Image und In­ti­mi­tät

Re­prä­sen­ta­ti­ves Leid: Na­ta­lie Port­man spielt im Ki­no­film „Ja­ckie“die Ken­ne­dy-Wit­we

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur - Von Da­ni­el Be­ne­dict

Bis hin zum blut­ver­schmier­ten Cha­nel-Ko­s­tüm war Ja­ckie Ken­ne­dy ei­ne Sti­li­ko­ne. Na­ta­lie Port­man und Pa­blo Lar­raín be­schrei­ben die trau­ern­de First La­dy in ih­rem Film „Ja­ckie“jetzt über die Ver­schmel­zung von Pri­vat­le­ben und Re­prä­sen­ta­ti­on.

Ja­ckie Ken­ne­dy ist ei­ne Sti­li­ko­ne, und in ih­rem Fall schließt die­ser Satz das Trau­ma mit ein. Die Er­mor­dung ih­res Man­nes er­leb­te sie mit 34 Jah­ren vor den Au­gen der Welt. Die Auf­nah­men, die der des Hob­by­fil­mer Abra­ham Za­pru­der da­von mach­te, wur­den im Ein­zel­bild ge­druckt. Heu­te kann sich je­der den Film in Slow Mo­ti­on bei Youtube an­se­hen. Ja­ckie Ken­ne­dy trägt beim Mord ein ro­sa Cha­nel-Ko­s­tüm; nach den Schüs­sen wei­gert sie sich, das blut­ver­schmier­te Kleid zu wech­seln. Al­le soll­ten Ken­ne­dys Blut se­hen. Sie trägt es bis zum nächs­ten Mor­gen, auch wäh­rend der Ve­rei­di­gung von Lyn­don B. John­son. Das Ko­s­tüm wur­de nie ge­rei­nigt, es la­gert im Na­tio­nal­ar­chiv.

Ein Trau­ma von welt­his­to­ri­scher Be­deu­tung, die ei­ge­ne Klei­dung als na­tio­na­les Sym­bol: Ja­ckie Ken­ne­dys Schick­sal ver­eint Öf­fent­lich­keit und In­ti­mi­tät im Ex­trem. Die­ses Span­nungs­feld macht Pa­blo Lar­raín zum The­ma, wenn er das Phä­no­men „Ja­ckie“auf die Ta­ge zwi­schen dem At­ten­tat und John F. Ken­ne­dys Be­stat­tung re­du­ziert. Wir se­hen das At­ten­tat, se­hen, wie Ja­ckie sich das

Blut aus dem Haar wäscht, den Kin­dern die To­des­nach­richt über­bringt und ih­rem Sch­wa­ger die Far­be von Ken­ne­dys Schä­del­kno­chen be­schreibt. Lar­raín geht nah ran, auch mit der Ka­me­ra.

Das al­les sind al­ler­dings nur Mo­ment­auf­nah­men, denn was die Ja­ckie des Films vor al­lem um­treibt, sind die Trau­er­fei­er­lich­kei­ten für ih­ren Mann: Sie kon­sul­tiert Fach­li­te­ra­tur über frü­he­re Staats­be­gräb­nis­se, stapft in High­heels über den mat­schi­gen Fried­hof, um ei­ne

ge­eig­ne­te Gr­ab­stel­le zu fin­den, und lässt sich von ih­rer As­sis­ten­tin die Lis­te der Staats­gäs­te ver­le­sen. Und im­mer­zu kämpft die­se Ja­ckie – mit der Fa­mi­lie über ei­ne Be­stat­tung jen­seits des Fa­mi­li­en­grabs, mit ih­rem Sch­wa­ger über die öf­fent­li­che Zur­schau­stel­lung ih­rer Kin­der, mit dem Per­so­nen­schutz über das un­kon­trol­lier­ba­re Ri­si­ko ei­ner Pro­zes­si­on. Für wen tut sie das al­les? Im Ge­spräch mit ei­nem Pries­ter kom­men ihr selbst Zwei­fel: „Nicht für Jack, nicht für die

Nach­welt, son­dern für mich“, sagt Ja­ckie.

