Auf dem lan­gen Weg zu ei­nem ganz nor­ma­len Land

Seit zehn Jah­ren ist Fi­del Cas­tro nicht mehr Prä­si­dent in Ku­ba – Po­li­ti­sche Öff­nung geht trotz Re­for­men nur lang­sam vor­an

Neue Osnabrucker Zeitung - Georgsmarienhutte, Bad Iburg, Hilter - - POLITIK - Von Klaus Eh­ring­feld

HAVANNA. Am Abend des 31. Ju­li 2006 fal­len elf Mil­lio­nen Ku­ba­ner zwi­schen Havanna und San­tia­go plötz­lich in Dul­dungs­star­re. Die Men­schen frö­nen zur bes­ten Sen­de­zeit ih­rer ge­lieb­ten Sei­fen­oper, als um 21.15 Uhr ein ernst drein­bli­cken­der jun­ger Mann mit ka­rier­tem Hemd und Bril­le auf dem Bild­schirm er­scheint.

Car­los Va­len­cia­ga, per­sön­li­cher Se­kre­tär von Prä­si­dent Fi­del Cas­tro, tritt vor die Ka­me­ra und ver­liest ein Kom­mu­ni­qué. Der Re­vo­lu­ti­ons­und Staats­chef müs­se nach fast 48 Jah­ren sei­ne vie­len Äm­ter auf­grund ei­ner schwe­ren Darm-Er­kran­kung vor­über­ge­hend ab­ge­ben. Be­son­ders be­tont der Se­kre­tär da­bei im­mer das Wort „pro­vi­sio­nal“, vor­über­ge­hend. Fi­del Cas­tro, der seit 1959 nicht nur ent­schied, wel­che Dis­si­den­ten fest­ge­nom­men, son­dern auch wel­che chi­ne­si­schen Dampf­koch­töp­fe und Reis­ko­cher an­ge­schafft wer­den, ver­schwand von jetzt auf gleich. Das Un­vor­stell­ba­re war ein­ge­tre­ten. Die wich­tigs­ten Äm­ter gin­gen an sei­nen fünf Jah­re jün­ge­ren Bru­der Raúl.

In­zwi­schen sind zehn Jah­re ver­gan­gen, und Fi­del Cas­tro ist nicht mehr wie­der­ge­kom­men. Doch er ist im­mer noch da und wird in zwei Wo­chen 90 Jah­re alt wer­den. Aber auf dem letz­ten kom­mu­nis­ti­schen Pos­ten der west­li­chen Welt hat sich un­ter Raúl Cas­tro in den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren so viel ver­än­dert wie in den fast 50 Jah­ren zu­vor nicht. Das Sys­tem Ku­ba, das so sehr ein Sys­tem Cas­tro ist, hat er­staun­li­ches Über­le­bens­ta­lent be­wie­sen. Cas­tro I. und Cas­tro II. ma­na­gen die Mi­se­re der In­sel ge­mein­sam. Raúl, der Prag­ma­ti­ker, und Fi­del, der Ideo­lo­ge und zum Re­vo­lu­ti­ons­wäch­ter kon­ver­tier­te Re­vo­lu­ti­ons­füh­rer. Der ei­ne ent­schei­det und re­for­miert, der an­de­re schreibt aus dem Hin­ter­grund Be­sin­nungs­auf­sät­ze, wet­tert, mahnt und sorgt da­für, dass die In­sel ideo­lo­gisch nicht zu sehr ab­drif­tet. Wie viel Fi­del im Hin­ter­grund stoppt oder kri­ti­siert von dem, was sein Bru­der ver­än­dert, kann man nur mut­ma­ßen.

Cas­tro II. hat seit je­nem Som­mer 2006 na­he­zu je­den Be­reich re­for­miert, der im­mer als Ta­bu galt: Die Ku­ba­ner dür­fen nun Mo­bil­te­le­fo­ne be­sit­zen, in Ho­tels schla­fen, Häu­ser und Au­tos kau­fen und ver­kau­fen, auch dür­fen sie nun end­lich rei­sen. Der Staat hat lang­sam das In­for­ma­ti­ons­mo­no­pol auf­ge­ge­ben, in­dem er das In­ter­net nun auch auf der In­sel zu­ge­las­sen hat. Ne­ben den öf­fent­li­chen Hots­pots sol­len bald so­gar da­heim die ers­ten pri­va­ten Haus­hal­te an das Worl­dWi­deWeb an­ge­schlos­sen wer­den. Ku­ba ist da­bei, ein ganz nor­ma­les Land zu wer­den.

Po­li­tisch tut sich die In­sel mit ei­ner Öff­nung deut­lich schwe­rer. Zwar ließ Raúl Cas­tro die po­li­ti­schen Äm­ter künf­tig auf zehn Jah­re be­gren­zen. Der Staats­chef selbst will 2018 ab­tre­ten – mit dann 87 Jah­ren. Al­ler­dings hat der mit Span­nung er­war­te­te Kon­gress der KP im April kei­ne wei­te­re po­li­ti­sche Öff­nung ge­bracht.

Fo­to: dpa

Füh­ren das Land ge­mein­sam: Fi­del Cas­tro als Ideo­lo­ge und Raúl Cas­tro als Prag­ma­ti­ker.

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