So­zi­al­be­trug kos­tet Mil­lio­nen

Hun­der­te Schein-Iden­ti­tä­ten bei Asyl­be­wer­bern – Pis­to­ri­us dankt In­for­man­tin

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Vorderseite -

Mit fal­schen Iden­ti­tä­ten sol­len sich Hun­der­te Asyl­be­wer­ber in Nie­der­sach­sen So­zi­al­leis­tun­gen er­schli­chen ha­ben. Die Mit­ar­bei­te­rin der Lan­des­auf­nah­me­be­hör­de, die zahl­rei­che Fäl­le auf­deck­te, wur­de frei­ge­stellt.

Von Klaus Wie­sche­mey­er

Nie­der­sach­sens Po­li­zei hat im ver­gan­ge­nen Jahr 2644 Fäl­le von So­zi­al­be­trug re­gis­triert. 487 da­von wur­den durch Flücht­lin­ge be­gan­gen. Das teil­te In­nen­mi­nis­ter Bo­ris Pis­to­ri­us (SPD) am Mitt­woch vor Jour­na­lis­ten in Han­no­ver mit. Das ist ei­ne dras­ti­sche Stei­ge­rung von 351 Fäl­len im Ver­gleich zum Vor­jahr.

Ei­nen deut­li­chen An­stieg ver­zeich­ne­te die Po­li­zei­di­rek­ti­on Braun­schweig. In der dor­ti­gen Lan­des­auf­nah­me­be­hör­de (LAB) hat­ten zwei Mit­ar­bei­te­rin­nen auf ei­ge­ne Faust knapp ein hal­bes Jahr lang nach Be­trü­gern un­ter den Asyl­be­wer­bern ge­sucht. Sie such­ten nach Flücht­lin­gen, die sich an ver­schie­de­nen Or­ten mit ver­schie­de­nen Iden­ti­tä­ten an­ge­mel­det und So­zi­al­leis­tun­gen be­zo­gen hat­ten.

Al­lein aus die­ser Ar­beit re­sul­tie­ren acht Ak­ten­ord­ner mit 520 Ver­dachts­fäl­len, die an­dern­falls wohl nicht auf­ge­fal­len wä­ren. Ulf Küch von der Braun­schwei­ger Kri­po geht al­lein in die­sem Fall von 240 Ver­däch­ti­gen und ei­nem Scha­den von bis zu 4,8 Mil­lio­nen Eu­ro aus. Küch zu­fol­ge wer­den Schei­ni­den­ti­tä­ten vor al­lem von an­geb­lich su­da­ne­si­schen Kri­mi­nel­len „aus dem schwarz­afri­ka­ni­schen

Be­reich“ge­nutzt, die dar­aus ein „Ge­schäfts­mo­dell“ge­macht hät­ten. Vor al­lem auf dem Hö­he­punkt der Flücht­lings­kri­se En­de 2015 und An­fang 2016 ha­be es Be­trugs­fäl­le ge­ge­ben. Da­mals wur­den von den An­kömm­lin­gen noch kei­ne Fin­ger­ab­drü­cke ge­nom­men.

Für ei­ne Mit­ar­bei­te­rin zahl­te sich das En­ga­ge­ment nicht aus: Die Zeit­ar­bei­te­rin Nad­ja N. wur­de vom Stand­ort­lei­ter der LAB Braun­schweig we­gen Über­schrei­tung ih­rer Kom­pe­ten­zen frei­ge­stellt, be­vor ihr Ver­trag aus­lief. Heu­te ist sie ar­beits­los. In­nen­mi­nis­ter Bo­ris Pis­to­ri­us (SPD) kri­ti­sier­te den Um­gang mit der Mit­ar­bei­te­rin am Mitt­woch als „un­glück­lich und falsch“und lob­te die Cou­ra­ge. „Ich ha­be we­nig Ver­ständ­nis da­für, wie mit der Mit­ar­bei­te­rin um­ge­gan­gen wur­de“, sag­te Pis­to­ri­us. Er den­ke dar­über nach, sich per­sön­lich bei N. zu be­dan­ken.

Der Mi­nis­ter wi­der­sprach al­ler­dings der Aus­sa­ge von N., der Stand­ort­lei­ter ha­be ver­sucht, den Fall zu ver­tu­schen, und sie an­ge­wie­sen, die Ak­ten über die mut­maß­li­chen Be­trü­ger in den Kel­ler zu brin­gen. Der Stand­ort­lei­ter hat­te dem in ei­ner dienst­li­chen Er­klä­rung wi­der­spro­chen. „Von ei­ner Ver­tu­schung kann gar kei­ne Re­de sein“, be­ton­te der Mi­nis­ter. Nie­der­sach­sen ha­be ein ho­hes In­ter­es­se an der Auf­klä­rung sol­cher De­lik­te.

Pis­to­ri­us muss­te al­ler­dings ei­ne Pan­ne ein­räu­men: Nach­dem die Mit­ar­bei­te­rin be­reits En­de Ja­nu­ar ih­rem Stand­ort­lei­ter ei­nen ers­ten Ord­ner mit 30 Fäl­len über­ge­ben hat­te, nahm der zwar Kon­takt zur Po­li­zei auf. Bei­de Be­hör­den sei­en aber un­tä­tig ge­blie­ben, weil sie auf die je­weils an­de­re Sei­te ge­war­tet hät­ten. Erst als die Mit­ar­bei­te­rin En­de Mai die Po­li­zei an­rief, ka­men die Er­mitt­lun­gen ins Rol­len. N. wur­de we­gen „nicht au­to­ri­sier­ten Ver­hal­tens“ei­nen Mo­nat vor Ver­trags­en­de frei­ge­stellt.

Asyl­miss­brauch: Ar­ti­kel zum The­ma le­sen Sie auf noz.de/po­li­tik

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