Wo bleibt das Cal­mey­er-Haus?

Ho­lo­caust-Über­le­ben­de ver­misst Aus­stel­lung über Os­na­brü­cker Ju­den­ret­ter

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Osnabrück -

Die Ho­lo­caust-Über­le­ben­de Lau­re­en Nuss­baum, ei­ne Ju­gend­freun­din von An­ne Frank und Ken­ne­rin ih­rer Ta­ge­bü­cher, hat sich bei ei­nem Be­such in Os­na­brück für ein Hans-Cal­mey­er-Haus aus­ge­spro­chen. Auch die Po­li­tik er­höht den Druck. Kommt nun end­lich Be­we­gung in die Sa­che?

Von Se­bas­ti­an Stri­cker

OS­NA­BRÜCK. Nuss­baum ge­hört zu den vie­len Tau­send Ju­den, die der Os­na­brü­cker Rechts­an­walt Cal­mey­er (1903–72) wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs als NS„Ras­se­re­fe­rent“in den Nie­der­lan­den durch Sa­bo­ta­ge vor De­por­ta­ti­on und si­che­rem Tod be­wahr­te. Die 89Jäh­ri­ge aus Frank­furt war als Kind mit ih­rer Fa­mi­lie vor den Na­zis nach Ams­ter­dam ge­flüch­tet. Seit den Fünf­zi­gern lebt sie in Se­at­tle (USA). Zur Er­öff­nung ei­ner drei­mo­na­ti­gen Aus­stel­lung über ih­re Ju­gend­freun­din An­ne Frank, de­ren be­rühm­te Ta­ge­bü­cher sie als Ger­ma­nis­tik­pro­fes­so­rin stu­diert hat, reis­te Nuss­baum jetzt nach Os­na­brück.

Wir tra­fen sie am Mon­tag im Ho­tel Wal­hal­la, wo sie für ei­ne Do­ku­men­ta­ti­on des Os­na­brü­cker His­to­ri­kers, Fil­me­ma­chers und Cal­mey­erEx­per­ten Joa­chim Cas­tan vor der Ka­me­ra saß. Im Ge­spräch mit un­se­rer Re­dak­ti­on sag­te Nuss­baum: „Hans Cal­mey­er ist ein stil­ler Held, da­bei hat er mehr Ju­den ge­ret­tet als Os­kar Schind­ler. Des­halb ist es aus­ge­spro­chen wich­tig, dass in Os­na­brück et­was ent­steht, das dau­er­haft an ihn er­in­nert und über sein ein­ma­li­ges Werk in­for­miert.“

Ihr sei je­doch nicht ent­gan­gen, dass die Frie­dens­stadt sich in die­ser An­ge­le­gen­heit

viel Zeit lässt. „Ich fin­de, es dau­ert sehr lan­ge“, stell­te die Ho­lo­caust-Über­le­ben­de fest. Da­bei ha­be Cal­mey­er in ih­ren Au­gen ei­nen Stel­len­wert wie zwei an­de­re, ge­prie­se­ne Iko­nen der Frie­dens­stadt: Schrift­stel­ler Erich Ma­ria Re­mar­que und Ma­ler Felix Nuss­baum (der im Üb­ri­gen nicht mit Lau­re­en Nuss­baum ver­wandt ist). „Die drei pas­sen gut zu­sam­men.“

Wor­te wie Was­ser auf die Müh­len der Hans-Cal­mey­erInitia­ti­ve. Der Verein kämpft be­reits seit über 20 Jah­ren für ei­nen Ort in Cal­mey­ers Hei­mat­stadt, an dem sich Le­ben und Wir­ken des Ju­den­ret­ters wür­dig dar­stel­len las­sen. Zu­letzt schien es, als kön­ne die Vil­la Sch­lik­ker die­ser Ort wer­den. Was ih­rer wech­sel­vol­len Ge­schich­te ei­ne neue Wen­dung ge­ben

wür­de: Denn das herr­schaft­li­che Ge­bäu­de am He­gerTor-Wall war von 1932 bis 1945 ein Na­zi-Haupt­quar­tier. Der Volks­mund tauf­te es des­halb „Brau­nes Haus“. Heu­te ist die Vil­la Sch­lik­ker Teil des Kul­tur­ge­schicht­li­chen Mu­se­ums der Stadt Os­na­brück, wenn­gleich seit Au­gust 2016 we­gen Bau­ar­bei­ten vor­über­ge­hend ge­schlos­sen.

