„Es ist und bleibt ein Traum“

Braun­schweig-Trai­ner Lie­ber­knecht: Mit Akri­bie und Be­schei­den­heit zum Auf­stieg?

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Sport -

Al­le re­den von den Bun­des­li­ga-Ab­stei­gern Han­no­ver 96 und VfB Stutt­gart. Doch als Spit­zen­rei­ter in die Rück­run­de der 2. Fuß­ball-Bun­des­li­ga, die am Frei­tag be­ginnt, geht Ein­tracht Braun­schweig.

Von Chris­ti­an Ot­to

BRAUN­SCHWEIG. Kei­ner macht das so lie­be­voll wie er. Die ei­ge­nen Spie­ler zu schub­sen, wäh­rend sie beim Ko­or­di­na­ti­ons­trai­ning das Gleich­ge­wicht hal­ten sol­len. Hier und da streut er ei­nen Witz ein, um von der üb­li­chen Schin­de­rei auf dem Übungs­platz ab­zu­len­ken. „Es ist und bleibt ein Traum, dass ich die­sen Job aus­üben darf“, sagt Tors­ten Lie­ber­knecht. Der 43-Jäh­ri­ge ist schon seit neun Jah­ren Chef­trai­ner bei Ein­tracht Braun­schweig. Mit ihm bleibt zum Start der Rück­run­de in der 2. Bun­des­li­ga die zar­te Hoff­nung der Nie­der­sach­sen ver­bun­den, es er­neut bis in die 1. Li­ga zu schaf­fen. Ner­vös? „Un­se­re Ar­beit ist von Ru­he ge­prägt. Das er­mög­licht Kon­ti­nui­tät und gibt uns Kraft“, sagt Lie­ber­knecht. Wenn er zu sol­chen Sät­zen sei­nen so ty­pi­schen Blick als Kum­pel­typ auf­setzt, mag man ihm ein­fach nicht wi­der­spre­chen.

Die Welt des be­zahl­ten Fuß­balls, die im­mer schnell­le­bi­ger wird, hat ei­gent­lich kaum noch Platz für sol­che Ty­pen. Lie­ber­knecht freut sich als Trai­ner über ein Halt­bar­keits­da­tum, das es in der 1. und 2. Li­ga so gut wie gar nicht mehr gibt. Prä­si­dent, Ge­schäfts­füh­rer und Sport­li­cher Lei­ter las­sen ihn ma­chen, weil es mehr­heit­lich auf­wärts­geht. Sie ha­ben seit 2008 auch so man­chen Durch­hän­ger mit ihm ge­meis­tert. Dass Wer­der Bre­men im Vor­jahr an ei­ner Ver­pflich­tung von Lie­ber­knecht in­ter­es­siert war, ist eben­falls ge­mein­sam durch­ge­stan­den wor­den. Aus­stiegs­klau­sel? Braucht der Mann nicht. „Wenn ich ein Haus baue und ei­nen Kre­dit auf­neh­me, kann Stets in der 67. Spiel­mi­nu­te stim­men die Braun­schweig-Fans die Er­in­ne­rung an die deut­sche Meis­ter­schaft 1967 an, die der Club er­rang. Ak­tu­ell trau­en sie Trai­ner Tors­ten Lie­ber­knecht (ein­ge­klinkt) durch­aus den Auf­stieg zu.

ich auch nicht sa­gen: Ich zahl jetzt nicht mehr“, fin­det Lie­ber­knecht. Al­so hat er der Ein­tracht wie­der ein­mal sei­ne Zu­sa­ge ge­ge­ben. Die­ses Mal bis 2020. Na­tür­lich oh­ne je­des Wenn und Aber.

