Das Som­mer­mär­chen der Leicht­ath­le­tik

Deut­sche Sport­ler und Ver­ant­wort­li­che zie­hen sehr po­si­ti­ves EM-Fa­zit / Ein dunk­ler Schat­ten bleibt

Neue Osnabrucker Zeitung - Hagen, Hasbergen - - SPORT - Von Andre­as Kornes Fo­to: AFP (2), Wit­ters, dpa

BER­LIN Da­nach wird stets der Mo­ment ge­sucht, der ei­ne Ver­an­stal­tung ge­prägt hat. Der emo­tio­nals­te Mo­ment, je­ner, der in Er­in­ne­rung bleibt. Bei der Leicht­ath­le­tik-EM in Ber­lin war es, als Zehn­kämp­fer Ar­thur Abe­le nach den ab­schlie­ßen­den 1500 Me­tern im Ziel stand. Aus­ge­pumpt, hef­tig at­mend. Den­noch ein Lä­cheln im Ge­sicht. Und plötz­lich wur­de ihm be­wusst, was er da ge­ra­de ge­schafft hat. Eu­ro­pa­meis­ter, Kö­nig der Leicht­ath­le­ten. Als dem Ul­mer dann die Trä­nen ka­men, re­agier­te das Sta­di­on mit so viel An­teil­nah­me, dass es die­ser Mo­ment ist, der blei­ben wird. Abe­les Sieg als Ab­schluss ei­ner schier end­lo­sen Lei­dens­ge­schich­te.

Na­tür­lich gab es vie­le gro­ße Mo­men­te. Zum Bei­spiel als Gi­na Lü­ckenk­em­per zu Sil­ber über 100 Me­ter lief. Im Vor­feld der EM hat­ten sie sich beim Deut­schen Leicht­ath­le­tik-Ver­band zu­sam­men­ge­setzt und das Pro­gramm so kom­po­niert, dass es ge­nau sol­che Si­tua­tio­nen pro­vo­ziert – wenn denn die Ath­le­ten mit­ma­chen. Sie ha­ben es oft ge­tan.

Die 60500 Zu­schau­er im aus­ver­kauf­ten Olym­pia­sta­di­on am Wo­che­n­en­de tru­gen ih­ren Teil da­zu bei. „Wir hat­ten ein sa­gen­haf­tes Pu­bli­kum mit ho­hem Sach­ver­stand, das ge­nau wuss­te, was un­se­re Ath­le­ten ge­leis­tet ha­ben“, lob­te DLV-Prä­si­dent Jür­gen Kes­sing und zog ein sehr po­si­ti­ves EM-Fa­zit. „Wir hat­ten auf ein Som­mer­mär­chen für die Leicht­ath­le­tik ge­hofft, die­se Hoff­nung hat sich er­füllt.“Im Sta­di­on ha­be an al­len sechs Wett­kampf­ta­gen Gän­se­h­aut­fee­ling ge­herrscht. „Das hät­ten wir uns bes­ser nicht wün­schen kön­nen.“

Für das Olym­pia­sta­di­on wa­ren rund 300000 Ti­ckets ver­kauft wor­den. Nur zu Be­ginn hat­ten Lü­cken auf den Rän­gen ge­klafft. Sams­tag und Sonn­tag war das Sta­di­on bis auf den letz­ten Platz be­setzt. Ei­ne der­ar­ti­ge Ku­lis­se sind Leicht­ath­le­ten nicht ge­wohnt. Die Be­geis­te­rung und Dank­bar­keit, im Olym­pia­sta­di­on star­ten zu dür­fen, zog sich durch al­le In­ter­views. Vie­le schaff­ten es, die­se ge­wal­ti­ge Ener­gie für sich zu nut­zen. „Wir ha­ben das Er­geb­nis von 2016 über­trof­fen“, sag­te Chef-Bun­des­trai­ner Id­riss Gon­sch­in­s­ka. „Das war un­ser Ziel, auch wenn wir es

vor­her nicht öf­fent­lich aus­ge­ge­ben ha­ben.“Im Me­dail­len­spie­gel der Leicht­ath­le­ti­kEM lan­det das deut­sche Team auf Rang drei, knapp hin­ter Groß­bri­tan­ni­en und Po­len. Nach ab­so­lu­te Zah­len hol­te Deutsch­land mit 19 Me­dail­len so­gar am öf­tes­ten Edel­me­tall.