Von der Stadt ver­trös­tet

Doch sämt­li­che Be­mü­hun­gen des Ver­eins wie auch der Po­li­tik, Cal­mey­er aus­ge­rech­net an die­ser Stel­le so viel Raum zu ge­ben, dass viel­leicht ei­ne Um­be­nen­nung der Vil­la Sch­lik­ker in Han­sCal­mey­er-Haus an­ge­bracht wä­re, ver­lie­fen bis­lang im San­de. Da­bei gibt es seit Som­mer 2014 so­gar ei­nen ent­spre­chen­den, ein­stim­mi­gen Rats­be­schluss. Von der Stadt

wer­den die Frak­tio­nen trotz wie­der­hol­ten Nach­boh­rens aber stets ver­trös­tet.

Was Fritz Brick­wed­de, Vor­sit­zen­der der hier be­son­ders en­ga­gier­ten CDU-Frak­ti­on, bit­ter ent­täuscht: „Die Kul­tur­ver­wal­tung hat ei­nen ein­deu­ti­gen Auf­trag. Es stimmt mich trau­rig, dass wir im­mer noch nicht wei­ter sind.“Ein für En­de 2016 an­ge­kün­dig­tes städ­ti­sches Kon­zept für den Mu­se­ums­stand­ort Vil­la Sch­lik­ker las­se auf sich war­ten. Und auch das letz­te amt­li­che Ar­gu­ment, zu­nächst den Wech­sel der Mu­se­ums­lei­tung ab­war­ten zu wol­len so­wie die Neu­be­set­zung der Kul­tur­de­zer­nen­ten-Stel­le, ver­lie­re von Tag zu Tag mehr an Gül­tig­keit. Bei­de Chef­pos­ten sind wie­der ver­ge­ben.

„Dass wir kei­ne Ein­rich­tung für Hans Cal­mey­er ha­ben, den Os­kar Schind­ler von

Os­na­brück, emp­fin­de ich als gro­ßes De­fi­zit und ver­ta­ne Chan­ce für die Stadt“, er­klärt Brick­wed­de. Er hof­fe, dass die An­ne-Frank-Aus­stel­lung (bis 23. April im Felix-Nuss­baum-Haus) der Sa­che neu­en Schub ver­lei­he. Es sei jetzt wich­ti­ger denn je, of­fen­siv für das Vor­ha­ben zu wer­ben und ge­nug Geld ein­zu­sam­meln, um ei­ne „top­mo­der­ne, in­ter­ak­ti­ve, pu­bli­kums­wirk­sa­me Cal­mey­er-Aus­stel­lung“zu rea­li­sie­ren. Denn ei­ni­ge Hun­dert­tau­send Eu­ro wür­de die­se si­cher kos­ten, schätzt Brick­wed­de.

Als För­der­mit­tel­ge­ber kom­me vor al­lem der Bund in­fra­ge, mög­li­cher­wei­se auch die EU, „wenn wir die Nie­der­län­der ins Boot ho­len“. Nicht zu­letzt Stif­tun­gen könn­ten sich für das The­ma Cal­mey­er in­ter­es­sie­ren. Im Mai bie­te sich dies­be­züg­lich ei­ne ein­ma­li­ge Ge­le­gen­heit, so der CDU-Frak­ti­ons­chef und frü­he­re Ge­ne­ral­se­kre­tär der Um­welt­stif­tung DBU: Dann fin­det in Os­na­brück der Deut­sche Stif­tungs­tag 2017 statt. Es ist das wich­tigs­te Tref­fen des Bun­des­ver­bands Deut­scher Stif­tun­gen, der nach ei­ge­nen An­ga­ben drei Vier­tel des deut­schen Stif­tungs­ver­mö­gens re­prä­sen­tiert. Und das be­trägt über 100 Mil­li­ar­den Eu­ro.

Mehr über den Os­na­brü­cker Ju­den­ret­ter Hans Cal­mey­er le­sen Sie bei uns im In­ter­net auf noz.de

Foto: Micha­el Grün­del

Die Vil­la Sch­lik­ker am He­ger-Tor-Wall in Os­na­brück ist als Ort für ei­ne Hans-Cal­mey­er-Dau­er­aus­stel­lung im Ge­spräch. Die Stadt prüft den Vor­schlag seit Jah­ren. Vie­len Be­für­wor­tern geht das zu lang­sam.

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