Ro­te Flag­ge für den Pa­ten

Wie Ber­nie Eccles­to­ne die For­mel 1 er­ober­te und war­um er sie jetzt ver­liert

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Sport -

Al­le sind be­müht, es wie ei­nen Ab­schied in Eh­ren aus­se­hen zu las­sen. Da­bei war es ei­ne Ent­mach­tung: Ber­nie Eccles­to­ne, oh­ne den die For­mel 1 über 40 Jah­re lang nicht denk­bar war, wird ab­ge­löst.

Von Ka­rin Sturm

„Zei­ten­wen­de“, „En­de ei­ner Ära“, „Erd­be­ben“– an dras­ti­schen Schlag­wor­ten fehlt es nicht, die die Ab­set­zung von Ber­nie Eccles­to­ne be­glei­ten: Schließ­lich war der 86-Jäh­ri­ge über mehr als 40 Jah­re der For­mel 1 ver­bun­den und hielt al­le Fä­den in der Hand. Da­bei bau­te er sich ei­ne enor­me Macht auf – und ne­ben­bei auch ein Ver­mö­gen, das auf 2,5 Mil­li­ar­den Eu­ro ge­schätzt wird.

Schon als Kind wuss­te Charles Ber­nard Eccles­to­ne, wie man schnell Geld ver­dient. Er kauf­te auf dem Schul­weg mas­sen­haft klei­ne Ge­bäck­stück­chen ein, um sie dann in der Pau­se auf dem Schul­hof mit ent­spre­chen­dem Auf­schlag wei­ter­zu­ver­ti­cken. Und spä­ter stell­te der mit ihm gut be­freun­de­te Jo­chen Rindt ein­mal er­staunt fest: „Wenn man mit Ber­nie über ei­nen gro­ßen Park­platz

geht, dann sagt er ei­nem nach­her so­fort, wie viel die gan­zen Au­tos da drauf zu­sam­men wert sind.“Zu dem Zeit­punkt hat­te Eccles­to­ne schon ei­ne er­folg­rei­che Ge­braucht­wa­gen­händ­ler-Kar­rie­re hin­ter sich.

We­ni­ger er­folg­reich ver­lief sei­ne Renn­kar­rie­re: Zwar sam­mel­te er schon mit 14 als Bei­fah­rer des da­ma­li­gen Mo­tor­rad-Sei­ten­wa­gen-Welt­meis­ters Eric Oliver ers­te Er­fah­run­gen und „be­kam fast Angst und hat­te Mü­he, mich fest­zu­hal­ten, weil es so schnell da­hin­ging“, star­te­te dann auch beim ers­ten Grand Prix der For­mel-1-Ge­schich­te 1950 in Sil­vers­to­ne im Rah­men­pro­gramm. Doch der Ver­such, auch in der For­mel 1 als Fah­rer Fuß zu fas­sen, schei­ter­te. Zwei­mal ver­such­te es Eccles­to­ne, zwei­mal blieb er in der Qua­li­fi­ka­ti­on hän­gen. Wor­auf­hin er sich auf ei­ne Rol­le als Fah­rer­ma­na­ger ver­leg­te.

Doch als sein ers­ter Schütz­ling und Freund Ste­wart Le­wis-Evans 1958 in Cas­ablan­ca töd­lich ver­un­glück­te, hat­te er für ei­ni­ge Zeit ge­nug vom Renn­sport. Erst mit dem ös­ter­rei­chi­schen Aus­nah­me­fah­rer Jo­chen Rindt kehr­te er in die Sze­ne zu­rück. Alt­ge­dien­te For­mel-1-Ex­per­ten

glau­ben heu­te noch: Wä­re Rindt, nicht 1970 in Mon­za töd­lich ver­un­glückt, hät­ten er und Eccles­to­ne sich den For­mel-1-Zir­kus auf­ge­teilt.

So mach­te es der Klei­ne mit 1,60 Me­ter Kör­per­grö­ße al­lein – und wur­de der Größ­te: Als sich Jack Br­ab­ham 1971 nach Aus­tra­li­en zu­rück­zog, kauf­te ihm Eccles­to­ne für 600 000 Pfund sein Team ab und über­nahm von da an Schritt für Schritt die Kon­trol­le über die For­mel 1. In de­ren

un­or­ga­ni­sier­ter Welt von da­mals, in der es we­der fes­te Start­num­mern noch struk­tu­rier­te Zeit­plä­ne noch ei­ne ver­läss­li­che Zeit­mes­sung gab, ei­ne For­mel 1, in der je­der Veranstalter sein ei­ge­nes Süpp­chen koch­te, gab es gro­ßen Hand­lungs­spiel­raum.

