Wo nur das Dro­gen­ge­schäft blüht

Af­gha­nis­tan tritt der WTO bei – Opi­um­pro­duk­ti­on ist größ­ter Wirt­schafts­zweig

Neue Osnabrucker Zeitung - Georgsmarienhutte, Bad Iburg, Hilter - - WIRTSCHAFT -

Mehr als elf Jah­re hat es ge­dau­ert, bis das Land end­lich hin­ein­durf­te: Af­gha­nis­tan ist seit Frei­tag das 164. Mit­glied der Welt­han­dels­or­ga­ni­sa­ti­on (WTO). Der größ­te Wirt­schafts­zweig ist der Dro­gen­an­bau und -han­del.

KABUL. Das Land hat­te sich 2004 zum ers­ten Mal für die WTO be­wor­ben. Nur – mit wel­cher Wirt­schaft geht Af­gha­nis­tan jetzt ei­gent­lich in die glo­ba­le Han­dels­ge­mein­schaft? Das Land ist vor al­lem be­kannt als ei­nes der ärms­ten Län­der der Welt, zu­dem ei­nes mit ag­gres­si­ven Is­la­mis­ten, die das Land zu­neh­mend mit Ge­walt über­zie­hen. Bis zu 250 000 Men­schen, so sagt die Re­gie­rung in Kabul, ha­ben im ver­gan­ge­nen Jahr Af­gha­nis­tan ver­las­sen. Das Wirt­schafts­wachs­tum lag 2015 bei nur 1,5 Pro­zent.

Ei­ne Wei­le sah das an­ders aus. Zwi­schen 2002 und 2012 gab es ein jähr­li­ches Wirt­schafts­wachs­tum von – nach un­ter­schied­li­chen Qu­el­len – durch­schnitt­lich sie­ben bis elf Pro­zent. Ei­nen gro­ßen Teil da­von ver­dank­te Af­gha­nis­tan al­ler­dings der An­we­sen­heit Tau­sen­der Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen und zeit­wei­se bis zu 130 000 Sol­da­ten der in­ter­na­tio­na­len Schutz­trup­pe Isaf. Sie ka­men mit mil­li­ar­den­schwe­ren Ver­trä­gen, et­wa für das Trans­port- oder Bau­ge­wer­be. Die­ser zwi­schen­zeit­li­che Auf­schwung en­de­te aber mit dem Ab­zug der ers­ten Trup­pen und vie­ler zi­vi­ler Or­ga­ni­sa­tio­nen ab 2013.

Im April hieß es in ei­ner Welt­bank-Ana­ly­se: „Die sich ver­schlech­tern­de Si­cher­heits­la­ge und die an­hal­ten­de po­li­ti­sche Un­si­cher­heit un­ter­gra­ben das Ver­trau­en des pri­va­ten Sek­tors und wirt­schaft­li­che Ak­ti­vi­tä­ten.“Gleich­zei­tig wach­se die Be­völ­ke­rung hier in der Pro­vinz Hel­mand, ar­bei­ten vie­le Af­gha­nen. Aus der Pflan­ze wird Opi­um ge­won­nen, das zu He­ro­in wei­ter­ver­ar­bei­tet wird. um drei Pro­zent jähr­lich, wäh­rend die Er­trä­ge der Land­wirt­schaft zu­rück­gin­gen. Die Ar­mut wach­se.

Die stärks­te In­dus­trie ist im­mer noch das il­le­ga­le Dro­gen­ge­schäft, al­so der Schlaf­mohn­an­bau und die Opi­um­pro­duk­ti­on. Das, so heißt es in Pa­pie­ren der UN und der Welt­bank, ma­che leicht zwi­schen ei­nem Drit­tel und der Hälf­te der ge­sam­ten Wirt­schafts­leis­tung aus. Auch des­halb, weil das Dro­gen­ge­schäft so eng ver­bun­den mit vie­len le­ga­len Wirt­schafts­zwei­gen sei, zum Bei­spiel dem Trans­port­ge­schäft.

Das Ge­schäft mit den Dro­gen, so ar­gu­men­tiert Van­da Fel­bab-Brown vom US-Re­cherchein­sti­tut Broo­kings, un­ter­stützt tat­säch­lich vie­le Men­schen und soll­te nicht an­ge­grif­fen wer­den, oh­ne Al­ter­na­ti­ven an­zu­bie­ten. Al­ter­na­ti­ven aber las­sen sich kaum fin­den, wenn sich Ent­wick­lungs­hel­fer zu­rück­zie­hen.

Und dort, wo Af­gha­nis­tan reich ist – an Er­zen und an­de­ren Roh­stof­fen –, herrscht Cha­os. Die La­pis­la­zu­li-Mi­nen im Nor­den wer­den nicht vom Staat, son­dern von Kriegs­her­ren aus­ge­beu­tet. Die gro­ßen Vor­kom­men von Kup­fer, Gold und an­de­ren Bo­den­schät­zen lie­gen oft in Ge­gen­den, in de­nen der Ab­bau zu un­si­cher ist. An­sons­ten zei­gen die Bil­der aus Af­gha­nis­tan vor al­lem Klein­und Kleinst­un­ter­neh­men.

Kein Boom durch Bei­tritt

Nie­mand sol­le mit dem WTO-Bei­tritt ein ra­pi­des Wirt­schafts­wachs­tum er­war­ten, meint der ehe­ma­li­ge Chef der Welt­bank in Af­gha­nis­tan, Wil­li­am Byrd. Und selbst ei­ne mo­de­ra­te Er­ho­lung kön­ne es nur zu­sam­men mit ei­ner Ver­bes­se­rung der Si­cher­heits­la­ge ge­ben. Nach der sieht es der­zeit nicht aus.

Trotz­dem wird Af­gha­nis­tan von der WTO-Mit­glied­schaft pro­fi­tie­ren. Im Ok­to­ber fin­det in Brüssel die nächs­te gro­ße Af­gha­nis­tan­kon­fe­renz statt. Die in­ter­na­tio­na­le Ge­mein­schaft wird dort über die fi­nan­zi­el­le Hil­fe über 2017 hin­aus ent­schei­den. Dass Af­gha­nis­tan al­le Hür­den für den Bei­tritt in die WTO ge­nom­men hat, wird vie­len ge­fal­len. Es könn­te sie ge­neig­ter ma­chen, Geld zu ge­ben.

Auf den Schlaf­mohn­fel­dern, Fo­to: dpa

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.