Hoff­nung auf Rü­cken­wind

Die Nie­der­sach­sen ent­schei­den am Sonn­tag auch über das Schick­sal des Ber­li­ner Spit­zen­per­so­nals

Neue Osnabrucker Zeitung - Hagen, Hasbergen - - VORDERSEITE - Von Bea­te Ten­fel­de

ten BER­LIN. Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel und SPD-Chef Mar­tin Schulz sind ge­schwächt aus der Bun­des­tags­wahl her­vor­ge­gan­gen. Nun hof­fen bei­de auf „Rü­cken­wind aus dem Nord­wes­ten“durch ei­nen Er­folg bei der Land­tags­wahl in Nie­der­sach­sen.

An­ge­la Mer­kel, Chris­ti­an Lind­ner, Sig­mar Ga­b­ri­el: Auf der Ziel­ge­ra­den zur nie­der­säch­si­schen Land­tags­wahl fah­ren die Par­tei­en ih­re Top-Be­set­zung auf. Ber­lin schaut ge­spannt auf Han­no­ver: Bei der Ent­schei­dung am nächs­ten Sonn­tag deu­tet al­les auf ein denk­bar knap­pes Ren­nen zwi­schen SPD und CDU hin.

BER­LIN. Mit ei­nem solch „hei­ßen Herbst“hat CDUChe­fin An­ge­la Mer­kel wohl nicht ge­rech­net. Erst die of­fe­nen An­fein­dun­gen im Wahl­kampf, dann das his­to­ri­sche 32,9-Pro­zent-De­ba­kel für die Uni­on bei der Bun­des­tags­wahl. Und auch par­tei­in­tern wird der Ton ge­gen­über der Kanz­le­rin und CDU-Che­fin rau­er. Der Grund des Grolls: Die Uni­on dürf­te auch des­halb so schlecht ab­ge­schnit­ten ha­ben, weil sich Mer­kel zwei Jah­re Zeit ließ, das lei­di­ge Streit­the­ma Flücht­lings­Ober­gren­ze bei­zu­le­gen. Der Druck schuf Fak­ten. Plötz­lich schaff­ten die Uni­ons­Schwes­tern die Sch­lich­tung an ei­nem Tag. Zu spät, mei­nen selbst Mer­kel-Freun­de.

Klar ist schon jetzt: Die nächs­te Wahl­pe­ri­ode könn­te zur schwie­rigs­ten für Mer­kel wer­den. Sie setzt al­les dar­an, die Nie­der­sach­sen­wahl zu ret­ten. Dort rausch­ten die Um­fra­ge­wer­te für den CDUKan­di­da­ten Bernd Al­t­hus­mann in Win­des­ei­le in den Kel­ler. Der Freund kla­rer An­sa­gen (Al­t­hus­mann war Kom­pa­nie­chef und hat­te den Spitz­na­men „Pan­zer“) ge­riet in die De­fen­si­ve. SPD-Mi­nis­ter­prä­si­dent Ste­phan Weil da­ge­gen – sonst eher sprö­de – ent­wi­ckel­te er­staun­li­chen Kampf­geist und sitzt Al­t­hus­mann im Na­cken. Das ließ bei CDU-Che­fin Mer­kel die Alarm­glo­cken schril­len.

Noch ei­ne Plei­te wür­de ih­re Po­si­ti­on bei der an­ste­hen­den Re­gie­rungs­bil­dung im Bund schwä­chen. Und es wür­de die De­bat­ten um ih­re Per­son be­feu­ern. Ei­ne Rück­tritts­for­de­rung aus den Rei­hen der Jun­gen Uni­on – sie kam von ei­ner CSU-Nach­wuchs­kraft – ver­sank

in Buh­ru­fen. Aber die Tat­sa­che, dass Mer­kels engs­ter Ge­treu­er, Uni­ons-Frak­ti­ons­chef Vol­ker Kau­der, bei der letz­ten Vor­stands­wahl über 50 Ge­gen­stim­men er­hielt, war ein Dämp­fer für den 68-Jäh­ri­gen, der frü­her weit über 90 Pro­zent der Stim­men ein­fuhr. Und es war ei­ne War­nung an Mer­kel. Auch des­halb ging der Frie­dens­schluss mit der CSU so schnell.

