Papst Fran­zis­kus be­sucht Au­schwitz

Papst Fran­zis­kus be­sucht das frü­he­re Ver­nich­tungs­la­ger Au­schwitz-Bir­ken­au in Po­len

Neue Osnabrucker Zeitung - Georgsmarienhutte, Bad Iburg, Hilter - - VORDERSEITE - Fo­to: dpa

Der gu­te Hir­te im La­ger des Grau­ens: Papst Fran­zis­kus hat im ehe­ma­li­gen Ver­nich­tungs­la­ger Au­schwitz in al­ler Stil­le der Ho­lo­caust-Op­fer ge­dacht und Gott um Ver­ge­bung für die Gräu­el ge­be­ten. Bei sei­nem zwei­stün­di­gen Be­such im Stamm­la­ger so­wie im Ver­nich­tungs­la­ger Bir­ken­au hielt der Papst im­mer wie­der in­ne, um zu be­ten. Er traf auch Über­le­ben­de so­wie Men­schen, die im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus un­ter Ein­satz ih­res Le­bens Ju­den vor dem Tod ret­te­ten.

Für den Papst ist es ein Tag des Schwei­gens und des Lei­dens. Fran­zis­kus setzt sich mit sei­nem stil­len Be­such in Au­schwitz von sei­nen Vor­gän­gern ab. Dann fin­det er doch noch ein paar Wor­te.

AU­SCHWITZ. Es ist ein Weg in die Dun­kel­heit. Papst Fran­zis­kus geht ge­beugt, lang­sam, mit ge­senk­tem Kopf in den To­des­bun­ker im frü­he­ren Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Au­schwitz. Der Weg führt ihn in die Zel­le hin­ab, in der der Fran­zis­ka­ner­mönch Ma­xi­mi­li­an Kol­be dem Tod ent­ge­gen­hun­ger­te, bis er vor 75 Jah­ren mit ei­ner Gift­sprit­ze er­mor­det wur­de, weil er sein Le­ben für ei­nen an­de­ren Häft­ling ge­ge­ben hat­te. Ei­ne Spur von Licht fällt durch das ver­git­ter­te Fens­ter. Fran­zis­kus setzt sich und ver­harrt mi­nu­ten­lang im Ge­bet.

Von die­sem Papst-Be­such in dem ehe­ma­li­gen deut­schen Ver­nich­tungs­la­ger auf pol­ni­schem Bo­den wer­den we­nig Wor­te, aber ent­schei­den­de Ges­ten in Er­in­ne­rung blei­ben. Die we­ni­gen Wor­te lau­ten: „Herr, ha­be Er­bar­men mit dei­nem Volk. Herr, ver­gib uns so viel Grau­sam­keit.“Sie ste­hen in kra­ke­li­ger klei­ner Schrift im Be­su­cher­buch der Ge­denk­stät­te. Un­ter­schrift: Fran­zis­kus.

Viel ist im Vor­feld über das Schwei­gen des ar­gen­ti­ni­schen Paps­tes ge­re­det wor­den. Ob es an­ge­mes­sen sei, an ei­nem Ort, an dem die Na­zis mehr als 1,1 Mil­lio­nen Men­schen – vor al­lem Ju­den – er­mor­de­ten, nicht das Wort zu er­grei­fen. Ob es an­ge­mes­sen sei für das Ober­haupt der ka­tho­li­schen Kir­che, der im­mer wie­der vor­ge­wor­fen wird, wäh­rend der Na­zi­herr­schaft nicht die Stim­me ge­gen die Ver­bre­chen er­ho­ben zu ha­ben. Fran­zis­kus’ Vor­vor­gän­ger, der Po­le Jo­han­nes Paul II., hat­te hier 1979 ei­ne Mes­se ge­hal­ten. Und der deut­sche Papst Be­ne­dikt XVI. hielt hier 2006 ei­ne An­spra­che. Auch Be­ne­dikt hat­te vor zu schwei­gen, aber als deut­scher Papst hät­te er da­mit wohl ein fal­sches Si­gnal ge­sen­det. In sei­ner Re­de klag­te Be­ne­dikt das Schwei­gen Got­tes an.