Bei Gon­sch­in­s­ka, dem Mann mit dem un­ver­bind­li­chen Lä­cheln, lau­fen im sport­li­chen Be­reich al­le Fä­den zu­sam­men. Sei­ne Ath­le­ten „per­for­men“und „rea­li­sie­ren Zie­le“. 125 Sport­ler hat­te er für Ber­lin no­mi­niert – die größ­te deut­sche Mann­schaft, die es je bei ei­ner EM

gab. Die ge­sam­te Sai­son sei auf Ber­lin aus­ge­rich­tet ge­we­sen, sag­te Gon­sch­in­s­ka. „Ei­ne in­ter­na­tio­na­le Meis­ter­schaft zu Hau­se zu ha­ben ist im­mer et­was ganz Be­son­de­res. Für al­le Ath­le­ten, al­le Be­treu­er.“Sie al­le hät­ten sich dem ei­ge­nen Pu­bli­kum mög­lichst gut prä­sen­tie­ren wol­len. „Na­tür­lich ge­lingt das in so ei­ner großen Mann­schaft nie je­dem Ein­zel­nen. Aber wir ha­ben sehr vie­le Sport­ler ge­se­hen, die es sehr gut ge­macht ha­ben.“

So po­si­tiv das al­les ist, auch über die­sem Fest der Leicht­ath­le­tik hing ein dunk­ler Schat­ten. Es gab min­des­tens ei­ne Sport­le­rin zu se­hen, die un­ter kon­kre­tem Do­ping­ver­dacht steht. Die Schwe­din Meraf Bah­ta hol­te über 10000 Me­ter Bron­ze, sieht sich in ih­rer Hei­mat aber ei­ner Un­ter­su­chung aus­ge­setzt. Auch den 200-Me­ter-Eu­ro­pa­meis­ter Ra­mil Gu­liyev um­wa­bern seit Jah­ren Do­ping­ge­rüch­te. Über­führt wur­de er noch nie. Der für die Tür­kei star­ten­de Aser­bai­dscha­ner hat­te auf sei­ner Eh­ren­run­de auf­fal­lend lei­sen Applaus er­hal­ten.

Rus­si­sche Sport­ler wa­ren in Ber­lin nur in ge­rin­ger Zahl am Start, 29 durf­ten un­ter neu­tra­ler Flag­ge an­tre­ten. Sie hat­ten nach­wei­sen kön­nen, von neu­tra­len Stel­len ge­tes­tet wor­den zu sein. Der Welt­ver­band IAAF hat Russ­land we­gen des­sen Um­gangs mit dem staat­lich or­ches­trier­ten Do­ping kom­plett aus­ge­schlos­sen. Es sei noch ein wei­ter Weg, bis an ei­ne Rück­kehr zu den­ken sei, hieß es in Ber­lin von­sei­ten der IAAF. Das wie­der­um stimm­te den An­ti-Do­ping-Ex­per­ten Ha­jo Sep­pelt zu­min­dest vor­sich­tig op­ti­mis­tisch. Der Do­ping­jour­na­list at­tes­tier­te der Leicht­ath­le­tik am Ran­de der EM, sich ver­gleichs­wei­se ernst­haft im Kampf ge­gen Sport­be­trug zu en­ga­gie­ren.

Ge­sich­ter der EM (von links): Zehn­kampf-Eu­ro­pa­meis­ter Ar­thur Abe­le, 100-Me­ter-Sil­ber­me­dail­len­ge­win­ne­rin Gi­na Lü­ckenk­em­per, Chef-Bun­des­trai­ner Id­riss Gon­sch­in­s­ka und 200-Me­ter-Sie­ger Ra­mil Gu­liyev.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.