Stif­tun­gen schüt­zen vor Erb­zwist

Wie Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men beim Ge­ne­ra­ti­ons­wech­sel Zer­split­te­rung ver­hin­dern

Neue Osnabrucker Zeitung - Hagen, Hasbergen - - WIRTSCHAFT - Von Chris­toph Lüt­zen­kir­chen

Im­mer mehr mit­tel­stän­di­sche Un­ter­neh­mer grün­den Stif­tun­gen. Sie fürch­ten um den Er­halt der Fir­ma nach ih­rem Tod, wol­len ihr Le­bens­werk er­hal­ten – manch­mal auch ih­ren Na­men. Un­ter den Stif­tern fin­den sich le­gen­dä­re Grün­der.

OSNABRÜCK. Aloys Wob­ben hat es ge­tan, Paul Gau­sel­mann, Die­ter Fuchs, Gi­se­la Boh­nen­kamp und die Fa­mi­lie Mey­er. Sie bau­ten im Lau­fe ih­res Le­bens gro­ße Un­ter­neh­men auf. Und dann? Dann über­tru­gen sie gro­ße Tei­le da­von, teil­wei­se sämt­li­che An­tei­le, an ei­ne Stif­tung. Im­mer mehr Mit­tel­ständ­ler ma­chen das so. Ihr Mo­tiv: Sie wol­len das Un­ter­neh­men – nicht sel­ten ist es ihr Le­bens­werk – für die Zu­kunft er­hal­ten. Da­bei ver­las­sen sie sich aus ver­schie­de­nen Grün­den nicht al­lein auf die Fa­mi­lie.

Paul Gau­sel­mann be­gann früh, Fir­men­an­tei­le der 1957 von ihm ge­grün­de­ten Un­ter­neh­mens­grup­pe mit Sitz in Es­pel­kamp an sei­ne Kin­der zu über­tra­gen. 1993 mach­te er ei­ne über­ra­schen­de Er­fah­rung. „Mein äl­tes­ter Sohn ent­schied, sei­ne An­tei­le zu ver­äu­ßern“, er­zählt Gau­sel­mann: „Da­mit sie nicht in frem­de Hän­de ge­rie­ten, muss­ten wir ihn aus­zah­len.“Er er­kann­te, dass sich der lang­fris­ti­ge Fort­be­stand des Un­ter­neh­mens durch die Über­tra­gung auf sei­ne vier Kin­der nicht so ab­si­chern ließ wie von ihm ge­wünscht.

Es dau­er­te aber noch mehr als 20 Jah­re, bis der mitt­ler­wei­le 82-jäh­ri­ge Pa­tri­arch im De­zem­ber 2015 die „Gau­sel­mann-Fa­mi­li­en­stif­tung“grün­de­te. Dro­hen­de Än­de­run­gen in der Steu­er­ge­setz­ge­bung hat­ten den Aus­schlag ge­ge­ben. „Ich woll­te Steu­er­si­cher­heit für die Zu­kunft. Durch das Stif­tungs­mo­dell konn­ten wir die Erb­schaft­steu­er nach dem al­ten Recht vor­zie­hen“, sagt Gau­sel­mann. sich mit der Stif­tungs­grün­dung Zeit ge­las­sen. Die Stif­tung soll das Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men als Gan­zes er­hal­ten.

Doch die Kon­se­quen­zen sind ein­schnei­dend. „Wenn der Schritt in die Stif­tung voll­zo­gen ist, gilt: Weg ist weg“, sagt der Osnabrücker Ju­raPro­fes­sor Hei­ko Hell­we­ge: „Der Stif­ter be­gibt sich sei­nes Ver­mö­gens. Das ist na­he­zu ir­re­ver­si­bel, es kann nur un­ter er­heb­li­chem Auf­wand und Kos­ten rück­gän­gig ge­macht wer­den. Im Fall Gau­sel­mann be­hält die Fa­mi­lie den­noch die un­ter­neh­me­ri­sche Initia­ti­ve. Die Stif­tung ist Al­lein­ge­sell­schaf­te­rin der Gau­sel­mann Grup­pe.

Rie­gel vor­ge­scho­ben

Für ein ganz an­de­res Stif­tungs­mo­dell hat sich Gi­se­la Boh­nen­kamp ent­schie­den. Ziel war es, die un­ter­neh­me­ri­sche Hand­lungs­fä­hig­keit un­ab­hän­gig von der Fa­mi­lie in ma­xi­ma­lem Um­fang zu si­chern. Die von Frie­del Boh­nen­kamp 1950 ge­grün­de­te

Boh­nen­kamp AG mit Haupt­sitz in Osnabrück ist ein Ver­mark­ter und Groß­händ­ler von Land­ma­schi­nen­rei­fen. Franz-Jo­sef Hil­le­brandt, Vor­sit­zen­der des Stif­tungs­ku­ra­to­ri­ums und lang­jäh­ri­ger Chef der Stadt­spar­kas­se Osnabrück, er­klärt die aus­ge­klü­gel­te Stif­tungs­kon­struk­ti­on rund um die Boh­nen­kamp AG: Zu je 49,5 Pro­zent sind die Fa­mi­lie Boh­nen­kamp und die ge­mein­nüt­zi­ge Frie­del und Gi­se­la Boh­nen­kamp Stif­tung an der Boh­nen­kamp AG be­tei­ligt. Die Boh­nen­kamp Fa­mi­li­en­stif­tung hält nur ein Pro­zent der Ver­mö­gens­an­tei­le, gleich­zei­tig aber 100 Pro­zent der Stimm­rech­te.