Und Ber­nie nahm die Din­ge in die Hand, küm­mer­te sich um all das, wo­mit sich zu­vor nie­mand be­schäf­ti­gen woll­te. Er­geb­nis: Al­le an­de­ren Te­am­chefs wa­ren ihm dank­bar, erst recht, als er auch noch an­bot, für al­le ge­mein­sam

or­dent­li­che Start­und Preis­gel­der aus­zu­han­deln. Ein Pro­zent da­von woll­te er an­fangs kas­sie­ren, „für Bü­ro­kos­ten.“

Die Sum­men stie­gen, die Pro­zen­te auch, zwi­schen­zeit­lich so­gar auf 40 Pro­zent, wie man heu­te mun­kelt. Aber kei­ner me­cker­te – schließ­lich pro­fi­tier­ten über lan­ge Zeit al­le vom Sys­tem Eccles­to­ne. Ins­be­son­de­re, als der sich Mit­te der Sieb­zi­ger­jah­re die ech­ten Sah­ne­stü­cke griff: die Wer­be­rech­te an den Renn­stre­cken, die Fern­seh­rech­te. Ne­ben­bei ver­stand er es auch im­mer, al­ten Ver­trau­ten ei­ner­seits mit gu­ten Jobs wirk­lich wei­ter­zu­hel­fen, an­de­rer­seits da­mit auch sei­ne stra­te­gi­sche Po­si­ti­on zu ver­bes­sern. So be­ka­men sei­ne frü­he­ren Br­ab­ham-Mecha­ni­ker Char­lie Whi­t­ing und Her­bie Blash die Po­si­tio­nen als FIARenn­lei­ter bzw. des­sen Stell­ver­tre­ter, ein wei­te­rer, Ed­die Ba­ker, spiel­te jah­re­lang ei­ne sehr wich­ti­ge Rol­le als TV-Di­rek­tor. Der Ein­fluss wuchs, als sein Kum­pel Max Mos­ley FIA-Prä­si­dent wur­de.

Als im Lau­fe der Zeit dann doch Kri­tik auf­kam am kaum mehr zu durch­schau­en­den Fir­men­ge­flecht Mar­ke Eccles­to­ne und der Macht­fül­le in sei­ner Hand, hat­te der „Pa­te

der For­mel 1“voll­ende­te Tat­sa­chen ge­schaf­fen. Eccles­to­ne war un­an­tast­bar – trotz des schlech­ten Ge­samt­zu­stands der For­mel 1, die Ver­säum­nis­se im Be­reich di­gi­ta­le Me­di­en, die po­li­tisch um­strit­te­nen Aus­tra­gungs­or­te, das un­glei­che Geld­ver­tei­lungs­sys­tem...

Aber ei­nes hör­te man seit gut ei­nem Jahr im­mer öf­ter im Fah­rer­la­ger, selbst von Eccles­to­ne wohl­ge­son­ne­nen In­si­dern: Dass die Zu­sam­men­ar­beit mit ihm schon schwie­ri­ger wer­de, „weil er ei­nen Tag spä­ter nicht mehr weiß, was er dir ges­tern ge­sagt hat“. Frü­her sei­en sei­ne oft wi­der­sprüch­li­chen Äu­ße­run­gen ge­ziel­te Stra­te­gi­en ge­we­sen, um im ei­ge­nen In­ter­es­se Ver­wir­rung zu stif­ten – jetzt da­ge­gen sei wohl ei­ni­ges auch sei­nem Al­ter ge­schul­det. Was na­tür­lich auch sei­ne in­ter­ne Po­si­ti­on schwäch­te – und da­mit Li­ber­ty Me­dia die Macht­über­nah­me er­leich­ter­te. Der un­frei­wil­li­ge Ab­gang war da­nach nur noch ei­ne Fra­ge der Zeit. Aber auch wenn er nach Mei­nung der meis­ten For­mel-1-In­si­der wohl un­um­gäng­lich war: Ei­ne For­mel 1 oh­ne Ber­nie Eccles­to­ne kann sich trotz­dem noch nie­mand so rich­tig vor­stel­len.

„Ich will ein Pro­zent – für die Bü­ro­kos­ten . .

.“Ber­nie Eccles­to­ne bei sei­nem Ein­stieg

Foto: imago/HochZwei

Mäch­tig und ein­fluss­reich als Boss der For­mel 1: Jahr­zehn­te­lang herrsch­te Ber­nie Eccles­to­ne.

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Kon­takt­freu­dig: Eccles­to­ne – hier mit Micha­el Schu­ma­cher – kann­te je­den.

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Privat: Ber­nie Eccles­to­ne mit sei­ner drit­ten Ehe­frau Fa­bia­na Flo­si.

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Er­folg­reich als Te­am­chef bei Br­ab­ham, hier 1979 mit Ni­ki Lau­da.

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Mä­ßig er­folg­reich als Fah­rer: Ber­nie Eccles­to­ne 1953 in Brands Hatch.

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