Kampf um die För­der­schu­len

Tref­fen der El­tern, Leh­rer und Schü­ler aus Stadt und Land­kreis

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Osnabrück - Von Diet­mar Krö­ger

„Es geht nicht dar­um, die In­klu­si­on an sich in­fra­ge zu stel­len.“Schon fast ge­bets­müh­len­ar­tig wie­der­ho­len Leh­rer, El­tern und mitt­ler­wei­le auch Schü­ler die­se Po­si­ti­on. Sie for­dern viel­mehr ei­ne sinn­stif­ten­de Um­set­zung der In­klu­si­on. Die aber ist in ih­ren Au­gen noch in wei­ter Fer­ne.

„Seit­dem mein Kind auf ei­ner För­der­schu­le ist, ha­ben wir end­lich wie­der ein Fa­mi­li­en­le­ben.“Ei­ne Mut­ter hielt beim Tref­fen von För­der­schul­leh­rern und Schü­lern so­wie Per­so­nal­rä­ten und El­tern­ver­tre­tern an För­der­schu­len in Stadt und Land­kreis Osnabrück ein flam­men­des Plä­doy­er für den Er­halt der För­der­schu­len mit Schwer­punkt Ler­nen. An der Re­gel­schu­le sei ihr Kind nicht nur in­halt­lich auf der Stre­cke ge­blie­ben, es ha­be auch tief ge­hen­de Aus­gren­zungs­er­fah­run­gen ge­macht. Die an der Re­gel­schu­le im Prim­ar­be­reich (Grund­schu­le) nicht statt­fin­den­de För­de­rung, ha­be sie an den Nach­mit­ta­gen mit un­ter­schied­li­chen the­ra­peu­ti­schen Maß­nah­men er­set­zen müs­sen. „Was hat das für ei­nen Sinn, wenn ich mit mei­ner Toch­ter nach­mit­tags zu ei­nem The­ra­peu­ten ge­hen muss, der die durch die Aus­gren­zung ver­ur­sach­te psy­chi­sche Stö­rung wie­der aus­glei­chen muss?“An der För­der­schu­le sei ih­re Toch­ter auf­ge­blüht, füh­le sich als Glei­che un­ter Glei­chen.

Sie ha­be nach dem Be­such der Co­me­ni­us­schu­le Bä­cke­rei­fach­ver­käu­fe­rin ge­lernt und ar­bei­te jetzt als Fi­li­al­lei­te­rin, so ei­ne ehe­ma­li­ge Schü­le­rin. Und ih­re da­ma­li­ge Mit­schü­le­rin, die heu­te im glei­chen Un­ter­neh­men ar­bei­tet, er­klär­te, für sie sei die Schu­le wie ei­ne Fa­mi­lie ge­we­sen. Die Leh­rer hät­ten sich ih­rer an­ge­nom­men, hät­ten sie auf den Be­ruf vor­be­rei­tet, Prak­ti­ka or­ga­ni­siert und sie auch im­mer wie­der auf­ge­fan­gen, wenn sie Ge­fahr ge­lau­fen sei, in al­te Ver­hal­tens­mus­ter zu­rück­zu­fal­len, die Schu­le zu ver­nach­läs­si­gen und sich sel­ber auf­zu­ge­ben. „Oh­ne die Co­me­ni­us­schu­le wä­re ich heu­te nicht da, wo ich bin. Die ha­ben da ein­fach nicht lo­cker­ge­las­sen“, so ihr Fa­zit. Ih­re Schu­le aber ist bald Ge­schich­te, denn sie ist ei­ne der För­der­schu­len mit Schwer­punkt Ler­nen, die von der Lan­des­re­gie­rung ab­ge­schafft wur­den und der­zeit mit den letz­ten Klas­sen aus­lau­fen.

Da­bei ma­chen die ge­nann­ten Bei­spie­le deut­lich, um was es beim The­ma In­klu­si­on geht: das glei­che, un­ein­ge­schränk­te Recht auf Teil­ha­be und in­di­vi­du­el­le Ent­wick­lung – un­ab­hän­gig von Her­kunft, Ge­schlecht oder psy­chi­schen und phy­si­schen Vor­aus­set­zun­gen. Das al­les mit dem Ziel, als teil­ha­ben­des Mit­glied der Ge­sell­schaft zu le­ben – mit Job und Ein­kom­men, mit Part­ner und Kin­dern. Um die­ses Ziel zu er­rei­chen, be­darf es ei­ni­ger Gr­und­vor­aus­set­zun­gen, die Leh­rer, El­tern und Schü­ler mitt­ler­wei­le vor al­lem mit Blick auf die För­der­schu­len Ler­nen in gro­ßer Ge­fahr se­hen. Nach An­sicht vie­ler El­tern wer­den ih­re Kin­der mit dem Be­darf Ler­nen in den Re­gel­schu­len „zwangs­in­klu­diert“(mit dem Aus­lau­fen der För­der­schu­len ent­fällt jeg­li­che Wahl­mög­lich­keit), was in ih­ren Au­gen an sich kein Pro­blem wä­re, wenn die Schu­len ent­spre­chend aus­ge­stat­tet wä­ren. „Dau­er­haf­tes Te­am­teaching mit zwei Leh­rern, die sich um die Kin­der ei­ner Klas­se küm­mern, wä­re toll“, so ei­ne El­tern­ver­tre­te­rin. Da­von aber sei­en die Schu­len weit ent­fernt.

