Buch­mes­se ist mehr als ein Marktplatz

Zwi­schen Event und Li­te­ra­tur: Die Frank­fur­ter Buch­mes­se ist mehr als ein gro­ßer Marktplatz

Neue Osnabrucker Zeitung - Georgsmarienhutte, Bad Iburg, Hilter - - VORDERSEITE - Von Ste­fan Lüd­de­mann Fo­tos: dpa/Frank Rum­pen­horst, Ar­ne De­dert, Andre­as Arnold, Lin­da Say

FRANK­FURT „Mei­ne Kul­tur­sze­ne“: Die neue Se­rie star­tet mit ei­nem Be­such auf der Frank­fur­ter Buch­mes­se. Wir tref­fen Stars und hö­ren auf die Stim­men der Li­te­ra­tur.

„Mei­ne Kul­tur­sze­ne“: In un­se­rer neu­en Se­rie por­trä­tie­ren wir Schau­plät­ze und For­ma­te der Kul­tur. Un­se­re Er­kun­dungs­gän­ge durch die Sze­nen der Kul­tur be­gin­nen wir mit ei­nem Be­such auf der Frank­fur­ter Buch­mes­se.

FRANK­FURT Sie ist ein Ge­zei­ten­strom der Ge­sprä­che und Ge­schich­ten, laut, un­über­sicht­lich, tur­bu­lent. Für mich aber be­ginnt die Frank­fur­ter Buch­mes­se mit fünf lei­sen Stim­men. Sie hei­ßen Yas­ser, Mah­di oder Sa­mi­ul­lah, sie tre­ten ein­zeln vor das Mi­kro­fon, le­sen schüch­tern ih­re Ge­dich­te vor. Die fünf Jun­gen und Mäd­chen kom­men aus Af­gha­nis­tan, aus Sy­ri­en oder dem Irak. Sie le­sen in ei­nem Ho­tel im Frank­fur­ter Bahn­hofs­vier­tel. „The Trip. An ei­nem Tag um die Welt“: Mit die­sem Slo­gan wirbt das Ho­tel. Yas­ser, Mah­di und die an­de­ren ha­ben an­de­re Rei­sen hin­ter sich, sie er­zäh­len in ih­ren Ge­dich­ten von Flucht, Ver­trei­bung, sie er­zäh­len in den Spra­chen ih­rer Hei­mat. Yas­ser, Mah­di und die an­de­ren star­ten „Book­fest“, das Event­for­mat, mit dem die Buch­mes­se beim Pu­bli­kum punk­ten will.

Ge­dich­te Ge­flüch­te­ter

Ich ha­be die Stim­men von Yas­ser, Mah­di und den an­de­ren noch im Ohr. Aber plötz­lich bran­det von Fer­ne Ap­plaus auf, der al­les über­tönt. Ich ge­he durch die Hal­le 3.1 des Mes­se­ge­län­des, fol­ge zwi­schen Ver­lags­stän­den dem auf­bran­den­den Ap­plaus, drän­ge mich von hin­ten in ei­ne Men­schen­trau­be, schaue über Köp­fe hin­weg. Auf dem Blau­en So­fa sitzt, nein rekelt sich Mi­chel­le Hun­zi­ker. „Ein schein­bar per­fek­tes Le­ben“: Hun­zi­ker be­rich­tet von Gu­rus, in de­ren Fän­ge sie ge­riet, von Le­bens­be­ra­tern, die ihr mit eso­te­ri­schen Sprü­chen das Geld ab­schwatz­ten, aber sie strahlt und schä­kert so auf­ge­regt, dass je­der Zu­schau­er weiß: Der Hun­zi­ker geht es wie­der gut, Gott und ei­nem Best­sel­ler sei Dank. Die Mo­de­ra­to­rin und Ex-Gat­tin von Eros Ra­maz­z­ot­ti hat es auf der Buch­mes­se ge­schafft. Wer auf dem Blau­en So­fa Platz nimmt, sitzt im Schein­wer­fer­licht.

