Wenn das Te­le­fon nur sel­ten klin­gelt

Ärz­te kri­ti­sie­ren die vor ei­nem Jahr an den Start ge­gan­ge­ne Ter­min-Ser­vice­stel­le

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Osnabrück - Von Ni­na Stra­kel­jahn

Seit ei­nem Jahr gibt es die Ter­min­ser­vice­stel­le für Fach­ärz­te. Der Os­na­brü­cker Be­zirks­aus­schuss­vor­sit­zen­de der Kas­sen­ärzt­li­chen Ver­ei­ni­gung Dr. Uwe Lan­ken­feld kri­ti­siert die­se als über­flüs­sig. Die Un­ab­hän­gi­ge Pa­ti­en­ten­be­ra­tung Deutsch­land hält da­ge­gen.

OS­NA­BRÜCK. Vor ei­nem Jahr, am 25. Ja­nu­ar 2016, ist die Ter­min­ser­vice­stel­le der Kas­sen­ärzt­li­chen Ver­ei­ni­gung Nie­der­sach­sen (KVN) in Han­no­ver zur Ver­mitt­lung von Fach­arzt­ter­mi­nen an den Start ge­gan­gen. Wer bei­spiels­wei­se kei­nen Ter­min bei Kar­dio­lo­ge, Neu­ro­lo­ge oder Ra­dio­lo­ge be­kommt, kann sich an die­se Stel­le wer­den. Vor­aus­set­zung ist je­doch, dass ein Arzt vor­her be­schei­nigt hat, dass der Pa­ti­ent drin­gend ei­nen Fach­arzt be­nö­tigt. In­ner­halb von vier Wo­chen sol­len die Pa­ti­en­ten dann ei­nen Fach­arzt ver­mit­telt be­kom­men, je­doch nicht un­be­dingt den Wun­sch­arzt.

Für Lan­ken­feld, der in Os­na­brück ei­ne Haus­arzt­pra­xis be­treibt, ist ei­ne Ter­min­ser­vice­stel­le je­doch nicht not­wen­dig. Wenn er ei­nen Pa­ti­en­ten ha­be, der ei­nen Fach­arzt braucht, dann grei­fe er selbst zum Te­le­fon, und al­les ge­he sei­nen Weg. Des­halb kom­me es im Grun­de auch nicht vor, dass sei­ne Pa­ti­en­ten die Stel­le be­nö­tig­ten. Dass die Ter­min­ser­vice­stel­le über­flüs­sig ist, wür­den auch die Zah­len zei­gen, so Lan­ken­feld, der als Be­zirks­aus­schus-svor­sit­zen­der auch für das Os­na­brü­cker Land, Tei­le des Ems­lan­des und der Graf­schaft Bent­heim zu­stän­dig ist.

Seit dem Start bis En­de des ver­gan­ge­nen Jah­res hat die Ter­min­ser­vice­stel­le 60 675 An­ru­fe für Nie­der­sach­sen er­hal­ten, er­klärt Detlef Haff­ke, Pres­se­spre­cher der Kas­sen­ärzt­li­chen Ver­ei­ni­gung Nie­der­sach­sen. Bis En­de des Jah­res sind ins­ge­samt 20 486 Ter­mi­ne (ein Drit­tel al­ler An­ru­fe) an Pa­ti­en­ten ver­mit­telt wor­den. Da­von ent­fie­len 6119 auf in­ter­nis­ti­sche Fach­ärz­te (Kar­dio­lo­gen, Rheu­ma­to­lo­gen),

5936 auf Ner­ven­ärz­te/Neu­ro­lo­gen, 2101 auf Ra­dio­lo­gen, 1800 auf Haut­ärz­te, 1566 auf Au­gen­ärz­te und 1552 auf Chir­ur­gen. Der Rest ver­teil­te sich auf die üb­ri­gen Arzt­grup­pen. Dem stän­den im sel­ben Zei­t­raum rund 19,2 Mil­lio­nen Arzt-Pa­ti­en­tenKon­tak­te auf­grund von Über­wei­sun­gen ge­gen­über, die oh­ne Ter­min­ser­vice­stel­le zu­stan­de ka­men. Mit an­de­ren Wor­ten, so Haff­ke, 0,1 Pro­zent von Arzt-Pa­ti­en­tenKon­tak­ten sind über die Ser­vice­stel­le ver­mit­telt wor­den.

Bei Dr. Lud­ger Rog­gen­kamp, Fach­arzt für In­ne­re Me­di­zin mit Pneu­mo­lo­gi­scher Pra­xis in Os­na­brück, ist kein ein­zi­ger Ter­min über die Ter­min­ser­vice­stel­le ver­ein­bart wor­den. Sie ist „kom­plett über­flüs­sig“, fin­det er. Bei drin­gen­den Fäl­len wür­de die Zu­sam­men­ar­beit mit dem Haus­arzt gut funk­tio­nie­ren. Wür­den Pa­ti­en­ten, die aus ir­gend­ei­nem Grund nicht kom­men kön­nen, ih­re Ter­mi­ne ab­sa­gen, dann könn­ten noch viel mehr kurz­fris­ti­ge Ter­mi­ne ver­ge­ben wer­den, ist er über­zeugt. Da könn­te man noch et­was op­ti­mie­ren.

