Kli­ma­kon­fe­renz: Ber­lin sagt wei­te­re Mil­lio­nen zu

Wie Chi­le mit deut­scher Un­ter­stüt­zung zum Kli­ma­schutz-Vor­rei­ter wer­den will

Neue Osnabrucker Zeitung - Georgsmarienhutte, Bad Iburg, Hilter - - VORDERSEITE - Von Phil­ipp He­de­mann

KNA BONN. Bun­des­prä­si­dent Frank-Wal­ter St­ein­mei­er wird heu­te die fi­na­le Pha­se der Welt­kli­ma­kon­fe­renz in Bonn er­öff­nen. Da­zu wer­den auch UN-Ge­ne­ral­se­kre­tär An­to­nio Gu­ter­res und der Vor­sit­zen­de der UN-Voll­ver­samm­lung, der slo­wa­ki­sche Au­ßen­mi­nis­ter Mi­ros­lav La­j­cak, er­war­tet. Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel und Frank­reichs Prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron wer­den Re­den hal­ten.

Deutsch­land kün­dig­te an, wei­te­re 125 Mil­lio­nen USDol­lar (107 Mil­lio­nen Eu­ro) für Kli­ma­ver­si­che­run­gen in Ent­wick­lungs­län­dern be­reit­zu­stel­len. Die­se sol­len die ärms­ten Men­schen vor den Aus­wir­kun­gen von Wet­ter­ex­tre­men wie Stür­men und Dür­re bes­ser schüt­zen.

Un­ter­des­sen ging es ges­tern in Bonn auch dar­um, wie Wäl­der Tem­pe­ra­tur­an­stie­ge ver­kraf­ten.

Chi­le hat mit High­tech und Er­fah­run­gen aus der deut­schen Ener­gie­wen­de die Ener­gie­re­vo­lu­ti­on aus­ge­ru­fen. Aus­ge­rech­net in der tro­cke­nen Ata­ca­maWüs­te läuft ein in­ter­es­san­tes Ex­pe­ri­ment.

SANTIAGO DE CHI­LE. Die in­ten­sivs­te Son­nen­ein­strah­lung der Welt, die tro­ckens­te Wüs­te der Welt, die größ­te Kup­fer­mi­ne der Welt mit ei­nem rie­si­gen Ener­gie­be­darf. Al­les an ei­nem Ort – und kaum Men­schen, die das Ex­pe­ri­ment stö­ren kön­nen. Bes­se­re Ver­suchs­be­din­gun­gen hät­te sich kein Wis­sen­schaft­ler aus­den­ken kön­nen. In der chi­le­ni­schen Ata­ca­ma-Wüs­te exis­tie­ren sie wirk­lich. Mit in­ter­na­tio­na­lem Know-how und deut­scher Er­fah­rung will der An­den­staat jetzt zum welt­wei­ten Vor­rei­ter der Ener­gie­wen­de und des Kli­ma­schut­zes wer­den. Da­von wol­len auch deut­sche Un­ter­neh­men pro­fi­tie­ren.

Er ist schon vom Flug­zeug aus zu se­hen. 210 Me­ter hoch er­hebt sich der Turm über die graue Ata­ca­ma-Wüs­te. Das zweit­höchs­te Ge­bäu­de Chi­les ist ein ech­tes Leucht­tur­mPro­jekt und das Herz­stück der ers­ten Kon­zen­trier­ten So­lar­ener­gie-An­la­ge Süd­ame­ri­kas. 10 600 je­weils 144 Qua­drat­me­ter gro­ße Spie­gel sol­len schon bald die Ener­gie der Son­ne auf die Spit­ze des Tur­mes fo­kus­sie­ren und so 50000 Ton­nen Salz auf 545 Grad er­hit­zen. Die ge­schmol­ze­nen Kris­tal­le wer­den dann Was­ser ver­damp­fen, das ei­ne ge­wal­ti­ge Tur­bi­ne an­trei­ben und so bis zu 110 Me­ga­watt Strom er­zeu­gen kann. Ge­nug Ener­gie für mehr als 380 000 Haus­hal­te. Weil das ver­flüs­sig­te Salz die Ener­gie der Son­ne 17,5 St­un­den spei­chert, kann das Kraft­werk 24 St­un­den am Tag, 365 Ta­ge im Jahr Strom lie­fern.

