Viel­fa­ches Be­hör­den­ver­sa­gen im Fall Sa­fia?

Auch mit dem heu­ti­gen Ur­teil zum mut­maß­li­chen IS-At­ten­tat in Han­no­ver blei­ben vie­le Fra­gen of­fen

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Nordwest - Mehr zu Sa­fia und Han­no­vers Sala­fis­ten auf noz.de/nie­der­sach­sen

War das mut­maß­li­che At­ten­tat der da­mals 15-jäh­ri­gen Sa­fia S. auf ei­nen Bun­des­po­li­zis­ten in Han­no­ver ver­meid­bar? Wäh­rend die ju­ris­ti­sche Au­f­ar­bei­tung des Falls heu­te en­den soll, blei­ben bei der po­li­ti­schen Fra­gen of­fen. Vor al­lem ei­ne: Er­mög­lich­ten Be­hör­den­pan­nen die Atta­cke?

Von Klaus Wie­sche­mey­er

Am Tag, be­vor das 15-jäh­ri­ge Mäd­chen ei­nem Bun­des­po­li­zis­ten ein Ge­mü­se­mes­ser in den Hals rammt, gibt das Lan­des­kri­mi­nal­amt (LKA) in Han­no­ver Ent­war­nung: Von Sa­fia S. ge­he „kei­ne Ge­fahr“aus, heißt es in ei­nem Fern­schrei­ben an Si­cher­heits­be­hör­den im gan­zen Land. Kon­kre­te Be­zü­ge zur Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on IS sei­en nicht fest­stell­bar.

Tags drauf sticht Sa­fia S. in Han­no­vers Haupt­bahn­hof auf ei­nen 34-jäh­ri­gen Po­li­zis­ten ein und ver­letzt ihn schwer. Die Bun­des­an­walt­schaft geht von ver­such­tem Mord und Un­ter­stüt­zung ei­ner Ter­ror­ver­ei­ni­gung aus – und for­dert mit sechs Jah­ren Haft ei­ne für Min­der­jäh­ri­ge üp­pi­ge Stra­fe. Mit dem für heu­te er­war­te­ten Ur­teil dürf­te die ju­ris­ti­sche Au­f­ar­bei­tung ab­ge­schlos­sen sein. Die po­li­ti­sche dau­ert an.

Denn das LKA-Schrei­ben vom 25. Fe­bru­ar 2016 wirft ein grel­les Schlag­licht auf den be­hörd­li­chen Um­gang mit ei­ner jun­gen Frau, die sich un­ter den Au­gen des Staa­tes ra­di­ka­li­sier­te. Denn Hin­wei­se, dass bei Sa­fia et­was nicht stimm­te, gab es vie­le: Am 30. No­vem­ber 2015 mel­det sich die Groß­mut­ter bei der Po­li­zei und warnt vor ei­ner Ra­di­ka­li­sie­rung Zu­schau­er muss­ten bei dem stark ge­si­cher­ten Pro­zess in Cel­le drau­ßen blei­ben.

ih­rer En­ke­lin. Kurz zu­vor war das Fuß­ball-Län­der­spiel in Han­no­ver ab­ge­sagt wor­den. Des­we­gen er­mit­telt der Ge­ne­ral­bun­des­an­walt ge­gen den 20-jäh­ri­gen Mo­ha­mad Ha­san K. Der wie­der­um ist ein Freund Sa­fi­as und steht zu­sam­men mit ihr vor dem Cel­ler Ge­richt: Ihm wird Mit­wis­ser­schaft vor­ge­wor­fen, denn in Han­dy­chats tausch­ten sich die bei­den über ei­ne „Mär­ty­rer­ope­ra­ti­on“Sa­fi­as in Deutsch­land aus.

Am 21. Ja­nu­ar kauft sich die 15-Jäh­ri­ge ein Flug­ti­cket und fliegt al­lein in die Tür­kei. Die Mut­ter er­stat­tet Ver­miss­ten­an­zei­ge und warnt, Sa­fia wol­le sich mög­li­cher­wei­se dem IS an­schlie­ßen. Sie reist hin­ter­her, holt ih­re Toch­ter zu­rück.

Sie ha­be nur Ur­laub ma­chen wol­len, sagt Sa­fia zwei Po­li­zei­be­am­ten nach der Rück­kehr. Die glau­ben ihr nicht, stel­len zwei Han­dys si­cher. Auf de­nen be­fin­den sich Pres­se­be­rich­ten zu­fol­ge ne­ben IS-Ent­haup­tungs­vi­de­os auch die Chats mit Mo­ha­mad Ha­san K., in de­nen sie von ei­nem Tref­fen mit „Brü­dern aus Sy­ri­en“be­rich­tet und von ei­ner „Über­ra­schung für den Un­gläu­bi­gen“schreibt. Da die Chats in ara­bi­scher Spra­che sind, wer­den sie aber zu­nächst nicht aus­ge­wer­tet.

