„Wir kön­nen das schaf­fen“

Land­rat zieht Bi­lanz für 2016 und will Flücht­lin­ge im kom­men­den Jahr noch stär­ker in­te­grie­ren

Neue Osnabrucker Zeitung - Hagen, Hasbergen - - OSNABRÜCKER LAND - Von Je­an-Charles Fays

Von der Flücht­lings­kri­se über Aus­wir­kun­gen des Ter­ror­an­schlags von Berlin auf die Re­gi­on bis zum RWE-Ak­ti­en­pa­ket und zur Zu­sam­men­ar­beit mit der Stadt: Land­rat Micha­el Lüb­bers­mann nimmt im In­ter­view Stel­lung zu den wich­tigs­ten The­men des Jah­res 2016 für den Land­kreis Osnabrück. Was war Ih­re gu­te Nach­richt des Jah­res 2016?

Die gu­te Nach­richt war, dass wir ein Mi­gra­ti­ons­zen­trum ein­ge­rich­tet ha­ben, das wir auf­grund sei­nes Vor­bild­cha­rak­ters bun­des­weit prä­sen­tie­ren konn­ten. Das ist her­aus­ra­gend.

Wel­che Nach­richt wür­den Sie 2017 ger­ne le­sen?

Der Land­kreis Osnabrück nimmt das Breit­band­the­ma er­folg­reich in An­griff. Au­ßer­dem möch­te ich, dass uns die In­te­gra­ti­on von Flücht­lin­gen so ge­lingt, wie wir sie 2015 und 2016 be­reits er­folg­reich in An­griff ge­nom­men ha­ben.

Nicht ein­mal die Hälf­te der er­war­te­ten Flücht­lin­ge ka­men 2016 in den Land­kreis, weil die Bal­kan­rou­te ge­schlos­sen wur­de und es den EU-Flücht­lings­pakt mit der Tür­kei gab. War das für Sie ei­ne gu­te Nach­richt?

Am En­de un­ter­stützt es die In­te­gra­ti­ons­ar­beit vor Ort, wenn die Zahl der Mi­gran­ten über­schau­bar bleibt. Aus Sicht der Flücht­lin­ge ist das na­tür­lich ei­ne schwie­ri­ge Si­tua­ti­on.

Wel­che Di­men­si­on hät­te die Flücht­lings­kri­se an­ge­nom­men, wenn 2016 wirk­lich die er­war­te­ten 4200 Flücht­lin­ge in den Land­kreis ge­kom­men wä­ren? Hät­ten Sie Turn­hal­len für den Schul­sport schlie­ßen müs­sen?

Wir ha­ben sehr weit­sich­tig in Wohn­raum­vor­sor­ge in­ves­tiert. So hät­ten wir si­cher ei­ne Viel­zahl der Flücht­lin­ge de­zen­tral un­ter­brin­gen kön­nen, aber es ist nicht aus­zu­schlie­ßen, dass wir auch die ei­ne oder an­de­re Turn­hal­le hät­ten schlie­ßen müs­sen.

Die Task­force Flücht­lin­ge wur­de nach ei­nem Jahr auf Eis ge­legt. Sie sag­ten bei der Ein­rich­tung der Ar­beits­grup­pe im Ok­to­ber 2015: „Zu ei­ner In­te­gra­ti­on

Land­rat Micha­el Lüb­bers­mann blickt im Ge­spräch mit Re­dak­teur Je­an-Charles Fays auf das Jahr zu­rück.

vor Ort ge­hört vor al­lem ei­ne In­te­gra­ti­on in den Ar­beits­markt mit der Nut­zung be­ruf­li­cher Qua­li­fi­ka­tio­nen.“Bis wann wol­len Sie die­ses Ziel im Land­kreis er­rei­chen?

Ei­nen fes­ten Zeit­punkt kann man da nicht nen­nen. Die Flücht­lin­ge brau­chen ei­nen sehr in­ten­si­ven Be­glei­tungs­pro­zess. Das ist sehr auf­wen­dig. Sie müs­sen sprach­lich und be­ruf­lich qua­li­fi­ziert wer­den, aber wenn wir uns in­ten­siv küm­mern, kön­nen wir das schaf­fen. Auch weil na­tür­lich die Städ­te und Ge­mein­den und die vie­len Eh­ren­amt­li­chen bei der In­te­gra­ti­ons­ar­beit in­ten­siv mit­ar­bei­ten.

Was un­ter­neh­men Sie im kom­men­den Jahr, um die mehr als 2000 Flücht­lin­ge zu in­te­grie­ren?

Wir set­zen den Pro­zess, den wir in An­griff ge­nom­men ha­ben, fort. Wir in­ten­si­vie­ren noch ein­mal das The­ma Sprach­bil­dung und -för­de­rung. Wir bie­ten den Schu­len an, dass sie über För­der­un­ter­richt die leis­tungs­schwä­che­ren Kin­der be­glei­ten kön­nen. Wir ha­ben be­reits ei­ne Rei­he von Pro­gram­men auf­ge­legt, die in 2017 wei­ter aus­ge­baut wer­den, um ge­ra­de die jun­gen Men­schen mög­lichst schnell in die Ge­sell­schaft zu in­te­grie­ren.