Gleich ne­ben­an werden die Ge­schäf­te ab­ge­schlos­sen, die un­ter an­de­ren Pro­mis wie Mi­chel­le Hun­zi­ker auf dem Buch­markt plat­zie­ren. Wäh­rend die Hun­zi­ker noch auf­ge­regt ih­re Le­bens­weis­hei­ten un­ter das Volk bringt, ge­he ich wei­ter. Aus den Mes­se­stän­den der Ver­la­ge trifft mich man­cher ta­xie­ren­de Sei­ten­blick. Auf Mes­se­stän­den und in Bü­cher­ko­jen sit­zen Lek­to­ren und Ver­lags­ver­tre­ter mit Li­te­ra­tur­agen­ten und Buch­händ­lern zu­sam­men. Hier werden Ge­schäf­te ab­ge­schlos­sen. Gro­ße Häu­ser wie Han­ser oder Suhr­kamp ha­ben die wich­ti­gen De­als, wie es bei den Pro­fis heißt, schon klar, be­vor die Mes­se ih­re To­re öff­net. Ver­lags­stän­de sind Aus­stel­lungs­häu­ser im Klei­nen, Kon­takt­bör­sen, Treff­punk­te, Kom­mu­ni­ka­ti­ons­zo­nen, Kno­ten­punkt für We­ge und Ge­sprä­che.

Auf dem Ge­län­de un­ter Mes­se­turm und Mar­riott-Ho­tel su­che ich mir mei­ne Kno­ten­punk­te, von de­nen aus ich Die vie­len We­ge der Li­te­ra­tur: Auf der Frank­fur­ter Buch­mes­se flu­ten die Be­su­cher­strö­me zu Mi­chel­le Hun­zi­ker, As­li Er­do­gan oder in den Pa­vil­lon des Gast­lan­des Ge­or­gi­en. auf­bre­che, zu de­nen ich wie­der zu­rück­keh­re. Auf der Ago­ra, dem Frei­ge­län­de zwi­schen den Mes­se­hal­len, schim­mert weiß der neue Frank­furt Pa­vi­li­on, mein Fa­vo­rit. Ich hö­re Dio­ge­nes-Ver­le­ger Phil­ipp Keel zu und füh­le mich in­mit­ten all der Zu­hö­rer wie in ei­ner Bü­cher­mu­schel ge­bor­gen. Für ei­nen Mo­ment er­le­be ich die größ­te Buch­mes­se der Welt mit hei­me­li­gem La­ger­feu­er­ge­fühl.

Welt der Pas­sa­gen

Ich ver­las­se den Pa­vi­li­on wie­der und steue­re die nächs­te Mes­se­hal­le an. Ich brau­che ei­nen kur­zen Mo­ment, um mich wie­der in den Be­we­gungs­fluss ein­zu­fin­den. Roll­trep­pen, Lauf­bän­der, Gän­ge, Kor­ri­do­re: Die Buch­mes­se funk­tio­niert wie ei­ne gi­gan­ti­sche Pas­sa­gen­welt, in der un­auf­hör­lich Be­we­gung flu­tet. Ver­lags­stän­de, Dis­kus­si­ons­fo­ren, Ca­fés, Re­stau­rants, In­fo-Po­ints: Sie bil­den die Kno­ten­punk­te und Ru­he­zo­nen, die es er­lau­ben, für ei­nen Mo­ment aus dem gro­ßen Ge­drän­ge aus­zu­sche­ren.

Aber wo hö­re ich die Stim­men der Li­te­ra­tur? Si­cher, mit­ten in der Mes­se­hal­le kann ich für ei­nen Mo­ment die Au­gen schlie­ßen und neh­me es dann erst recht wahr, das Grund­ge­räusch der vie­len Stim­men, das un­ab­läs­sig durch die Hal­len summt und brummt. Die Stim­men, die Spra­che er­leb­bar ma­chen, tö­nen aber durch ei­nen Pa­vil­lon des Gast­lan­des Ge­or­gi­en. Sound­ge­stal­ter ha­ben aus den ge­spro­che­nen Buch­sta­ben des ge­or­gi­schen Al­pha­bets ei­nen Klang­tep­pich kom­po­niert. Auf den Wän­den des Pa­vil­lons leuch­ten Por­träts pro­mi­nen­ter ge­or­gi­scher Au­to­ren auf, die mit uns la­chen oder zür­nen, da­zu hallt die Spra­che ih­rer Bü­cher wie ei­ne ein­zi­ge Ver­hei­ßung lo­cken­der Fremd­heit. Für lan­ge Au­gen­bli­cke schlie­ße ich die Au­gen, lau­sche und stel­le mir Schick­sa­le vor, von de­nen in die­ser Spra­che er­zählt wird, Schick­sa­le und Le­ben, von de­nen ich nichts weiß.