Die CDU-Vor­sit­zen­de weiß auch, dass sie sich vor ei­ner Wahl­ana­ly­se nicht drü­cken kann. Ihr Satz: „Ich se­he nicht, was wir an­ders

ma­chen sol­len“, hat­te ei­ne Wel­le der Em­pö­rung aus­ge­löst, da­bei hat­te sich Mer­kel da­mit ei­gent­lich nur auf das Wahl­kampf­kon­zept be­zo­gen. Zu­letzt hat sich die 63Jäh­ri­ge ein­deu­tig dar­auf fest­ge­legt, dass sie so­wohl als Kanz­le­rin als auch als CDUVor­sit­zen­de vol­le vier Jah­re im Amt blei­ben will. Sie trat da­mit al­len Spe­ku­la­tio­nen über ei­nen mög­li­chen vor­zei­ti­gen Amts­ver­zicht im Lauf der nächs­ten Le­gis­la­tur­pe­ri­ode ent­ge­gen.

Klar, dass die SPD in die of­fe­ne Flan­ke stößt. „An­ge­la Mer­kels Ab­stieg hat be­gon­nen“, so Frak­ti­ons­che­fin Andrea Nah­les jüngst im In­ter­view mit un­se­rer Re­dak­ti­on. „An­ge­la Mer­kels En­de der Amts­zeit hat ges­tern Abend, 18 Uhr, be­gon­nen“, sagt der ge­schei­ter­te SPD-Kanz­ler­kan­di­dat Mar­tin Schulz am Tag nach der Bun­des­tags­wahl. Er weiß, dass auch er wa­ckelt nach dem de­sas­trö­sen 20,5-Pro­zent-Er­geb­nis vom 24. Sep­tem­ber. Aber für star­ke Sprü­che Rich­tung Kanz­le­rin reicht bei Schulz die Kraft noch.

Dass ihm das Amt des SPD-Par­tei­chefs trotz des Wahl­de­ba­kels zu­nächst bleibt, hat er star­ken Für­spre­chern aus Nie­der­sach­sen zu ver­dan­ken. Ste­phan Weil woll­te Ru­he ha­ben vor der Land­tags­wahl an der Lei­ne. Ber­li­ner Per­so­nal­que­re­len kann er nicht brau­chen. Was aber kommt da­nach? Schulz ist für vie­le Ge­nos­sen ein Par­tei­chef auf Ab­ruf, der beim nächs­ten SPD-Bun­des­par­tei­tag im De­zem­ber den Platz für ei­nen Neu­an­fang frei ma­chen muss. Die SPD war nie zim­per­lich, wenn es um das Aus­wech­seln er­folg­lo­ser Ge­nos­sen geht.

Die Nie­der­sach­sen-SPD hol­te mit 27,4 Pro­zent das bes­te Zweit­stim­m­en­er­geb­nis al­ler Lan­des­ver­bän­de. SPD-Mi­nis­ter­prä­si­dent Weil hofft nun, mit ei­ner Am­pel im Amt blei­ben zu kön­nen. Den Um­fra­gen zu­fol­ge reicht es we­der für ei­ne Fort­set­zung des rot-grü­nen Re­gie­rungs­bünd­nis­ses noch für Schwarz-Gelb. Rech­ne­risch mög­lich wä­ren da­nach ei­ne Gro­ße Ko­ali­ti­on aus SPD und CDU, ein Ja­mai­kaBünd­nis aus CDU, Grü­nen und FDP und ei­ne Am­pel­Ko­ali­ti­on aus SPD, Grü­nen und FDP. Soll­te es die Lin­ke noch in den Land­tag schaf­fen, wä­re auch Rot-Ro­tG­rün denk­bar.

Fo­tos: dpa

Ber­lin blickt auf Nie­der­sach­sens Spit­zen­kan­di­da­ten: Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel setzt auf Bernd Al­t­hus­mann (Bild un­ten). SPD-Chef Mar­tin Schulz hofft auf ei­nen Er­folg von Ste­phan Weil, der in Um­fra­gen zu­letzt auf­hol­te (Bild oben).

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