Von den von der Ter­min­ser­vice­stel­le in Han­no­ver

ins­ge­samt ver­mit­tel­ten Ter­mi­nen wur­den knapp 20 Pro­zent nicht von den Pa­ti­en­ten wahr­ge­nom­men, er­klärt Haff­ke die Zah­len wei­ter. So wur­den die­se Ter­mi­ne für an­de­re Pa­ti­en­ten blo­ckiert. Im Durch­schnitt rie­fen nie­der­sach­sen­weit pro Tag 250 Bür­ger an. Ein Drit­tel da­von wünsch­te all­ge­mei­ne Hin­wei­se zur Ter­min­ver­mitt­lung, ein Drit­tel der An­ru­fer ver­füg­te nicht über die Über­wei­sung mit dem Über­wei­sungs­code, ein Drit­tel wur­de er­folg­reich ver­mit­telt. Die Ver­mitt­lungs­schwer­punk­te la­gen in den Groß­räu­men Han­no­ver, Braun­schweig, Os­na­brück und Ol­den­burg.

An­spruch und Rea­li­tät

Bei den ur­sprüng­li­chen Pla­nun­gen ist die Kas­sen­ärzt­li­che Ver­ei­ni­gung Nie­der­sach­sen von 5000 An­ru­fern pro Tag aus­ge­gan­gen. Die Ter­min­ser­vice­stel­le der KVN er­fül­le ih­re ge­setz­li­che Auf­ga­be. Sie sei al­ler­dings ein Pro­dukt, das der Markt nicht brau­che, be­tont Haff­ke. Die Rea­li­tät se­he so aus, dass sich die Pa­ti­en­ten ih­ren Wun­sch­arzt in ih­rer Wun­sch­re­gi­on zu ih­rer Wunsch­zeit per­sön­lich aus­su­chen. Sie brau­chen kei­ne Ter­min­ver­mitt­lung.

Die ge­setz­li­chen Kran­ken­ver­si­cher­ten hät­ten den neu­en Ser­vice nicht an­ge­nom­men. Des­halb for­dert die KVN die Ab­schaf­fung der Ter­min­ser­vice­stel­len.

Auch bun­des­weit fal­len die Zah­len ge­ring aus. „Es wur­den ins­ge­samt bun­des­weit rund 113 000 Ter­mi­ne ver­mit­telt. Vor dem Hin­ter­grund von rund 580 Mil­lio­nen am­bu­lan­ten Be­hand­lungs­fäl­len jähr­lich in den Arzt­pra­xen ist das ei­ne ge­rin­ge Zahl, die für ei­ne nur schwa­che Nach­fra­ge sei­tens der Ver­si­cher­ten spricht“, teilt Ro­land Stahl, Pres­se­spre­cher der Kas­sen­ärzt­li­chen Bun­des­ver­ei­ni­gung (KBV), mit. Er fügt noch hin­zu, dass auf die Ser­vice­stel­len ab dem 1. April ei­ne neue Auf­ga­be zu­kommt: Dann sol­len sie die Psy­cho­the­ra­peu­ti­schen Sprech­stun­den ver­mit­teln. Da­bei han­delt es sich um ein neu­es Ver­sor­gungs­an­ge­bot, das künf­tig den Erst­zu­gang von Ver­si­cher­ten zur Psy­cho­the­ra­pie dar­stel­len soll. In ih­nen wird ab­ge­klärt, ob und wie ei­ne Wei­ter­be­hand­lung er­fol­gen soll.

Dr. Andre­as Gas­sen, Vor­stands­vor­sit­zen­der der KBV, schließt sich Haff­ke an: „Die Ter­min­ser­vice­stel­len sind von den Kas­sen­ärzt­li­chen Ver­ei­ni­gun­gen pünkt­lich und zu­ver­läs­sig ein­ge­rich­tet wor­den. Die ver­gleichs­wei­se ge­rin­ge Nach­fra­ge der Ver­si­cher­ten zeigt, dass die po­li­tisch ge­woll­ten Ser­vice­stel­len ei­gent­lich nicht ge­braucht wer­den.“

Bes­se­re Auf­klä­rung

Das sieht die Un­ab­hän­gi­ge Pa­ti­en­ten­be­ra­tung Deutsch­land an­ders. De­ren Ge­schäfts­füh­rer Thor­ben Krum­wie­de hält die Ter­min­ser­vice­stel­len für sinn­voll, da sie die Pa­ti­en­ten­rech­te stär­ken. Dass die Ter­min­ser­vice­stel­len nicht so ge­nutzt wer­den, liegt sei­ner Mei­nung nach dar­an, dass sie nicht be­kannt sind. Es wür­den sich vie­le Men­schen in den Be­ra­tun­gen mel­den, die noch nie et­was da­von ge­hört hät­ten. Er ist da­von über­zeugt, dass ei­ne bes­se­re Auf­klä­rung in den Pra­xen so­wie ei­ne bes­se­re Auf­find­bar­keit im Netz auch zu mehr Nut­zern füh­ren wür­de. War­um es so we­nig pu­blik ist? „Man könn­te Ab­sicht ver­mu­ten“, sagt Krum­wie­de.

Foto: dpa

Ter­mi­ne für ei­nen Fach­arzt wer­den nur sel­ten über die Ter­min­ser­vice­stel­le ver­mit­telt.

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