Die Neu­gier auf an­de­res Le­ben hat ei­nen lei­den­schaft­li­chen Le­ser aus mir ge­macht. Die bes­ten Bü­cher fin­de ich bei den Ver­la­gen, um die für mich kein Weg her­um­führt, bei Suhr­kamp und Han­ser, bei Ro­wohlt, bei Wa­gen­bach, Kie­pen­heu­er & Witsch zum Bei­spiel. Sie al­le ha­ben ih­re gro­ßen Auf­trit­te. Suhr­kamp er­öff­net die Hal­le 4.1 mit ei­nem im­po­san­ten Stand auf bei­den Sei­ten der zen­tra­len We­ge­ach­se. Ein Schrein ei­ner ei­ge­nen Text­kul­tur, der be­rühm­ten Suhr­kamp-Kul­tur. Han­ser fin­det sich in Hal­le 3.0, eher freund­lich als im­po­sant, mit ei­nem Stand, der wie ein Ca­fé wirkt, in dem man sich gern mit Freun­den zum Ge­spräch trifft. Ro­wohlt hat sei­nen Stand in Hal­le 3.1 mit ei­nem ei­ge­nen Bo­den­be­lag her­vor­ge­ho­ben. Zwi­schen den Ko­jen lädt ed­ler Holz­look mit Ro­wohlt-Schrift­zug zum li­te­ra­ri­schen Fla­nie­ren ein. Ich ge­he wei­ter, strei­fe den C.H. Beck-Ver­lag, der die Bü­cher von Jan und Alei­da Ass­mann, den dies­jäh­ri­gen Trä­gern des Frie­dens­prei­ses des Deut­schen Buch­han­dels, her­aus­gibt, las­se Bli­cke über Bild­bän­de und pom­pö­se Fak­si­mi­les al­ter Co­di­ces und Hand­schrif­ten schwei­fen.

Aber wo wird die Li­te­ra­tur wie­der zur le­ben­di­gen Stim­me? Bei As­li Er­do­gan zum Bei­spiel, die im Fo­rum Welt­emp­fang in Hal­le 4.1 vom Ver­lust der Frei­heit in ih­rem Hei­mat­land Tür­kei er­zählt. Mit trau­ri­gem Blick be­rich­tet sie von Pres­si­on und Ge­fäng­nis, von Jour­na­lis­ten, die dem Druck nach­ge­ben und sich an­pas­sen. Ein trau­ri­ger Mo­ment. Mit­ten in der Frank­fur­ter Buch­mes­se, die­ser Herz­kam­mer ei­ner welt­weit ar­bei­ten­den Text­ma­schi­ne, klagt ei­ne er­schöpft klin­gen­de Stim­me über den Ver­lust der Frei­heit, sich äu­ßern zu dür­fen.

Auch Ot­to kommt

Ich hö­re in die­sem Mo­ment wie­der die lei­sen Stim­men aus dem Ho­tel im Bahn­hofs­vier­tel, die Stim­men von Yas­ser, Mah­di und den an­de­ren. Si­cher, die Buch­mes­se er­war­tet den Welt­re­kord des größ­ten Tref­fens der Har­ryPot­ter-Fans. Und Ot­to schaut auch noch vor­bei, im Con­gress Cen­ter. Sehr laut, das al­les. Ich spü­re lie­ber den Ge­dich­ten der ge­flüch­te­ten Ju­gend­li­chen nach und fra­ge mich, ob wir ih­re Stim­men nicht ir­gend­wann viel lau­ter hö­ren werden, in ge­fei­er­ten Ro­ma­nen, ver­ehr­ten Ge­dicht­bän­den. In der Li­te­ra­tur zählt die ein­zel­ne Stim­me, die un­ser Ohr, die Ver­stand und Herz mit ei­ner Ge­schich­te er­reicht, die sie er­zählt, als wä­re es die wich­tigs­te Ge­schich­te der Welt. Auch in Frank­furt, wo die größ­te al­ler Buch­mes­sen sehr laut ist.

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