Um­schwung bei Bri­ten zum Br­ex­it?

112 Wahl­krei­se, die für den EU-Aus­tritt der Bri­ten ge­stimmt hat­ten, wol­len nun doch in der EU blei­ben

Neue Osnabrucker Zeitung - Hagen, Hasbergen - - VORDERSEITE - Von Tho­mas Lud­wig

OS­NA­BRÜCK An­ge­sichts ei­ner Wahl­kreis-Um­fra­ge in Groß­bri­tan­ni­en hal­ten der li­be­ra­le Eu­ro­pa­ex­per­te Alex­an­der Graf Lambs­dorff und der Vor­sit­zen­de des Au­ßen­aus­schus­ses im EU-Par­la­ment, McA­lis­ter, ein zwei­tes Br­ex­it-Re­fe­ren­dum für an­ge­bracht.

Bahnt sich in Groß­bri­tan­ni­en ein Um­schwung für ei­nen Ver­bleib des Lan­des in der EU an? Ei­ne Um­fra­ge in den Wahl­krei­sen legt das na­he. Der FDPEu­ro­pa­ex­per­te Graf Lambs­dorff und CDUEU-Po­li­ti­ker McA­lis­ter hal­ten zwei­tes Re­fe­ren­dum für ge­recht­fer­tigt.

OS­NA­BRÜCK Eloi­se Todd schöpft Hoff­nung: „Die­se Um­fra­ge ist rich­tung­wei­send, sie zeigt, dass der Br­ex­it nicht un­ver­meid­bar ist“, freut sich die Ge­schäfts­füh­re­rin der Kam­pa­gne „Best for Bri­tain“, die sich für ei­nen Ver­bleib Groß­bri­tan­ni­ens in der EU ein­setzt. „Die Men­schen im Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reich ha­ben die ver­gan­ge­nen zwei Jah­re der Un­ge­wiss­heit mit Be­stür­zung ver­folgt und den­ken nun an­ders dar­über nach“, sag­te Todd der bri­ti­schen Zei­tung „Guar­di­an“.

Der bri­ti­sche „Ob­ser­ver“hat­te ges­tern über ei­ne Stu­die be­rich­tet, nach der 112 Wahl­krei­se, die vor zwei Jah­ren für den Aus­tritt des Kö­nig­reichs aus der EU ge­stimmt hat­ten, nun doch in der Uni­on blei­ben wol­len.

Ver­tre­ter der EU ha­ben in der Ver­gan­gen­heit wie­der­holt be­tont, den Bri­ten ste­he die Tür der Ge­mein­schaft of­fen für den Fall, dass das Land vom Br­ex­it zu­rück­tre­ten wol­le. „Ei­ne zwei­te Volks­ab­stim­mung in Kennt­nis al­ler Tat­sa­chen be­züg­lich des Br­ex­it wä­re ge­recht­fer­tigt“, sag­te der stell­ver­tre­ten­de FDP-Frak­ti­ons­chef im Bun­des­tag und lang­jäh­ri­ge Eu­ro­pa­ab­ge­ord­ne­te Alex­an­der Graf Lambs­dorff un­se­rer Re­dak­ti­on.

„Wei­ten Tei­len der Be­völ­ke­rung sind erst im Rah­men der ver­tief­ten Be­schäf­ti­gung mit dem The­ma all die Fak­ten be­kannt ge­wor­den, die von den Aus­tritts­be­für­wor­tern falsch dar­ge­stellt, ver­leug­net

oder un­ter­schla­gen wor­den wa­ren“, sag­te Graf Lambs­dorff. Und der Vor­sit­zen­de des Aus­wär­ti­gen Aus­schus­ses im Eu­ro­pa­par­la­ment, Da­vid McAl­lis­ter