Jü­di­sche Ver­bän­de lob­ten nun Fran­zis­kus’ Ges­te. „Die Stil­le sagt manch­mal mehr als al­le Wor­te“, sagt am Frei­tag ein Rab­bi­ner aus Bu­e­nos Ai­res, der den Be­such vor Ort ver­folgt hat­te. „Das Schwei­gen er­tönt um­so lau­ter.“

Auch die, die die Ver­bre­chen am ei­ge­nen Leib er­lebt ha­ben, sind zu­frie­den. „Ich ha­be den Be­such als an­rüh­rend und be­we­gend emp­fun­den. Sein Blick war rich­tig tief, er hat sich mit je­dem von uns be­fasst“, sagt die Über­le­ben­de Eva Um­lauf nach der Be­geg­nung mit dem Papst.

Ei­ne an­de­re frü­he­re Ge­fan­ge­ne sieht das an­ders. „Ob er et­was sagt oder nicht – ich bin kein re­li­giö­ser Mensch, es sagt mir al­so so oder so nichts“, sagt Ro­za Kr­zy­wo­blo­cka-Lau­row. „Aber es ist na­tür­lich wich­tig, wenn je­mand wie der Papst mit sei­ner An­we­sen­heit an das er­in­nert, was hier ge­sche­hen ist“, fügt sie hin­zu. „Er muss­te nichts sa­gen, man konn­te spü­ren, dass er er­grif­fen war. Ich den­ke, er ist ein sehr fein­füh­li­ger Mensch“, sagt Ma­ria Au­gus­tyn, de­ren El­tern ein jü­di­sches Paar vor den Na­zis ver­steckt hat­ten und da­mit ihr ei­ge­nes Le­ben ris­kier­ten.

Es sind ih­re Schick­sa­le, die hier im Vor­der­grund ste­hen. Die der al­ten, ge­brech­li­cher und im­mer we­ni­ger wer­den­den Zeit­zeu­gen. „Wir müs­sen Zeug­nis ab­le­gen, aber 90 Pro­zent von uns sind mit ih­rem Zeug­nis als grau­wei­ßer Rauch durch den Schorn­stein ge­gan­gen“, er­in­nert Ro­man Kent, Prä­si­dent des In­ter­na­tio­na­len Au­schwitz-Ko­mi­tees. Er hält das Schwei­gen für ei­ne schö­ne Ges­te. „Aber auf der an­de­ren Sei­te will man hö­ren, was der Papst sagt. Denn auch wenn wir noch le­ben, er­schei­nen lei­der sol­che Be­rich­te, die hin­ter­fra­gen, ob es das tat­säch­lich ge­ge­ben hat oder nicht.“

Men­schen wie Kent kom­men an die­sem schwü­len Tag ge­bückt, im Roll­stuhl oder am Stock. Ei­ni­ge sind über 100 Jah­re alt. Die Über­le­ben­den, die der Papst nicht per­sön­lich trifft, war­ten auf dem Ge­län­de des da­ma­li­gen Ver­nich­tungs­la­gers Bir­ken­au un­ter schwar­zen Schir­men in der Son­ne. Ein Ba­by be­ginnt zu schrei­en, als der 79-jäh­ri­ge Pon­ti­fex schwei­gend an den Ge­denk­ta­feln vor­bei­geht. Im Hin­ter­grund ste­hen die Rui­nen der Gas­kam­mern und Kre­ma­to­ri­en. Kin­der­ge­schrei, das ist auch ein Zei­chen, das Hoff­nung ge­ben kann. Ge­ra­de weil der Papst sei­nen Be­such in Au­schwitz in den Welt­ju­gend­tag ein­ge­bet­tet hat, der der­zeit in Kra­kau statt­fin­det.

Fo­to: imago/epd

An­däch­tig sitzt Papst Fran­zis­kus im frü­he­ren KZ Au­schwitz der To­des­zel­le von Pa­ter Ma­xi­mi­li­an Kol­be (1894-1941). Der pol­ni­sche Or­dens­mann hat­te sich frei­wil­lig für ei­nen Mit­häft­ling ge­op­fert und ging für die­sen in den Tod.

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