Ga­b­ri­els Blitz­ab­sa­ge – ein Don­ner­schlag

Die SPD-Ge­nos­sen hat es kalt er­wischt, den­noch ste­hen­de Ova­tio­nen und Trä­nen

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Einblicke -

Was hilft es, dass die SPD fest ent­schlos­sen war, ih­ren Kanz­ler­kan­di­da­ten aus­nahms­wei­se nicht im Hopplahopp-Ver­fah­ren zu kü­ren? Nichts, wenn der Par­tei­chef Sig­mar Ga­b­ri­el nicht mit­macht und sich nicht um den schö­nen SPD-Zeit­plan schert, den er selbst für den 29. Ja­nu­ar ge­macht hat. Ga­b­ri­els Blitz­ab­sa­ge ist ges­tern ein Don­ner­schlag im win­ter­lich-grau­en Berlin.

Von Beate Ten­fel­de

Die meis­ten Ge­nos­sen hat es kalt er­wischt. „Sig­mar Ga­b­ri­el tritt zu­rück“– um 15.13 Uhr dringt die­se SMSNach­richt aus dem Sit­zungs­saal der SPD-Bun­des­tags­frak­ti­on. Der Par­tei­vor­sit­zen­de und Vi­ze­kanz­ler hat kurz nach Be­ginn der Zu­sam­men­kunft mit­ge­teilt, dass er sich zu­rück­zie­he und Mar­tin Schulz vor­schla­ge. Als Par­tei­chef und Kanz­ler­kan­di­dat! „Er wirkt ge­löst und ent­schie­den“, sagt ei­ne Weg­ge­fähr­tin.

Be­trof­fen­heit, Trä­nen, Kopf­schüt­teln, aber auch lan­ge Ge­sich­ter in der Frak­ti­ons­sit­zung. Dann aber ent­la­den sich die Emo­tio­nen: ste­hen­de Ova­tio­nen für Ga­b­ri­el, der die Par­tei durch schwe­re Zei­ten ge­steu­ert hat. Ei­ni­ge Ge­nos­sen wa­ren ges­tern schon vor­ge­warnt. Vor­ab­be­rich­te über die Ga­b­ri­el-Ab­sa­ge in In­ter­views mit der „Zeit“und dem „Stern“kur­sie­ren, kurz be­vor um 15 Uhr die Frak­ti­ons­sit­zung be­ginnt. Spe­zi­ell die Rau­cher, die vor­her noch schnell ei­ne Zi­ga­ret­te qual­men, wis­sen mehr. Dass sie es aus den Me­di­en er­fah­ren müs­sen, macht ei­ni­ge So­zi­al­de­mo­kra­ten al­ler­dings sehr sau­er.

Sol­che Don­ner­schlä­ge sind sie ei­gent­lich ge­wöhnt. Der Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­ter hat die Ge­nos­sen oft ge­reizt durch sei­ne ewi­gen Vol­ten und jetzt wie­der durch die­sen Über­ra­schungs­coup. Aber sie be­kun­den Re­spekt für den Mann, der die SPD 2009 ein­te und nach schwe­rer Wahl­schlap­pe vor dem Zer­fall be­wahr­te. Auch in den Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen mit der Uni­on En­de 2013 hol­te Ga­b­ri­el weit mehr her­aus, als den So­zi­al­de­mo­kra­ten mit ih­rem 23-Pro­zent-Er­geb­nis ei­gent­lich zu­stand.

Ren­te mit 63, der Min­dest­lohn, Lohn­ge­rech­tig­keit, da­zu das Aus­wär­ti­ge Amt wie auch das Ar­beits-, Um­welt- und Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um in SPD-Hand: Dies al­les weist Ga­b­ri­els Ver­hand­lungs­ge­schick aus. Als Wirt­schafts­mi­nis­ter schät­zen ihn selbst wei­te Tei­le der Uni­on. Aber es hat bei den Wäh­lern nicht ge­reicht. Die SPD düm­pelt bei 20 Pro­zent. Und er­schwe­rend kommt hin­zu: Der Par­tei­chef, der den ers­ten Zu­griff als Kanz­ler­kan­di­dat hat, kann of­fen­bar selbst die Her­zen vie­ler Ge­nos­sen nicht er­rin­gen.

