Brüs­sels Kampf ge­gen Steu­er­grau­zo­nen

EU-Kom­mis­si­on ist an meh­re­ren Fron­ten tä­tig

Neue Osnabrucker Zeitung - Hagen, Hasbergen - - WIRTSCHAFT -

Frü­her pro­fi­lier­te sich EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­dent Juncker nicht ge­ra­de als Vor­kämp­fer ge­gen frag­wür­di­ge Steu­er­re­ge­lun­gen. Spä­tes­tens nach den „Pa­na­ma Pa­pers“weht der Wind aber aus ei­ner an­de­ren Rich­tung. Und Juncker sieht sein Haus an vor­ders­ter Front.

BRÜSSEL. „Fai­re Steu­er­re­geln sind ein Kern­stück der Kom­mis­si­ons-Agen­da!“– die Brüs­se­ler EU-Be­hör­de hat ei­ne kla­re Po­si­ti­on zur Steu­er­ge­rech­tig­keit in Eu­ro­pa. Schon zum Amts­an­tritt des Teams um den frü­he­ren lu­xem­bur­gi­schen Pre­mier­mi­nis­ter Je­an-Clau­de Juncker im Jahr 2014 rück­te die Wirt­schafts­po­li­tik in den Mit­tel­punkt: Juncker-Plan, In­ves­ti­ti­ons­fonds und eben: Steu­er­re­geln. Gut zwei Jah­re spä­ter kämpft die EU-Kom­mis­si­on an meh­re­ren Fron­ten.

Zu­nächst ein­mal ist da ei­ner der Ma­cher­ty­pen der von Br­ex­it-Hick­hack und Flücht­lings­po­li­tik arg ge­beu­tel­ten Kom­mis­si­on: Wett­be­werbs­kom­mis­sa­rin Marg­re­the Ves­ta­ger. Die dä­ni­sche So­zi­al­li­be­ra­le hat sich den Kampf ge­gen un­fai­re Ge­schäfts­prak­ti­ken in Eu­ro­pa auf die Fah­nen ge­schrie­ben. Fi­at, Star­bucks, Goog­le, Face­book: Die Lis­te der Kon­zer­ne, ge­gen die sie vor­ge­gan­gen ist be­zie­hungs­wei­se vor­geht, liest sich wie das Who’ s who der in­ter­na­tio­na­len Wirt­schaft.

Steu­er­fra­gen ge­hö­ren ei­gent­lich gar nicht ins Kern­res­sort der streit­ba­ren Dä­nin, die sich vor al­lem um il­le­ga­le Markt­kar­tel­le und Un­ter­neh­mens­über­nah­men küm­mert. Doch über den Weg der un­er­laub­ten staat­li­chen Bei­hil­fen nimmt sie zahl­rei­che Steu­er­de­als der EU-Län­der mit Groß­kon­zer­nen ins Vi­sier.

Als Ves­ta­ger En­de Au­gust den iPho­ne-Kon­zern App­le we­gen ei­ner Steu­er­ver­ein­ba­rung mit Ir­land zu ei­ner Nach­zah­lung von mehr als 13 Mil­li­ar­den Eu­ro ver­don­ner­te, kam aus na­he­zu al­len der oft zer­strit­te­nen po­li­ti­schen La­ger im Eu­ro­pa­par­la­ment gro­ße Zu­stim­mung.

„Sie und ih­re 18 Mit­ar­bei­ter und Mit­ar­bei­te­rin­nen in die­sem Be­reich ver­die­nen wirk­lich ei­nen Or­den“, ur­teil­te et­wa der grü­ne Eu­ro­pa­ab­ge­ord­ne­te Sven Gie­gold. „Frau Ves­ta­ger hat Mut be­wie­sen“, lob­te der kon­ser­va­ti­ve Eu­ro­pa­par­la­men­ta­ri­er Wer­ner Lan­gen (CDU).

Doch nicht im­mer trifft Brüssel auf der­ar­ti­ge Be­geis­te­rung. Ein an­de­res Steu­erP­res­ti­ge­pro­jekt der EU-Kom­mis­si­on kommt näm­lich nur sehr schlep­pend vor­an: die schwar­ze Lis­te für Steu­er­pa­ra­die­se. Die Idee hat­te nach dem so­ge­nann­ten Pa­na­maPa­pers-Skan­dal zu­nächst an Fahrt ge­won­nen. An­fang April hat­ten Me­di­en welt­weit über Tau­sen­de von ei­ner Kanz­lei in Pa­na­ma ge­grün­de­te Brief­kas­ten­fir­men be­rich­tet, in de­nen Po­li­ti­ker, Pro­mi­nen­te und Sport­ler ihr Ver­mö­gen ge­parkt ha­ben sol­len. An­ge­sichts teils dif­fu­ser Rechts­la­ge war je­doch un­klar, in­wie­weit es sich da­bei um il­le­ga­le Prak­ti­ken han­del­te.

Schwie­ri­ges Un­ter­fan­gen

„Pa­na­ma ver­leiht un­se­rem Pro­gramm zur Be­kämp­fung von Steu­er­be­trug noch mehr Le­gi­ti­mi­tät“, mein­te da­mals EU-Kom­mis­sar Pier­re Mosco­vici. Noch 2016 soll­te ur­sprüng­lich ei­ne ge­mein­sa­me EU-Lis­te von Län­dern mit zwei­fel­haf­ten Steu­er­prak­ti­ken er­stellt wer­den. Doch die Idee traf nicht über­all glei­cher­ma­ßen auf En­thu­si­as­mus. „85 Steu­er­oa­sen hat Por­tu­gal auf sei­ner Lis­te, Deutsch­land null. Das ist na­tür­lich ein biss­chen we­nig“, be­klag­te Mosco­vici et­wa im April im Eu­ro­pa­par­la­ment in Straß­burg. EU-wei­te Steu­er­pro­jek­te sind stets ein schwie­ri­ges Un­ter­fan­gen, da Ent­schei­dun­gen von den EU-Staa­ten ein­stim­mig ge­fällt wer­den müs­sen.

Zu gu­ter Letzt hat­te die EU-Kom­mis­si­on noch ei­ne Rei­he von Ge­set­zes­vor­ha­ben an­ge­sto­ßen, um Steu­er­re­geln zu­min­dest in­ner­halb Eu­ro­pas ein­heit­li­cher und über­sicht­li­cher zu ge­stal­ten. Schät­zun­gen zu­fol­ge ent­ge­hen Län­dern in der Eu­ro­päi­schen Uni­on jähr­lich 50 bis 70 Mil­li­ar­den Eu­ro an Ein­nah­men durch Steu­er­ver­mei­dung.

Um da­ge­gen vor­zu­ge­hen, sol­len bei­spiels­wei­se mul­ti­na­tio­na­le Kon­zer­ne mit ei­nem Jah­res­um­satz von min­des­tens 750 Mil­lio­nen Eu­ro künf­tig durch so­ge­nann­tes „Coun­try-by-Coun­try-Re­porting“Steu­ern in dem je­wei­li­gen Land be­zah­len, in dem Ge­win­ne ent­ste­hen.

Au­ßer­dem wag­te die Brüs­se­ler Be­hör­de ei­nen zwei­ten Vor­stoß für ei­ne so­ge­nann­te ge­mein­sa­me Kör­per­schaft­steu­er-Be­mes­sungs­grund­la­ge. Ein ers­ter Ver­such da­zu war vor ei­ni­gen Jah­ren we­gen man­geln­der Zu­stim­mung der EU-Staa­ten ver­san­det.

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