Nach An­sicht der Lan­des­re­gie­rung rei­chen zwei Wo­chen­stun­den pro Klas­se, um den son­der­päd­ago­gi­schen För­der­be­darf an Grund­schu­len ab­zu­de­cken. Den Rest der Zeit ist der Grund­schul­leh­rer mit den Schü­lern mit und oh­ne För­der­be­darf al­lein. In den Se­kun­dar­schu­len be­kom­men Schü­ler mit son­der­päd­ago­gi­schem Un­ter­stüt­zungs­be­darf im Be­reich Ler­nen per­so­nen­be­zo­gen drei Wo­chen­stun­den Un­ter­stüt­zung. Und weil es ei­ne ekla­tan­te Un­ter­ver­sor­gung mit För­der­schul­leh­rern gibt, fin­det noch nicht ein­mal die­se För­de­rung in vol­lem Um­fang statt. Ei­ne in­ten­si­ve Zu­wen­dung, wie sie zum Bei­spiel an der Co­me­ni­us­schu­le von den bei­den Schü­le­rin­nen er­fah­ren wur­de, kann un­ter die­sen Be­din­gun­gen nicht mehr statt­fin­den, wa­ren sich die Teil­neh­mer der In­for­ma­ti­ons­ver­an­stal­tung ei­nig.

„Die Pro­ble­me der Kin­der mit dem Be­darf Ler­nen sind zu 80 bis 90 Pro­zent haus­ge­macht“, so ein För­der­schul­leh­rer. Soll hei­ßen: Die Pro­ble­me der Kin­der sind Re­sul­ta­te der häus­li­chen Si­tua­ti­on. Oft ver­gin­gen Mo­na­te in­ten­sivs­ten Küm­merns, bis er ei­nen Zu­gang zu den Kin­dern fin­de, be­schreibt er sei­ne Ar­beit. „Zu­wen­dung“, „Ver­trau­en“oder auch „Ge­duld“sind Be­grif­fe, die in der Run­de im­mer wie­der fal­len. Um sie mit In­halt zu fül­len, las­se das jetzt in­stal­lier­te Sys­tem der In­klu­si­on kei­ne Zeit.

Und wäh­rend die Schü­ler of­fen­sicht­lich un­ter ei­ner man­gel­haf­ten För­de­rung lei­den, müs­sen die Leh­rer al­lein­ver­ant­wort­lich mit 25 Schü­lern in ei­ner Klas­se den di­dak­tisch-päd­ago­gi­schen Spa­gat zwi­schen För­der­be­darf und Re­gel­un­ter­richt schaf­fen. Die Fol­ge: För­der­be­darf­kin­der be­kom­men ei­ge­ne Ar­beits­blät­ter, ge­ge­be­nen­falls kei­ne No­ten auf dem Zeug­nis, wer­den in ei­nem ge­son­der­ten Teil des Klas­sen­raums un­ter­rich­tet und der­glei­chen mehr. „Schlim­mer kann Aus­gren­zung nicht sein“, so ei­ne Mut­ter. Die Stig­ma­ti­sie­rung, die durch die In­klu­si­on ei­gent­lich ver­mie­den wer­den soll­te, wer­de so zu ei­ner tag­täg­li­chen Er­fah­rung. „Die Fol­ge ist, dass sich die Kin­der im­mer wei­ter zu­rück­zie­hen und zu­neh­mend ver­wei­gern.“Auf ei­ner För­der­schu­le blei­be ih­rem Kind die­se Er­fah­rung er­spart.

Lang­sam, aber ste­tig nimmt der Wi­der­stand ge­gen die Schlie­ßung der För­der­schu­len Ler­nen zu. Re­gel­mä­ßi­ge Tref­fen der Be­tei­lig­ten mö­gen hier ein ers­tes An­zei­chen sein. Über das The­ma In­klu­si­on in­for­mie­ren auch die In­ter­net­sei­ten www.in­klu­si­ons-por­tal.de und netz­werk-in­klu­si­on-os.de.

Fo­to: dpa

In­klu­si­on wird zwar groß­ge­schrie­ben, aber – in den Au­gen der Be­trof­fe­nen – zu klein um­ge­setzt.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.