Was macht der Rück­schlag aus die­sem Team?

Hand­bal­ler ha­dern nach WM-Aus

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Sport - Von Joa­chim Hob­ke

Der Ab­gang aus Pa­ris ver­lief ge­räusch­los. Am Tag nach dem über­ra­schen­den Ach­tel­fi­nal-Aus bei der Welt­meis­ter­schaft ge­gen Ka­tar (20:21) ver­lie­ßen die deut­schen Hand­bal­ler Mon­tag­mor­gen den Ort der Schan­de – ei­ne Wo­che frü­her als ge­plant.

Mit dem Ziel, „Welt­meis­ter zu wer­den“(Tor­hü­ter Andreas Wolff), war die DHB-Aus­wahl nach Frank­reich ge­kom­men, als Ne­un­ter be­en­det sie das Tur­nier. Das ist die zweit­schlech­tes­te Plat­zie­rung ei­nes (west-)deut­schen Teams bei ei­ner WM seit 1938. Nur 2011 hat­te man un­ter dem da­ma­li­gen Bun­des­trai­ner Hei­ner Brand noch schwä­cher ab­ge­schnit­ten (11).

„Das ist nicht das, was wir uns al­le vor­ge­stellt hat­ten“, sag­te Bun­des­trai­ner Da­gur Si­gurds­son. Nicht nach den Er­fol­gen des ver­gan­ge­nen Jah­res, als der 43-jäh­ri­ge Is­län­der die Mann­schaft über­ra­schend zum Eu­ro­pa­meis­ter­ti­tel in Po­len und zu Bron­ze bei Olym­pia in Rio ge­führt hat­te. Nach jah­re­lan­ger Ab­sti­nenz wähn­te man sich wie­der zu­rück in der Spit­ze im Welt­hand­ball. Doch die Rea­li­tät war in Pa­ris ei­ne an­de­re.

Das Team war nach ei­ner über­zeu­gen­den Vor­run­de mit fünf Sie­gen in fünf Spie­len nicht in der La­ge, ei­nen mit­tel­mä­ßi­gen Geg­ner zu be­zwin­gen. Den Spie­lern un­ter­lie­fen im ers­ten Spiel der K.-o.-Run­de zu vie­le Feh­ler. Dem Trai­ner, der zum ja­pa­ni­schen Ver­band wech­selt, al­ler­dings auch. Dem als „Tak­tik­fuchs“ge­rühm­ten Coach, der in der Ver­gan­gen­heit in kri­ti­schen Si­tua­tio­nen im­mer ei­nen Plan B oder C pa­rat hat­te, fehl­te in der Schluss­pha­se die­ses Mal so­gar ein Plan A.

Als die deut­sche Mann­schaft ins Tru­deln ge­riet, konn­te Si­gurds­son kei­ne Im­pul­se set­zen und wirk­te (zu) zö­ger­lich. „Ich hät­te vi­el­leicht vor dem letz­ten An­griff ei­ne Aus­zeit neh­men sol­len“, räum­te er nach dem Ab­pfiff ein. „Ich woll­te Ka­tar aber nicht die Ge­le­gen­heit ge­ben, star­ke Ab­wehr­spie­ler ein­zu­wech­seln. Und au­ßer­dem wuss­te je­der Spie­ler, was wir spie­len woll­ten.“Doch in ei­ne

gu­te Wurf­po­si­ti­on ka­men die Deut­schen gar nicht mehr. „Wir hat­ten heu­te vie­le schwa­che Spie­ler auf dem Feld“, sag­te Si­gurds­son. Das ließ sich an den Zah­len ab­le­sen: 15 Ball­ver­lus­te und 14 tech­ni­sche Feh­ler stan­den da.

Und so en­de­te Si­gurds­sons Ära mit ei­ner Nie­der­la­ge. „Ich bin ent­täuscht, dass wir ver­lo­ren ha­ben. Aber dass es mein letz­tes Spiel war, ist kein Ex­tra-Dra­ma.“Auch DHB-Vi­ze­prä­si­dent Bob Han­ning wirk­te ge­las­sen. „Ich ha­be im­mer ge­sagt, dass wir Zeit brau­chen, et­was Gro­ßes auf­zu­bau­en. Da­bei ha­ben wir jetzt schon ei­ne olym­pi­sche Bron­ze­me­dail­le und EM-Gold ge­holt. Von da­her ist der Schritt nicht so ver­kehrt.“Doch wie groß der Flur­scha­den ist, ver­mag auch er nicht ein­zu­schät­zen. „Jetzt heißt es schüt­teln, ana­ly­sie­ren und bes­ser ma­chen.“

Si­gurds­son hin­ter­lässt sei­nem de­si­gnier­ten Nach­fol­ger Chris­ti­an Prokop, der­zeit Trai­ner des Bun­des­li­gis­ten DHfK Leip­zig, ein Team, dem die Zu­kunft ge­hö­ren kann. „Deutsch­land hat ei­ne gan­ze Rei­he jun­ger gu­ter Hand­bal­ler“, sag­te der schei­den­de Coach. Doch wie wer­den die Spie­ler, die letz­tes Jahr von Er­folg zu Er­folg ge­eilt wa­ren, mit dem Rück­schlag um­ge­hen? Wer­den sie an der Nie­der­la­ge wach­sen, oder wer­den sie dar­an zer­bre­chen? Ers­te Dis­har­mo­ni­en im Team wur­den am Sonn­tag schon kurz nach Spie­len­de er­kenn­bar, als Wolff ei­ni­gen Mit­spie­lern vor­warf, nicht voll fo­kus­siert auf den Geg­ner ge­we­sen zu sein. „Vi­el­leicht war der ei­ne oder an­de­re mit den Ge­dan­ken schon bei ei­nem mög­li­chen Halb­fi­na­le mit Frank­reich. Wenn man nicht mit po­si­ti­ven Emo­tio­nen da­bei ist, son­dern Angst hat und sich nur Ge­dan­ken dar­über macht, was wä­re wenn, dann pas­sie­ren sol­che Feh­ler, wie wir sie die ge­sam­te Zeit ge­macht ha­ben“, kri­ti­sier­te er.

Rou­ti­nier Hol­ger Glan­dorf, der erst im Lau­fe des Tur­niers zum Team ge­sto­ßen war, blickt po­si­tiv in die Zu­kunft. „Ich hof­fe, die Jungs ler­nen draus und kom­men ge­stärkt wie­der.“

„Das ist nicht das, was wir uns al­le vor­ge­stellt hat­ten“ Bun­des­trai­ner Da­gur Si­gurds­son

Ent­setzt und ent­täuscht: Hand­ball-Tor­hü­ter Andreas Wolff nach dem WM-Aus ge­gen Ka­tar. Fo­to: dpa

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