„Er stellt das Wohl der Par­tei in den Vor­der­grund“, wür­digt ein sicht­lich be­weg­ter Frak­ti­ons­chef Tho­mas Op­per­mann den 57-jäh­ri­gen Ga­b­ri­el, der nun die Kon­se­quen­zen zieht. Auch Op­per­mann war nach ei­ge­nem Be­kun­den nicht von des­sen Vor­ab-In­ter­views in­for­miert. Al­ler­dings wis­se er „seit ei­ni­gen Ta­gen und auch schon län­ger“, dass Ga­b­ri­el Zwei­fel ge­habt ha­be, ob er der ge­eig­ne­te Kanz­ler­kan­di­dat sei.

Ga­b­ri­el ha­be sich in sei­nen sie­ben­ein­halb Jah­ren als Par­tei­chef „gro­ße Ver­diens­te“ um die SPD er­wor­ben, sagt Op­per­mann. Er ist atem­los – auch ihn ha­ben die Er­eig­nis­se über­wäl­tigt. Von „mensch­li­cher Grö­ße“spricht die Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Da­nie­la De Rid­der aus der Graf­schaft Bent­heim. Sie si­chert Mar­tin Schulz, dem frü­he­ren EU-Par­la­ments­prä­si­den­ten, Un­ter­stüt­zung zu: „Wir wer­den so­li­da­risch kämp­fen.“Schulz war als Kan­di­dat für das Au­ßen­amt im Ge­spräch. Das Res­sort über­nimmt nun Ga­b­ri­el.

Bri­git­te Zy­pries, die bis­he­ri­ge par­la­men­ta­ri­sche Staats­se­kre­tä­rin, soll nun das Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um lei­ten. Es sieht so aus, als sei al­les lan­ge vor­be­rei­tet. Ge­braucht wer­de ein „glaub­wür­di­ger Neu­an­fang“, lässt Ga­b­ri­el wis­sen. Den re­prä­sen­tie­re Mar­tin Schulz in der deut­schen Öf­fent­lich­keit „mehr als je­der an­de­re von uns“, heißt es in ei­ner schrift­li­chen Er­klä­rung Ga­b­ri­els.

Be­mer­kens­wer­ter Coup

Der Kanz­ler-Plan des 57-jäh­ri­gen Nie­der­sach­sen sieht nun ganz an­ders aus, als vie­le er­war­tet hat­ten. Ga­b­ri­el, lan­ge schwan­kend zwi­schen Angst und Ehr­geiz, galt vie­len zu­letzt als Kanz­ler­kan­di­dat ge­setzt – aus meh­re­ren Grün­den. So ha­be sich der Vi­ze­chef der Bun­des­re­gie­rung, der gern mal ver­bal hin­langt, in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten zu­rück­ge­hal­ten. Au­ßer­dem ha­be er ei­ne Glanz­leis­tung ge­schafft, als er Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel und die Uni­on in der Bun­des­prä­si­den­ten­fra­ge aus­stach.

Par­tei­freund Frank-Wal­ter St­ein­mei­er wird Staats­ober­haupt, ob­wohl die Uni­on die Mehr­heit in der Bun­des­ver­samm­lung hat. Ein be­mer­kens­wer­ter Coup. Auch schätz­ten die meis­ten Ga­b­ri­els Macht­be­wusst­sein letzt­lich hö­her ein als die Selbst­zwei­fel, die die­sen höchst ver­letz­li­chen Mann pla­gen. Sie ha­ben sich ver­schätzt. Und man­cher wur­de auch be­schämt.

„Ei­gen­to­re dür­fen kei­ne pas­sie­ren, jetzt noch we­ni­ger“ Horst See­ho­fer, CSU-Vor­sit­zen­der „Sig­mar Ga­b­ri­el ge­bührt gro­ßer Re­spekt für sei­ne po­li­ti­sche Leis­tung“ Si­mo­ne Pe­ter, Grü­nen-Che­fin „Schulz ist ein her­vor­ra­gen­der Kan­di­dat. Er kann Kanz­ler“ Diet­mar Wo­id­ke, Bran­den­burgs SPD-Chef „Glück­wunsch an Schulz. Har­ter Job!“ Syl­via Löhr­mann, stell­ver­tre­ten­de NRW-Mi­nis­ter­prä­si­den­tin (Grü­ne)

Zwei Flie­gen mit ei­ner Klap­pe? SPD-Chef Sig­mar Ga­b­ri­el gibt den Weg frei für Mar­tin Schulz. Die­ser soll Par­tei­chef und Kanz­ler­kan­di­dat wer­den. Foto: dpa

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