Auch die Schu­le be­merkt vor der Tat ei­ne Ve­rän­de­rung der Deutsch-Ma­rok­ka­ne­rin. Die No­ten wer­den schlech­ter, An­fang Fe­bru­ar fal­len ei­nem Leh­rer Youtube-Vi­de­os von

Sa­fia mit dem Sala­fis­ten­pre­di­ger Pier­re Vo­gel auf. Er in­for­miert die Schul­lei­tung, die wen­det sich an die Po­li­zei. Am 26. Fe­bru­ar be­sucht ein Be­am­ter das Gym­na­si­um – noch am sel­ben Tag sticht die Ju­gend­li­che zu.

Wie ein Kin­der­star

Die Vi­de­os mit Pier­re Vo­gel sind schon alt, zei­gen Sa­fia als Kor­an­ver­se vor­tra­gen­de Sie­ben­jäh­ri­ge, die von Vo­gel als Kin­der­star prä­sen­tiert wird. Dem Ver­fas­sungs­schutz sind die Vi­de­os be­reits be­kannt, wer­den in Han­no­ver so­gar als Schu­lungs­ma­te­ri­al zum Sala­fis­mus ein­ge­setzt. Nur weiß dort nie­mand, wer das Mäd­chen ne­ben dem be­kann­ten Pre­di­ger ist.

Das Mäd­chen selbst fällt we­gen sei­ner Min­der­jäh­rig­keit im­mer wie­der aus dem Vi­sier des Ge­heim­diens­tes. Doch die sala­fis­ti­sche Cli­que, die sich in ei­ner Mo­schee in Han­no­vers Nord­stadt und bei Kor­an­ver­tei­l­ak­tio­nen im Zen­trum trifft und zu der auch Chat­part­ner K. ge­hört, steht un­ter Be­ob­ach­tung. Der po­li­zei­li­che Staats­schutz hat Na­men, der Ver­fas­sungs­schutz Fo­tos. Bei­des kommt an­schei­nend aber nicht zu­sam­men. Der mut­maß­li­che Kopf, der Af­gha­nistan­flücht­ling Ah­med Fe­re­daws A., gilt als Ge­fähr­der, der ein Selbst­mord­at­ten­tat plant. Er wur­de zeit­wei­se rund um die Uhr ob­ser­viert. In­zwi­schen ist Ah­med spur­los un­ter­ge­taucht.

Da­bei auch: Sa­fi­as äl­te­rer Bru­der Sal­eh: Er ist mehr­fach vor­be­straft und drin­gend ver­däch­tig, drei Wo­chen vor dem Mes­ser­at­ten­tat we­ni­ge Me­ter vom Haupt­bahn­hof ent­fernt Brand­bom­ben von ei­nem Ein­kaufs­zen­trum hin­un­ter auf Pas­san­ten ge­wor­fen zu ha­ben. Die Staats­an­walt­schaft geht von ver­such­tem Mord aus. Die Mo­lo­tow­cock­tails zün­den nicht, sonst hät­te es wohl To­te ge­ge­ben. Nach dem Vor­fall reist Sal­eh in die Tür­kei. Als Sa­fia ver­haf­tet wird, sitzt er in Ga­zi­an­tep im Ge­fäng­nis. War­um, ist bis heu­te un­klar. Klar ist: Die tür­ki­sche Stadt an der Gren­ze zu Sy­ri­en gilt als Dreh­schei­be des IS.

„Er­heb­li­che Feh­ler“

Die Op­po­si­ti­on ist über­zeugt, dass Sa­fia den Be­hör­den bei sys­te­ma­ti­schen Auf­klä­run­gen frü­her hät­te auf­fal­len müs­sen. Wäh­rend In­nen­mi­nis­ter Bo­ris Pis­to­ri­us (SPD) in­di­vi­du­el­le Feh­ler ein­räumt und die­se durch Re­for­men be­reits aus­ge­räumt sieht, kri­ti­sie­ren CDU und FDP struk­tu­rel­le Pro­ble­me. „Im Fall Sa­fia S. sind den nie­der­säch­si­schen Si­cher­heits­be­hör­den er­heb­li­che Feh­ler un­ter­lau­fen. Nach al­len Er­kennt­nis­sen, die mitt­ler­wei­le vor­lie­gen, hät­ten die Si­cher­heits­be­hör­den das At­ten­tat ver­hin­dern kön­nen, wenn sie al­le vor­han­de­nen In­for­ma­tio­nen aus­ge­wer­tet und al­le recht­li­che Mög­lich­kei­ten ge­nutzt hät­ten“, sagt der FDP-Ab­ge­ord­ne­te Ste­fan Birk­ner. „Er­schre­ckend ist, dass Mi­nis­ter Pis­to­ri­us ent­ge­gen der Fak­ten­la­ge sich die­ser Ein­sicht noch im­mer ver­wei­gert und kei­ne Kon­se­quen­zen zie­hen will“, sagt Birk­ner.

Fo­to: dpa

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