Was pas­siert in Ex­trem­si­tua­tio­nen?

Frau­en dop­pelt so häu­fig von post­trau­ma­ti­schen Be­las­tungs­stö­run­gen be­trof­fen

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Osnabrück - Beim

Von Ur­su­la Stock­horst

In die­sem Jahr wur­den ei­ni­ge Fra­gen zum The­ma Angst ge­stellt: Wie un­ter­schei­det sich die Angst vor ei­ner Spin­ne von der bei ei­nem Amok­lauf? Was pas­siert in Ex­trem­si­tua­tio­nen, wenn wir sie selbst er­le­ben oder in den Me­di­en se­hen?

Ich möch­te die­se Fra­gen in drei Schrit­ten be­ant­wor­ten:

1. Was ist Angst? Angst ist ein Ge­fühl der an­ge­spann­ten Be­sorg­nis in Er­war­tung ei­nes be­droh­li­chen Er­eig­nis­ses. Wir zei­gen er­höh­te Auf­merk­sam­keit und re­agie­ren schon auf ge­rings­te Reiz­ver­än­de­run­gen. Es kommt zu ge­stei­ger­ter kör­per­li­cher Er­re­gung (et­wa An­stieg von Blut­druck und Mus­kel­span­nung). Angst hilft so, ei­ne tat­säch­lich be­droh­li­che Si­tua­ti­on früh­zei­tig zu er­ken­nen und ggf. zu flie­hen oder zu kämp­fen.

2. Wann ver­liert Angst ih­ren Nut­zen? Bei Angst­stö­run­gen: So kön­nen die Aus­lö­ser der Be­sorg­nis sehr zahl­reich wer­den (ge­ne­ra­li­sier­te Angst­stö­rung), oder sol­che Rei­ze lö­sen be­reits Angst aus, die selbst nicht be­droh­lich sind, aber durch Lern­pro­zes­se mit ei­ner Angst aus­lö­sen­den Si­tua­ti­on ge­kop­pelt wa­ren. So zeigt ein Pa­ti­ent, der ei­ne schmerz­haf­te ärzt­li­che Be­hand­lung er­fah­ren hat, ge­ge­be­nen­falls schon im War­te­zim­mer Angst, oder ei­ne Per­son re­agiert be­reits bei dem Fo­to ei­ner Spin­ne mit Blut­druck­an­stieg. Die­se ge­lern­ten Re­ak­tio­nen kom­men dann als Angst­stö­run­gen zum Tra­gen, wenn sie un­se­ren Ver­hal­tens­ra­di­us stark ein­schrän­ken. Ur­su­la Stock­horst ist Pro­fes­so­rin für All­ge­mei­ne Psy­cho­lo­gie und Bio­lo­gi­sche Psy­cho­lo­gie.

3. Was pas­siert in Ex­trem­si­tua­tio­nen, und wann kommt es zu Be­las­tungs­stö­run­gen? Oder: Wie un­ter­schei­det sich die Angs­tre­ak­ti­on vor ei­ner Spin­ne von der bei ei­nem Amok­lauf? In der In­ten­si­tät und der Qua­li­tät. Der Amok­lauf ist – wie auch se­xu­el­le Über­grif­fe, kör­per­li­che Ge­walt und Ka­ta­stro­phen – ein trau­ma­ti­sches Er­eig­nis, al­so ein ex­tre­mer Stres­sor, der die kör­per­li­che Un­ver­sehrt­heit mas­siv be­droht und To­des­ge­fahr be­inhal­tet. Da­bei kön­nen wir selbst be­trof­fen sein – auch als Au­gen­zeu­gen oder im Rah­men be­ruf­li­cher Tä­tig­keit (et­wa als Not­fall­hel­fer). Aber auch, wenn sehr na­he­ste­hen­de Per­so­nen sol­che Si­tua­tio­nen er­le­ben, ist dies po­ten­zi­ell für uns trau­ma­tisch. Je nach Trau­ma ent­wi­ckeln et­wa 5 bis 50 Pro­zent der Ex­po­nier­ten ei­ne post­trau­ma­ti­sche Be­las­tungs­stö­rung (PTSD). Die­se be­steht vor al­lem in häu­fi­gem Wie­der­er­le­ben des Trau­mas (et­wa in Alb­träu­men), im Ver­mei­den von Rei­zen, die mit dem Trau­ma ver­knüpft wa­ren (zum Bei­spiel mit be­stimm­ten Or­ten) und in er­höh­ter Er­reg­bar­keit. Das PTSD-Ri­si­ko nimmt mit der Zahl der Trau­ma­ta zu. Ein schüt­zen­der Fak­tor ist so­zia­le Un­ter­stüt­zung.

Frau­en sind et­wa dop­pelt so häu­fig be­trof­fen wie Män­ner, mög­li­cher­wei­se ver­mit­telt über das Ge­schlechts­hor­mon Östro­gen. La­bor­stu­di­en – auch die un­se­rer Ar­beits­grup­pe – zei­gen, dass ge­sun­de Frau­en ge­lern­te Furcht dann nach­hal­ti­ger wie­der ver­ler­nen, wenn sie ho­he Östro­gen­spie­gel ha­ben, vor al­lem, wenn sie zu­vor Stress aus­ge­setzt wa­ren. Da Frau­en im Ver­lauf des Mo­nats­zy­klus im­mer wie­der nied­ri­ge Östro­gen­spie­gel ha­ben und hor­mo­nel­le Ver­hü­tung die na­tür­li­chen Spie­gel un­ter­drückt, könn­te dies zu der Ri­si­ko­er­hö­hung bei Frau­en bei­tra­gen.

Kann es zu PTSD kom­men, wenn wir die Er­eig­nis­se nur in den Me­di­en se­hen? In der De­fi­ni­ti­on der PTSD ist die Rol­le ei­nes sol­chen „Me­di­enre­zi­pi­en­ten“aus­drück­lich aus­ge­nom­men. Auch ist die Da­ten­la­ge bis­her zu ge­ring, um hier ei­ne be­last­ba­re Aus­sa­ge zu tref­fen.

9. Os­na­brü­cker Wis­sens­fo­rum im No­vem­ber 2016 ha­ben 33 Pro­fes­so­ren auf Ein­la­dung der „Neu­en Os­na­brü­cker Zei­tung“und der Uni­ver­si­tät Osnabrück Fra­gen un­se­rer Le­ser be­ant­wor­tet. Al­le Ant­wor­ten wer­den in die­ser Se­rie ab­ge­druckt. Al­le Bei­trä­ge sind als Vi­deo ab­ruf­bar auf www.uni­os­nabru­eck.de/wis­sens­fo­rum.

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