„Ich bin sehr stolz, dass wir hier schon bald die welt­wei­te Ener­gie­re­vo­lu­ti­on mit vor­an­trei­ben wer­den“, sagt Ivan Ara­ne­da. Er ist der Mann, der den Son­nen­turm in der Wüs­te baut oder, bes­ser ge­sagt, end­lich fer­tig­bau­en will. Denn mo­men­tan steht auf sei­ner Me­ga­bau­stel­le al­les still. Im letz­ten Jahr wu­sel­ten hier noch je­den Tag bis zu 2000 Bau­ar­bei­ter und In­ge­nieu­re her­um. Mit Over­alls, Hel­men und Son­nen­bril­len schütz­ten sie sich vor den Strah­len, die nicht nur Salz schmel­zen, son­dern auch die Haut in Mi­nu­ten ver­bren­nen kön­nen.

Vor ein­ein­halb Jah­ren mel­de­te die spa­ni­sche Fir­ma, die das Kraft­werk in der Ata­ca­ma bau­en woll­te, Kon­kurs an, seit­dem ste­hen die Krä­ne auf dem fast fer­ti­gen Turm still. Mitt­ler­wei­le sind die Ver­hand­lun­gen mit neu­en Geld­ge­bern in ei­ner ent­schei­den­den Pha­se. Auch die deut­sche Kre­dit­an­stalt für Wie­der­auf­bau (KfW) über­legt, sich mit ei­nem 100-Mil­lio­nen-Eu­roKre­dit an dem Ei­ne-Mil­li­ar­de-Eu­ro-Pro­jekt zu be­tei­li­gen. Ara­ne­da hofft, dass die Ver­trä­ge bald un­ter­schrie­ben wer­den. Der un­ge­dul­di­ge Chi­le­ne will nicht noch mehr Zeit ver­lie­ren, wäh­rend die Son­ne je­den Tag vom wol­ken­lo­sen Him­mel scheint. Was für an­de­re schö­nes Wetter ist, ist für den So­lar­ma­na­ger ver­schwen­de­te Ener­gie und so­mit ver­schwen­de­tes Geld.

Hil­fe durch die GIZ

Und die Son­ne sorgt nicht nur in der Wüs­te für Gold­grä­ber­stim­mung. Auch Ener­gie­mi­nis­ter An­drés Re­bol­le­do in der zwei Flug­stun­den süd­lich ge­le­ge­nen Haupt­stadt Santiago de Chi­le ist bes­tens ge­launt. „Was un­ser Land gera­de er­lebt, ist kei­ne Ener­gie­wen­de, das ist ei­ne Ener­gie­re­vo­lu­ti­on!“2014 mach­ten Son­ne und Wind gera­de mal sechs Pro­zent am chi­le­ni­schen Ener­gie­mix aus, jetzt sind es 19 Pro­zent. Bis 2035 soll be­reits 60 Pro­zent des Stro­mes mit er­neu­er­ba­rer Ener­gie pro­du­ziert wer­den, und die meis­ten Ex­per­ten ge­hen da­von aus, dass die­ses Ziel über­trof­fen wird.

Dass Chi­le sich vor ei­ni­gen Jah­ren auf sei­ne er­neu­er­ba­ren Ener­gi­en be­sann, lag auch an Deutsch­land. Denn das deut­sche Um­welt­mi­nis­te­ri­um un­ter­stützt Chi­le durch die Deut­sche Ge­sell­schaft für In­ter­na­tio­na­le Zu­sam­men­ar­beit (GIZ) beim Kli­ma­schutz. So be­rech­ne­te die GIZ zu­sam­men mit dem Ener­gie­mi­nis­te­ri­um das Po­ten­zi­al der er­neu­er­ba­ren Ener­gi­en in Chi­le. Das Er­geb­nis: Das Land könn­te mehr als das Hun­dert­fa­che des ge­sam­ten ak­tu­el­len Strom­ver­brauchs aus er­neu­er­ba­ren Qu­el­len ge­win­nen.