Ih­re Ge­schich­te, die die Ent­schei­der Ein­tracht Braun­schweig uni­so­no er­zäh­len, ist ver­eins­in­tern gut ab­ge­stimmt. Aber: Sie kommt auch sehr glaub­wür­dig da­her. „Un­se­re er­folg­rei­chen Jah­re ha­ben et­was Be­son­de­res her­an­wach­sen las­sen. Und das kann auch Rück­schlä­ge ver­kraf­ten“, fin­det Sport­di­rek­tor Marc Ar­nold. „Wir wis­sen, wie der an­de­re tickt. Das gilt für den Fuß­ball und die all­ge­mei­ne Le­bens­ein­stel­lung“, er­gänzt Ge­schäfts­füh­rer Soe­ren Oli­ver Voigt. Kei­ne Sor­ge: In Braun­schweig wird auch

kon­tro­vers dis­ku­tiert und über Trans­fers so­wie Zie­le ge­strit­ten. Aber das ge­schieht hin­ter ver­schlos­se­nen Tü­ren und mit ei­ner Ge­las­sen­heit plus Ver­nunft, die den meis­ten Mit­be­wer­bern um den Auf­stieg nicht ver­gönnt ist.

Mit dem Start in die Rück­run­de wird in der 2. Li­ga wie­der ge­nau durch­ge­rech­net, wer ei­gent­lich wirk­lich noch für das The­ma Auf­stieg in­fra­ge kommt. Lie­ber­knecht meint, weil er ein höf­li­cher und vor­sich­ti­ger Zeit­ge­nos­se ist, dass bis Ta­bel­len­platz 10 noch al­le Clubs ei­ne Chan­ce ha­ben. Tat­säch­lich wird vor al­lem beim VfB Stutt­gart und bei Han­no­ver 96 ge­grü­belt, wie man die­se sta­bi­len Braun­schwei­ger noch ein­ho­len kann. „Ich kann un­se­ren Ab­stieg bis heu­te nicht ak­zep­tie­ren“, sagt Mar­tin Kind,

der höchst ehr­gei­zi­ge Prä­si­dent von Han­no­ver 96. Mit dem frü­he­ren Bun­des­kanz­ler Ger­hard Schrö­der hat er ein me­dia­les Schwer­ge­wicht als neu­en Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­den an Bord ge­holt. In Han­no­ver wie in Stutt­gart sind die Er­war­tungs­hal­tun­gen so groß, dass ein 2. oder 3. Platz in der Ta­bel­le ge­fühlt ei­ne Ent­täu­schung ist. Braun­schweig da­ge­gen kommt wie ei­ne Ma­nu­fak­tur der Bo­den­stän­dig­keit da­her. Dass man sich ge­gen­sei­tig ver­traut, ist ein gro­ßer Wett­be­werbs­vor­teil der Ein­tracht. „Wir ha­ben ei­ne an­de­re Form des Drucks. Nicht des Müs­sens, son­dern des Wol­lens“, sagt Sport­di­rek­tor Ar­nold.

Kei­ner­lei Neu­zu­gän­ge wäh­rend der Win­ter­pau­se, kein mil­lio­nen­schwe­rer Star im Ka­der: Die Bot­schaft, die

Braun­schweig wie­der ein­mal an die Kon­kur­renz sen­det, ist ziem­lich sim­pel. Un­ter der Re­gie von Lie­ber­knecht wird kei­ner ge­dul­det, der aus der Rei­he tanzt. Selbst Do­mi Kum­be­la, ein meis­tens treff­si­che­rer und manch­mal streit­ba­rer Pro­fi, hat sich als Tor­jä­ger brav ein­ge­reiht. Er ge­hört die­ser Po­lo­nä­se an Spie­lern an, die Lie­ber­knecht fol­gen und ihm na­he­zu blind ver­trau­en. Mit Marc Ko­si­cke hat Lie­ber­knecht ei­nen Be­ra­ter, der ihn so gut wie nicht be­ra­ten muss, weil ja seit Jah­ren kein Ver­eins­wech­sel an­steht. Als bes­ten Be­ra­ter nennt der Trai­ner oh­ne­hin sei­ne Frau. „Sie ist mein gro­ßer Halt und der bes­te Spie­gel“, sagt Lie­ber­knecht. Wel­cher an­de­re Zweit­li­gist kann da bit­te schön noch mit Braun­schweig mit­hal­ten?

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