Lar­raín und sei­ne Haupt­dar­stel­le­rin Na­ta­lie Port­man fin­den ei­ne kom­ple­xe­re Ant­wort. Sie zei­gen Ja­ckie als Frau, die sich der Öf­fent­lich­keit of­fen­siv preis­gibt, seit sie ins Wei­ße Haus ge­zo­gen ist – in das Ge­bäu­de al­so, das wie kein zwei­tes Pri­vat­le­ben und Re­prä­sen­tanz ver­schmilzt. Als Schlüs­sel­do­ku­ment reinsze­niert Lar­raín in sei­ner ein­zi­gen gro­ßen Rück­blen­de ei­ne CBS-Do­ku, in der Ja­ckie Ken­ne­dy an­dert­halb Jah­re

vor dem At­ten­tat 50 Mil­lio­nen Fern­seh­zu­schau­er durch die Amts- und Wohn­räu­me der Prä­si­den­ten­fa­mi­lie ge­führt hat­te. Po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen soll­ten als das Han­deln ech­ter Men­schen er­fahr­bar wer­den, heißt es im Film. Die rea­le Ja­ckie Ken­ne­dy wur­de mit ei­nem Em­my da­für aus­ge­zeich­net.

„Ja­ckie“führt auch vor, wie ak­tiv die First La­dy da­bei um ein Image be­müht war, das von kul­tu­rel­lem An­spruch und dem Wunsch nach Schön­heit ge­prägt ist. Ex­em­pla­risch spielt die Film­bio­gra­fie das in der Rah­men­hand­lung durch, in der die Wit­we sich ei­ne Wo­che nach den Schüs­sen ei­nem Jour­na­lis­ten stellt. (Das In­ter­view hat ein his­to­ri­sches Vor­bild in ei­ner be­rühm­ten „Li­fe“Sto­ry über Ja­ckie Ken­ne­dy.) Na­ta­lie Port­man und Bil­ly Cru­dup ma­chen das Ge­spräch zu ei­nem Ring­kampf, in dem ei­ne hoch­kon­trol­lier­te Ken­ne­dy die Wir­kung ih­rer Wor­te re­gel­recht aus­pro­biert. Im­mer im­mer wie­der gibt sie hoch­in­ti­me De­tails preis, um im sel­ben Atem­zug die Frei­ga­be zu ver­wei­gern. Zu den pri­va­ten Sze­nen, die Lar­raín in der üb­ri­gen Spiel­hand­lung zeigt, bil­det die­ses Ge­spräch das zen­tra­le Ge­gen­ge­wicht – weil es im­mer wie­der den Über­griff the­ma­ti­siert, den je­de öf­fent­li­che Aus­deu­tung ei­nes frem­den Schick­sals be­deu­tet.

Auch für die Schau­spiel­kunst von Na­ta­lie Port­man hat das ver­ba­le Ge­fecht ei­nen be­son­de­ren Stel­len­wert. Kam­mer­spiel­ar­tig und nur auf das Ge­spräch be­schränkt, führt Port­man wie in ei­nem Brenn­glas vor, was ih­re gan­ze Darstel­lung aus­zeich­net: Sie imi­tiert nicht nur in täu­schen­der Wei­se Ton­fall und Kör­per­spra­che ei­nes welt­be­kann­ten Vor­bilds, son­dern eig­net sich die Fi­gur zu­gleich so voll­kom­men an, dass sie ihr gan­zes In­stru­men­ta­ri­um aus­spie­len kann. Ei­ne Leis­tung, die je­den Preis wert ist.

„Ja­ckie“. USA/RCH 2016. R: Pa­blo Lar­raíns. D: Na­ta­lie Port­man, Pe­ter Sars­gaard, Bil­ly Cru­dup. 100 Min., ab 12.

Foto: Pa­blo Lar­raín, To­bis

Das blu­ti­ge Ko­s­tüm be­hielt Ja­ckie Ken­ne­dy (Na­ta­lie Port­man) nach dem At­ten­tat de­mons­tra­tiv an.

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