GIZ-Fach­leu­te be­glei­te­ten den Ener­gie­mi­nis­ter zu­dem mehr­fach nach Deutsch­land. „Nach sei­ner Rück­kehr sag­te er: ,Wenn die Deut­schen es un­ter viel schwie­ri­ge­ren Be­din­gun­gen schaf­fen, er­neu­er­ba­re Ener­gie zu pro­du­zie­ren – dann pa­cken wir das auch‘ “, er­in­nert sich Rai­ner Schrö­er, Lei­ter des GIZ-Ener­gie­pro­gramms in Chi­le.

Obers­tes Ziel der chi­le­ni­schen Ener­gie­re­vo­lu­ti­on ist ei­ne ver­läss­li­che und güns­ti­ge Ener­gie­ver­sor­gung. Der Kli­ma­schutz ist nach­ran­gig. Dar­um tre­ten al­le Ener­gie­for­men in ei­nen of­fe­nen Wett­kampf. Chi­le fährt seit der Pi­no­chet-Dik­ta­tur ei­nen äu­ßerst wirt­schafts­li­be­ra­len Kurs, kei­ne Ener­gie­form wird sub­ven­tio­niert. Das Ein­zi­ge, was zählt, ist der Preis. Dass sich da­bei zu­letzt oft die Er­neu­er­ba­ren durch­set­zen, liegt dar­an, dass sie meist am bil­ligs­ten sind. In Chi­le wird mitt­ler­wei­le der güns­ti­ge So­lar­strom der Welt pro­du­ziert.

Bre­mer Fir­ma da­bei

Dass die­ser preis­wer­te Strom auch noch grün ist, ist für Mi­nis­ter Re­bol­le­do je­doch mehr als nur ein po­si­ti­ver Ne­ben­ef­fekt. „Chi­le ist äu­ßerst an­fäl­lig für die Aus­wir­kun­gen des Kli­ma­wan­dels. Dar­um ist uns die Be­kämp­fung der Er­der­wär­mung wich­tig“, sagt der Mi­nis­ter, des­sen Land sich mit dem Pa­ri­ser Kli­ma­ab­kom­men da­zu ver­pflich­tet hat, sei­ne Emis­sio­nen bis zum Jahr 2030 im Ver­gleich zu 2007 um 30 Pro­zent zu sen­ken.

Un­ter­neh­men aus den USA, Spa­ni­en, Ita­li­en, Frank­reich, Ir­land, Ja­pan und Ko­rea ha­ben in Chi­les neu­er Ener­gie­stra­te­gie be­reits gro­ße Chan­cen er­kannt, deut­sche Fir­men mi­schen bis­lang kaum mit. Der Mi­nis­ter er­klärt sich das so: „Die Deut­schen sind es wohl nicht ge­wohnt, sich oh­ne Sub­ven­tio­nen dem Wett­be­werb zu stel­len.“Zu­min­dest dem Wind­park-Ent­wick­ler wpd tut der Mi­nis­ter da­mit un­recht. Das Bre­mer Un­ter­neh­men will bis 2022 im Sü­den Chi­les drei Wind­parks mit mehr als 100 Ro­to­ren und ei­ner Leis­tung von 350 Me­ga­watt in­stal­lie­ren. In­ves­ti­ti­ons­sum­me: mehr als 500 Mil­lio­nen Eu­ro. wpd-Lan­des­di­rek­tor Lutz Kin­der­mann: „Wenn wir nicht glau­ben wür­den, dass wir in Chi­le auch oh­ne Sub­ven­tio­nen er­folg­reich Pro­jek­te um­set­zen kön­nen, wä­ren wir nicht hier.“

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Fo­tos: Tho­mas Imo/pho­to­thek

High­tech in der Wüs­te: Ei­ne 100-Me­ga­watt-Fo­to­vol­ta­ik-An­la­ge in der Ata­ca­ma-Wüs­te lie­fert be­reits jetzt Strom (links). In­ge­nieu­re de­mons­trie­ren in­des die kon­zen­trier­te So­lar­ener­gie-An­la­ge: 10 600 je­weils 144 Qua­drat­me­ter gro­ße Spie­gel sol­len die Son­nen­strah­len auf die Spit­ze des Tur­mes (oben) fo­kus­sie­ren.

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