Ent­zau­bert vom Äs­t­he­ten

Aus­tra­li­an Open: Zverev chan­cen­los ge­gen Fe­de­rer – Vor­freu­de auf Da­vis Cup

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Sport - Von Jörg Allmeroth

Nichts war es für Mi­scha Zverev mit der zwei­ten Ten­nis-Sen­sa­ti­on bei den Aus­tra­li­an Open. Trotz der deut­li­chen Vier­tel­fi­nal-Nie­der­la­ge ge­gen Ro­ger Fe­de­rer fährt der wie­der­er­stark­te Ham­bur­ger nun mit neu­em Selbst­ver­trau­en zum Da­vis-CupSpiel ge­gen Bel­gi­en.

Kaum hat­te Ro­ger Fe­de­rer noch im al­ten Jahr aus­tra­li­schen Bo­den be­tre­ten, da sag­te der be­rühm­tes­te al­ler Ten­nis­pro­fis sei­nen be­mer­kens­wer­ten Satz über sei­ne Mis­si­on Down Un­der: „Mei­ne Geg­ner wis­sen nicht, was sie von mir er­war­ten kön­nen.“Das war rich­tig und falsch zu­gleich. Es war rich­tig, weil der 35-jäh­ri­ge Fe­de­rer nach ei­nem hal­ben Jahr Ver­let­zungs­pau­se selbst der Ori­en­tie­rung be­raubt war – und weil kei­ner sei­ner po­ten­zi­el­len Grand-SlamGeg­ner es bes­ser wis­sen konn­te als der Meis­ter selbst. Es war aber auch falsch, weil Fe­de­rer wuss­te, dass er sich aus­rei­chend Zeit ge­nom­men hat­te für sei­ne Rück­kehr. Und es war erst recht falsch für die Tur­nier­pha­se der Aus­tra­li­an Open, in der Fe­de­rer sich jetzt be­fin­det: Wenn die Um­klei­de­ka­bi­nen lee­rer ge­wor­den sind und nur noch ein paar Cracks um den Jack­pot spie­len.

Jetzt näm­lich ist wie­der auf Fe­de­rer Ver­lass, den Cham­pi­onspie­ler, Ver­lass auf sei­ne al­ten In­stink­te, auf die Sou­ve­rä­ni­tät des Künst­lers, der so oft wie kein Zwei­ter die Be­wäh­rungs­pro­ben un­ter gro­ßem Druck be­stan­den hat. Jetzt ist Fe­de­rer wie­der Fe­de­rer, sechs Mo­na­te Ver­let­zungs­pau­se sind ab­ge­schüt­telt, ver­ges­sen und vor­bei. Und mit al­ter Ma­gie und neu­er Fri­sche stürm­te er am Di­ens­tag­abend in der Run­de der letz­ten acht auch an Mi­scha Zverev vor­bei, dem deut­schen Über­ra­schungs­mann der Of­fe­nen Aus­tra­li­schen Meis­ter­schaf­ten 2017. „Es ist ein coo­ler Mo­ment für mich. Und jetzt wird es noch ein biss­chen coo­ler“, sag­te der Schwei­zer Äs­t­het nach dem un­ge­fähr­de­ten 6:1, 7:5, 6:2Sieg, mit dem er zu­gleich ein rein schwei­ze­ri­sches Halb­fi­na­le ge­gen sei­nen Freund und Ri­va­len Stan Wa­wrin­ka fest­schrieb. Der viel be­schwo­re­ne „Stan, the Man“, Mel­bour­neGe­win­ner 2014, un­ter­mau­er­te sei­ne Ti­tel­träu­me ein­drucks­voll beim 7:6, 6:4, 6:3Tri­umph über Frank­reichs Hoff­nung Jo-Wil­fried Tson­ga.

Zverev, der Ham­bur­ger Jun­ge, hat­te sei­nen gro­ßen Mo­ment im Ach­tel­fi­na­le ge­habt, als er Front­mann An­dy Mur­ray mit ei­ner per­fek­ten Ba­lan­ce aus Kon­trol­le und Ag­gres­si­on schach­matt setz­te. Doch Fe­de­rer er­wies sich

als ganz an­de­res Ka­li­ber, der wie­der­er­stark­te Ma­e­s­tro knall­te Zverev se­ri­en­wei­se pfeil­schnel­le Pas­sier­bäl­le um die Oh­ren – und presch­te, wann im­mer mög­lich, in die Of­fen­si­ve vor. Bis zum Mat­chen­de nach nur 92 Mi­nu­ten hat­te Fe­de­rer 65 Ge­winn­auf­schlä­ge auf­ad­diert, nur ganz we­ni­ge Schwä­che­pha­sen leis­te­te er sich auf dem Weg in sein 41. Gran­dSlam-Halb­fi­na­le und ins 13. Aus­tra­li­an-Open-Halb­fi­na­le.