(CDU), be­ton­te: „Um den bri­ti­schen EU-Aus­tritt doch noch ab­zu­wen­den, wä­re ein zwei­tes Re­fe­ren­dum er­for­der­lich. Auf den sich ab­zeich­nen­den Stim­mungs­um­schwung

im Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reich zu re­agie­ren ist Auf­ga­be der bri­ti­schen Po­li­tik.“

Vor al­lem in Nord­eng­land und in Wa­les – tra­di­tio­nel­le Hoch­bur­gen der op­po­si­tio­nel­len La­bour-Par­tei – ist der „Ob­ser­ver“-Um­fra­ge zu­fol­ge ei­ne wach­sen­de „No-Br­ex­it“Stim­mung fest­zu­stel­len. Von 632 Wahl­krei­sen im Land sei­en nun­mehr 341 für ei­nen Ver­bleib in der Eu­ro­päi­schen Uni­on. Bei der Ab­stim­mung im Ju­ni 2016 wa­ren es 229. Die La­bour-Par­tei selbst lehnt ein neu­es Re­fe­ren­dum bis­lang of­fi­zi­ell wei­ter ab.

Der Ana­ly­se zu­fol­ge ha­ben in Schott­land die Wäh­ler in ei­nem Wahl­kreis ih­re Mei­nung ge­än­dert, in En­g­land 97 und in Wa­les 14. Vor die­sem Hin­ter­grund kommt die Un­ter­su­chung zu dem Schluss, dass in­zwi­schen 53 Pro­zent al­ler stimm­be­rech­ti­gen Wäh­ler ge­gen den Br­ex­it sei­en. Das Pi­kan­te: Un­ter den Wahl­krei­sen, de­ren Wäh­ler sich um­entschie­den ha­ben, ist den An­ga­ben zu­fol­ge auch der­je­ni­ge von Ex-Au­ßen­mi­nis­ter Bo­ris John­son.

John­son galt ne­ben dem Po­pu­lis­ten und Eu­ro­pa­ab­ge­ord­ne­ten Ni­gel Fa­ra­ge als das mar­kan­tes­te Ge­sicht der „Raus aus der EU“-Kam­pa­gne und hat­te sich zu­letzt mit Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May über den Kurs bei den Br­ex­it-Ver­hand­lun­gen mit der EU über­wor­fen. Ihm und sei­nen Mit­strei­tern ist das Vor­ge­hen der Re­gie­rungs­che­fin zu lasch. Ne­ben John­son war im Ju­li des­halb auch Br­ex­it-Un­ter­händ­ler Da­vid Da­vis zu­rück­ge­tre­ten.

Dem bis­he­ri­gen Zeit­plan zu­fol­ge soll­ten die Ge­sprä­che mit der EU im Ok­to­ber die­ses Jah­res ab­ge­schlos­sen sein. In­zwi­schen aber gilt vie­len Be­ob­ach­tern ei­ne recht­zei­ti­ge Über­ein­kunft als kaum noch mach­bar. Groß­bri­tan­ni­en wür­de dann zum 30. März 2019 oh­ne jeg­li­che Ver­ein­ba­run­gen aus der Ge­mein­schaft aus­schei­den und so zum Dritt­staat oh­ne Vor­rech­te wer­den. Tat­säch­lich hät­te ein har­ter Schnitt wohl ver­hee­ren­de Fol­gen für die bri­ti­sche Wirt­schaft.

Die Be­für­wor­ter ei­nes Ver­bleibs Groß­bri­tan­ni­ens in der EU ver­stär­ken in jüngs­ter Zeit ent­spre­chen­de Kam­pa­gnen und set­zen auf ein zwei­tes Re­fe­ren­dum. Sie for­dern die Re­gie­rung in Lon­don auf, da­für den ge­setz­li­chen Rah­men zu schaf­fen.

Fo­to: AFP/Da­ni­el Le­al-Oli­vas

Kommt doch noch der Rück­zug? Bei ei­ni­gen Bri­ten hat ein Um­den­ken zum Br­ex­it statt­ge­fun­den.

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