Gab es aus Krei­sen der AfD, die die In­te­gra­ti­on von Flücht­lin­gen per se für falsch hält, Kri­tik an der Be­reit­schaft des Land­krei­ses, Flücht­lin­ge auf­zu­neh­men?

Nein.

Bis­lang gab es in Kreis­tags­sit­zun­gen noch kei­ne Wort­mel­dun­gen der AfD. Wie ha­ben Sie die Kreis­tags­frak­ti­on der AfD seit Be­ginn der Le­gis­la­tur­pe­ri­ode wahr­ge­nom­men?

Bis­her hat die AfD in den po­li­ti­schen Gre­mi­en kon­struk­tiv mit­ge­wirkt.

Be­fürch­ten Sie, dass die Rechts­po­pu­lis­ten nach dem Ter­ror­an­schlag ei­nes Flücht­lings in Berlin auch in der Re­gi­on Osnabrück Rü­cken­wind be­kom­men?

Wir neh­men in die­sem Zu­sam­men­hang un­se­re Auf­ga­be sehr ernst, ei­ne gu­te In­te­gra­ti­ons­ar­beit zu leis­ten. Wenn wir das in der Form wei­ter vor­an­trei­ben, dann kön­nen wir den rech­ten Rand in Gren­zen hal­ten.

Wel­che Maß­nah­men müs­sen nach dem An­schlag in Berlin im Land­kreis Osnabrück er­grif­fen wer­den?

Wir ha­ben ei­ne aus­ge­spro­chen gu­te Zu­sam­men­ar­beit mit der Po­li­zei im Osnabrücker Land. Wir stim­men uns sehr in­ten­siv ab, und ich glau­be, dass die Po­li­zei bei uns ei­ne sehr gu­te Ar­beit leis­tet. Na­tür­lich sind wir nie da­vor ge­feit. An­schlä­ge kön­nen über­all pas­sie­ren.

Der Kreis steht bei der Su­che nach ei­ner Süd­kreisIGS un­ter Druck, weil Dis­sen ei­ne IGS in ei­ge­ner Trä­ger­schaft be­an­tragt und Ge­orgs­ma­ri­en­hüt­te plant, selbst ei­ne El­tern­be­fra­gung für ei­ne IGS durch­zu­füh­ren. Wie kann der Land­kreis wie­der Herr des Ver­fah­rens wer­den, um ei­ne über­ge­ord­ne­te Schul­struk­tur­pla­nung durch­zu­set­zen?

Der Land­kreis hat ein gro­ßes In­ter­es­se dar­an, dass Schul­ent­wick­lungs­pla­nung im Kon­sens mit den Städ­ten und Ge­mein­den statt­fin­det. Wir sind in in­ten­si­ven Ge­sprä­chen mit den Kom­mu­nen. Die Ent­schei­dung, ei­ne IGS in Dis­sen auf­zu­bau­en, ist ei­ne, die nicht von al­len Städ­ten und Ge­mein­den im Süd­kreis un­ter­stützt wird, aber es ist das Recht ei­nes je­den Schul­trä­gers, die Ent­schei­dung für sein Ho­heits­ge­biet zu tref­fen. Uns ist na­tür­lich dar­an ge­le­gen, dass al­le Städ­te und Ge­mein­den wei­ter­hin gut mit­ein­an­der aus­kom­men.

Se­hen Sie durch Al­lein­gän­ge wie in Dis­sen klei­ne­re Ober­schul-Stand­or­te wie in Hil­ter ge­fähr­det?

Das lässt sich nicht vor­her­sa­gen. Gu­te päd­ago­gi­sche Ar­beit ist im­mer noch der we­sent­li­che Fak­tor da­für, ei­nen Stand­ort zu er­hal­ten. Wenn das ge­lingt, ha­be ich da kei­ne Sor­ge.

Das RWE-Ak­ti­en­pa­ket des Land­krei­ses war vor Jah­ren noch ein Viel­fa­ches wert. War­um ist erst in die­sem Jahr die Ent­schei­dung ge­fal­len, es zu ver­kau­fen?

Die RWE war bis­her im­mer ein stra­te­gi­scher Part­ner, weil sie die Net­ze für den Land­kreis ge­hal­ten hat. Jetzt ha­ben sich die Rah­men­be­din­gun­gen ver­än­dert, weil die Net­ze an In­no­gy ge­gan­gen sind. Es war si­cher­lich ein we­sent­li­cher Fak­tor, dass

sich die­se stra­te­gi­sche Po­si­ti­on nicht mehr bei RWE be­fin­det. Es wer­den zwar im­mer noch 75 Pro­zent der An­tei­le von In­no­gy von RWE ge­hal­ten, aber den­noch ist es ei­ne Fi­nanz­be­tei­li­gung und kei­ne in­halt­li­che Be­tei­li­gung mehr. Das Ge­schäft wird von In­no­gy al­lein be­trie­ben.