We­der die Fa­mi­lie selbst noch die ge­mein­nüt­zi­ge Stif­tung kön­nen di­rekt auf das Un­ter­neh­men Ein­fluss neh­men. Da­mit soll­te Be­gehr­lich­kei­ten ge­zielt ein Rie­gel vor­ge­scho­ben wer­den.

„Die Fir­ma stand bei al­len Über­le­gun­gen an ers­ter Stel­le“, er­klärt Hil­le­brand, „da­nach die Fa­mi­lie und schließ­lich die ge­mein­nüt­zi­ge Stif­tung. Wir woll­ten die un­ter­neh­me­ri­sche Wil­lens­bil­dung von der Wil­lens­bil­dung im ge­mein­nüt­zi­gen Be­reich tren­nen.“

Man­gel an Nach­fol­gern

Nach Ein­schät­zung Hell­we­ges wer­den Stif­tun­gen oft aus der Not ge­grün­det, man­gels Kin­dern. Nicht sel­ten sei­en zwar Fa­mi­lie und Kin­der da, er­schie­nen aber un­ge­eig­net für die Un­ter­neh­mens­nach­fol­ge. Vie­le Grün­der hät­ten da ein ge­wis­ses Miss­trau­en. Der Ju­rist ist über­zeugt, dass der Zu­wachs an Stif­tun­gen auch mit der de­mo­gra­fi­schen Ent­wick­lung zu tun hat. Es ge­be we­ni­ger Kin­der, mehr al­te El­tern mit jun­gen Kin­dern und Patch­work­si­tua­tio­nen. Die Erb­situa­ti­on sei kom­pli­zier­ter ge­wor­den.

Aus­schlag­ge­bend dürf­te auch sein, dass Stif­tun­gen steu­er­recht­li­che Vor­tei­len ge­gen­über di­rek­ten Un­ter­neh­mens­be­tei­li­gun­gen bie­ten. At­trak­tiv sind für man­che Stif­tungs­grün­der über­dies die ge­rin­gen han­dels­recht­li­chen Pu­bli­zi­täts­pflich­ten von Stif­tun­gen. „Aus Sicht der Stif­ter sind sie ein schö­nes In­stru­ment, nicht trans­pa­rent zu sein“, er­klärt Hell­we­ge: „Des­halb set­zen vie­le Han­dels­rie­sen Stif­tungs­mo­del­le ein. Die Ge­sell­schafts­form ist dis­kret und in­trans­pa­rent.“

Fa­mi­li­en­stif­tun­gen ver­fol­gen in der Re­gel das Ziel, die Ab­kömm­lin­ge der Fa­mi­lie zu ali­men­tie­ren. Die Aus­schüt­tun­gen der Gau­sel­mann-Fa­mi­li­en­stif­tung kom­men zu glei­chen Tei­len vier „Stäm­men“zu­gu­te, die auf die Söh­ne Gau­sel­manns zu­rück­ge­hen. „So­lan­ge wir über 50 Pro­zent Ei­gen­ka­pi­tal im Un­ter­neh­men ha­ben, kön­nen wir bis zu 50 Pro­zent des Ge­winns nach Steu­ern an die Stif­tung aus­schüt­ten“, er­klärt Gau­sel­mann: „Mi­ni­mal sind es jähr­lich ein bis zwei Mil­lio­nen Eu­ro pro Stamm.“

Auch Aloys Wob­ben und die Fa­mi­lie Mey­er ha­ben zur Er­hal­tung ih­rer Un­ter­neh­men Fa­mi­li­en­stif­tun­gen ge­grün­det. Die „Aloys Wob­ben Stif­tung“ist seit 2012 al­lei­ni­ge Ge­sell­schaf­te­rin des Au­richer Wind­an­la­gen­bau­ers Ener­con. Die Pa­pen­bur­ger Fa­mi­lie Mey­er, Be­sit­ze­rin der Mey­er Werft, will ih­re Werf­ten in Deutsch­land und Finn­land in zwei deut­sche Fa­mi­li­en­stif­tun­gen ein­brin­gen. Die­ter Fuchs, Grün­der des Fuchs-Ge­würz­kon­zerns, hat Mit­te 2016 sei­ne Fir­men­an­tei­le an die ge­mein­nüt­zi­ge Die­ter-FuchsStif­tung über­tra­gen.

Stif­tungs­kon­zep­te sind im­mer weit in die Zu­kunft hin­ein ge­dacht. Die Sat­zun­gen schrei­ben die Zie­le der Stif­ter fest, sie kön­nen nach­träg­lich nur schwer ver­än­dert wer­den.

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Mehr als 20 Jah­re hat Paul Gau­sel­mann Fo­to : Da­vid Ebe­ner

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