra­nat­split­tern ge­trof­fen, Fens­ter am Ti­mes Squa­re bars­ten, die Brook­lyn Bridge beb­te“, schreibt die CIA. Der Scha­den wird auf mehr als 20 Mil­lio­nen Dol­lar ge­schätzt, was heu­te et­wa 460 Mil­lio­nen Dol­lar ent­spricht. Nach ei­nem Zei­tungs­be­richt star­ben sie­ben Men­schen, 35 wur­den ver­letzt.

Laut Er­mitt­lun­gen war es der slo­wa­ki­sche Ein­wan­de­rer Micha­el Kristoff, der die Spreng­sät­ze mit zwei deut­schen Sa­bo­teu­ren im Auf­trag von Rin­te­l­ens leg­te. Die USBe­hör­de NPS spricht von ei­nem der größ­ten Sa­bo­ta­ge­ak­te in den USA vor dem An­griff auf Pe­arl Har­bor 1941.

Wer heu­te ans En­de des Mor­ris Pe­sin Dri­ve auf der Halb­in­sel in New Jer­sey fährt, ahnt nicht, wie hef­tig die Er­schüt­te­rung ge­we­sen sein muss. An­woh­ner ge­nie­ßen ihr Pick­nick im Schat­ten, Kin­der spie­len, Mö­wen krei­schen, ame­ri­ka­ni­sche Flag­gen flat­tern im Wind.

Von der Schre­ckens­nacht na­mens Black Tom hat hier kei­ner et­was ge­hört, das klei­ne Schild am Par­krand wird schnell über­se­hen. Für den 100. Jah­res­tag wol­len sich Mit­glie­der des Stadt­rats von Jer­sey Ci­ty und ei­ni­ge His­to­ri­ker ver­sam­meln, um ei­ne Ge­denk­mi­nu­te ab­zu­hal­ten.

Dass die ur­sprüng­lich für Be­su­cher zu­gäng­li­che Flam­me in der Hand der Frei­heits­sta­tue we­gen der Schä­den ge­schlos­sen wer­den muss­te, ah­nen die we­nigs­ten Tou­ris­ten. Sie wur­de nie wie­der ge­öff­net.

Fo­to: imago/ Uni­ted Ar­chi­ves

Nur noch Trüm­mer blie­ben von die­sem und vie­len an­de­ren Wag­gons nach der Ex­plo­si­on.

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