War­um ist die Ent­schei­dung zum Ver­kauf der RWE-Ak­ti­en erst nach der Kom­mu­nal­wahl ge­fal­len?

Das sind po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen.

Auch nach der Ent­schei­dung zum Ver­kauf En­de Sep­tem­ber ist der Ak­ti­en­kurs noch wei­ter ge­fal­len. Ak­tu­ell liegt er nur zwei Eu­ro über dem his­to­ri­schen Re­kord­tief. Ist ein Ver­kauf jetzt sinn­voll?

Der­zeit wer­den Ge­sprä­che mit Fach­leu­ten ge­führt. Dann wird im nächs­ten Jahr ei­ne Ent­schei­dung ge­trof­fen.

Der Land­kreis ist lan­des­weit der ers­te mit dem Zer­ti­fi­kat „Fa­mi­li­en­ge­rech­ter Kreis“. Jetzt ha­ben Sie drei Jah­re Zeit, die Ziel­ver­ein­ba­run­gen im Rah­men des Zer­ti­fi­kats um­zu­set­zen. Was hat Prio­ri­tät? Ist die Aus­stat­tung der Grund­schu­len im Land­kreis mit Hort­plät­zen aus­rei­chend?

Es ist aus­ge­spro­chen er­freu­lich, dass es uns ge­lun­gen ist, die­ses Pro­jekt auf den Weg zu brin­gen. Im Rah­men des Pro­zes­ses wer­den wir schau­en, in­wie­weit wir un­se­re Be­treu­ung wei­ter aus­bau­en müs­sen. Un­ser Ziel ist, dass Fa­mi­lie und Be­ruf gut mit­ein­an­der ver­ein­bar sind. Das wird im Zu­ge die­ses Pro­jekts wei­ter­ver­folgt, und da­bei wird sich zei­gen, an wel­chen Stel­len wir noch Hort­plät­ze be­nö­ti­gen und wo wir uns noch bes­ser auf­stel­len müs­sen.

Die Stadt Osnabrück hat die ver­stärk­te Zu­sam­men­ar­beit mit dem Land­kreis als ei­nes der stra­te­gi­schen Zie­le bis 2020 de­fi­niert. Wie wol­len Sie die Zu­sam­men­ar­beit mit der Stadt in­ten­si­vie­ren?

Es gibt be­reits ei­ne aus­ge­spro­chen in­ten­si­ve Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen Stadt und Land­kreis Osnabrück. In­so­fern bin ich über­rascht über die Wahr­neh­mung. Den gu­ten Pro­zess der Zu­sam­men­ar­beit wer­den wir auch 2017 wei­ter vor­an­trei­ben. Din­ge, die wir ge­mein­sam ef­fi­zi­en­ter und bes­ser be­trei­ben kön­nen, wol­len wir auch ge­mein­sam in An­griff neh­men.

War­um hal­ten Sie nichts von ei­nem Re­gio­nal­mar­ke­ting-Ver­ein Osnabrücker Land nach Vor­bild des Mar­ke­ting-Ver­eins von Müns­ter und dem Müns­ter­land, Müns­ter­land e.V.?

Wir brau­chen kei­ne zu­sätz­li­chen Gre­mi­en­struk­tu­ren. Ent­schei­dend ist, in der Sa­che er­folg­reich zu ar­bei­ten. Und das tun wir be­reits. Ich er­in­ne­re nur an das ge­mein­sa­me In­no­va­tions-Cen­trum oder den ge­mein­sa­men Auf­tritt im Netz­werk Wachs­tums­re­gi­on Han­sa­li­nie als ei­ner Ko­ope­ra­ti­on zur Stär­kung des Wirt­schafts­raums ent­lang der A 1. Am En­de muss der Mehr­wert beim Bür­ger und bei der Wirt­schaft lie­gen. Wenn wir da noch Ver­bes­se­rungs­mög­lich­kei­ten se­hen, dann wer­den wir die auf je­den Fall auch in An­griff neh­men.

Wür­den Sie die Ein­füh­rung ei­nes Osnabrücker Abends in Berlin un­ter­stüt­zen, der die Re­gi­on in der Haupt­stadt bes­ser prä­sen­tiert, wie es CDU-Stadt­rats­frak­ti­ons­chef Fritz Brick­wed­de for­der­te?

Un­ser ge­mein­sa­mes In­ter­es­se ist, dass das Osnabrücker Land in Berlin bes­ser wahr­ge­nom­men wird als bis­lang. Über kon­struk­ti­ve Vor­schlä­ge freue ich mich im­mer. Am En­de lo­ten wir aus, was die wir­kungs­volls­te Maß­nah­me da­für ist.

Ei­nen Jah­res­rück­blick für die Re­gi­on fin­den Sie auch im In­ter­net un­ter noz.de/os­nabru­eck

Fo­to: Da­vid Ebe­ner

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