Den Auf­schlag­gi­gan­ten John Is­ner heim­ge­schickt, den Tur­nier­fa­vo­ri­ten An­dy Mur­ray ent­zau­bert, auch ge­gen Ro­ger Fe­de­rer nach Fehl­start noch mit star­ker Ge­gen­wehr – Zverev, der Äl­te­re, konn­te sich im Au­gen­blick der Nie­der­la­ge noch wie der zwei­te Sie­ger füh­len. Was er nun mit­neh­me von die­sem Tur­nier, vom Mit­wir­ken un­ter den Gro­ßen und Star­ken und dem ers­ten Vier­tel­fi­na­le sei­ner Kar­rie­re, wur­de Zverev spä­ter ge­fragt. Und sei­ne Ant­wort lau­te­te: „Wenn du an dich glaubst, ist al­les mög­lich.“Er hof­fe nun, so Zverev, „vor al­lem, ge­sund und fit zu blei­ben. Denn dann kann noch viel ge­hen in die­sem Jahr.“

Nächs­ter Stopp für ihn, für das gan­ze Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men Zverev, ist An­fang Fe­bru­ar Frank­furt. Da geht es nicht um das per­sön­li­che Vor­an­kom­men, son­dern um ei­nen Er­folg der deut­schen Da­vis-Cup-Mann­schaft ge­gen Bel­gi­en. Auch da­mit er­füllt sich ein Traum des äl­te­ren Zverev-Bru­ders, denn im Herbst sei­ner Kar­rie­re steht er nun mit Bru­der­herz Sa­scha im Team, da­zu sind auch Phil­ipp Kohl­schrei­ber und Jan-Len­nard St­ruff no­mi­niert. Durch­aus denk­bar, dass Zverev und Zverev das weg­wei­sen­de Dop­pel am Sams­tag be­strei­ten wer­den.

Und in Mel­bourne? Hier rich­ten sich die Bli­cke auf das Schwei­zer Du­ell, auf Fe­de­rer, den Rück­keh­rer, des­sen Al­ter nicht im Ge­rings­ten vor Klas­se und Er­fol­gen schützt. Als be­tag­tes­ter Profi seit dem Ame­ri­ka­ner Ar­thur As­he 1978 geht der un­ver­wüst­li­che Grand-Slam-Re­kord­cham­pi­on (17 Ti­tel) nun in der Nacht­show des Don­ners­tags ins Ren­nen ge­gen Wa­wrin­ka.

Bei den Da­men er­reich­te Ve­nus Wil­li­ams mit 6:4, 7:6 (7:3) ge­gen die Rus­sin Ana­stas­si­ja Pawl­jut­schen­ko­wa 14 Jah­re nach ih­rem ers­ten Halb­fi­na­le in Mel­bourne die Vor­schluss­run­de. Die 36-Jäh­ri­ge ist die äl­tes­te Se­mi­fi­na­lis­tin bei ei­nem Grand-SlamTur­nier seit Mar­ti­na Nav­ra­til­o­va 1994 in Wim­ble­don. Am Don­ners­tag geht es in ei­nem US-Du­ell ge­gen Co­co Van­de­weg­he. Die Num­mer 35 der Welt schlug nach Ti­tel­ver­tei­di­ge­rin An­ge­li­que Ker­ber aus Kiel auch die French-OpenSie­ge­rin Gar­bi­ñe Mu­guru­za aus Spa­ni­en beim 6:4, 6:0 klar.

„Wenn du an dich glaubst, ist al­les mög­lich“Mi­scha Zverev, deut­scher Ten­nis­pro­fi

Nur et­was ent­täuscht: der Deut­sche Mi­scha Zverev. Foto: imago/Pan­o­ra­miC

Ziem­lich zu­frie­den: der Schwei­zer Ro­ger Fe­de­rer. Foto: imago/GE­PA pic­tu­res

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.