„Ein klei­nes Me­di­en-Wun­der“

„Em­ma“-Her­aus­ge­be­rin Ali­ce Schwar­zer: Auch fe­mi­nis­ti­scher Jour­na­lis­mus wei­ter­hin bit­ter nö­tig

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur - Ali­ce Schwar­zer.

Die Frau­en­recht­le­rin Ali­ce Schwar­zer fei­ert 40 Jah­re „Em­ma“. Trotz der Er­run­gen­schaf­ten des Fe­mi­nis­mus in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten hält die Jour­na­lis­tin und Her­aus­ge­be­rin Frau­en­för­de­rung wei­ter für drin­gend not­wen­dig.

Von Ma­ri­on Trim­born

Frau Schwar­zer, „Em­ma“wird 40 Jah­re alt. Wenn Sie zu­rück­bli­cken, was war in die­ser Zeit Ihr größ­ter Er­folg, und was war Ih­re größ­te Nie­der­la­ge? „Em­mas“größ­ter Er­folg ist, dass sie sich nicht hat klein­krie­gen las­sen! Man stel­le sich vor: 40 Jah­re ein un­ab­hän­gi­ges Ma­ga­zin oh­ne Kon­zern und qua­si oh­ne Wer­bung, hoch­ak­tu­ell und le­bens­froh. Das ist, un­ab­hän­gig vom Fe­mi­nis­mus, ein klei­nes Me­di­en-Wun­der. „Em­mas“größ­te Nie­der­la­ge ist viel­leicht, dass es selbst ihr nicht im­mer ge­lun­gen ist, ge­gen die Kli­schees von Fe­mi­nis­tin­nen an­zu­kom­men.

Frau­en sind heu­te be­ruf­lich er­folg­reich, ha­ben ihr ei­ge­nes Le­ben und ihr ei­ge­nes Geld. Die Gleich­be­rech­ti­gung von Frau­en scheint weit­ge­hend er­reicht – brau­chen wir da über­haupt noch Fe­mi­nis­mus und Fe­mi­nis­tin­nen?

Mein Be­ruf ist Jour­na­lis­tin. Die war ich schon lan­ge vor der Frau­en­be­we­gung und bin ich bis heu­te weit über den Fe­mi­nis­mus hin­aus. Doch dass es auch den fe­mi­nis­ti­schen Jour­na­lis­mus wei­ter­hin bit­ter nö­tig braucht, se­hen wir an vie­lem. Zum Bei­spiel dar­an, dass es die al­te Ar­beits­tei­lung zwi­schen Frau­en und Män­nern im­mer noch gibt: Män­ner in der Welt, Frau­en im Haus. Je­de zwei­te be­rufs­tä­ti­ge Frau in Deutsch­land ar­bei­tet in Teil­zeit. Das heißt, sie steu­ert bei Tren­nung auf ei­ne dra­ma­ti­sche Al­ters­ar­mut zu. Und dann ist da die se­xu­el­le Ge­walt. Von Prä­si­dent Trump mal ganz zu schwei­gen. Der ist ja, ge­schlech­ter­po­li­tisch ge­se­hen, ein Mann von vor­ges­tern mit sei­nem Frau­en­bild von vor­ges­tern. Sei­ne Wahl hat er üb­ri­gens nicht zu­letzt den fun­da­men­ta­lis­ti­schen Chris­ten zu ver­dan­ken. So schließt sich der Kreis.

In­sti­tu­tio­na­li­sier­te För­der­maß­nah­men für Frau­en gel­ten vie­len als über­kom­men. Ist ein Welt­frau­en­tag, ei­ne Frau­en­quo­te oder ein Ent­gel­te­ge­setz über­haupt noch zeit­ge­mäß und not­wen­dig?

Auf den Welt­frau­en­tag könn­ten wir ge­trost ver­zich­ten. Je­der Tag soll­te ein Tag der Frau­en sein! Und die Quo­te ist in der Tat zwei­schnei­dig. Sie kommt üb­ri­gens nicht von uns Fe­mi­nis­tin­nen, son­dern von den Po­li­ti­ke­rin­nen. Was ich ver­ste­he: Die wuss­ten sich in ih­ren Män­ner­par­tei­en ir­gend­wann nicht mehr an­ders zu hel­fen. Aber struk­tu­rel­le Maß­nah­men zur För­de­rung von Frau­en sind lei­der noch not­wen­dig – denn sie wer­den ja auch struk­tu­rell be­nach­tei­ligt.

Mit der Flücht­lings­wel­le sind vie­le mus­li­mi­sche, is­la­mi­sche Män­ner nach Deutsch­land ge­kom­men, die oft ein pa­tri­ar­cha­li­sches Frau­en­bild mit­brin­gen. Wie­so bleibt es so still um die­ses The­ma, ist die deut­sche Ge­sell­schaft von fal­scher Rück­sicht­nah­me ge­prägt? Frau­en­recht­le­rin und Her­aus­ge­be­rin Na­tür­lich müss­ten vor al­lem die Frau­en alar­miert sein. Und die Ju­den. Und die Ho­mo­se­xu­el­len. Denn die Ent­rech­tung die­ser drei Grup­pen ste­hen ja im Zen­trum des fun­da­men­ta­lis­ti­schen Is­lam. Aber die De­bat­te in Deutsch­land läuft bis heu­te sehr schief. Da­bei ist es doch ei­gent­lich ganz ein­fach: Es soll­te selbst­ver­ständ­lich sein, dass wir Men­schen, die aus Kriegs- und Bür­ger­kriegs­ge­bie­ten flüch­ten, hel­fen. Und ge­nau das tun ja auch Mil­lio­nen Bür­ger und Bür­ge­rin­nen in Deutsch­land. Gleich­zei­tig müs­sen wir se­hen, dass un­ter den vie­len Hil­fe­su­chen­den auch ei­ni­ge Tu­nicht­gu­te sein kön­nen. Und vor al­lem: dass vie­le der Flücht­lin­ge aus Län­dern kom­men, in de­nen Frau­en tra­di­tio­nell to­tal recht­los sind und Ge­walt ge­gen Frau­en und Kin­der ein Her­ren­recht ist. Dar­um müs­sen vie­le der Flücht­lin­ge, die Tau­sen­de von Ki­lo­me­tern zu Fuß zu­rück­ge­legt ha­ben, um zu uns zu kom­men, wie der Al­ge­ri­er Ka­mel Daoud sagt, auch im Kopf noch mal Tau­sen­de Ki­lo­me­ter ge­hen. Denn wer bei uns le­ben will, muss vor­be­halt­los den Rechts­staat und die Gleich­be­rech­ti­gung der Ge­schlech­ter ak­zep­tie­ren. Wir dür­fen al­so nicht nur för­dern, son­dern müs­sen auch for­dern.

Die AfD greift aus­län­der­feind­li­che Ge­dan­ken auf, hat zu­gleich auch ein rück­wärts­ge­wand­tes Frau­en­bild. Wie er­klä­ren Sie sich den Er­folg der Par­tei auch bei Frau­en?

In der Tat, das ist ein ge­wis­ser Wi­der­spruch. Auch die eman­zi­pier­te Frau­ke Pe­try passt ja ei­gent­lich nicht in den Ma­cho­la­den. Mal se­hen, wie das wei­ter­geht.

Hier­zu­lan­de wird über ein Bur­ka-Ver­bot dis­ku­tiert, vor al­lem aus der CDU gibt es For­de­run­gen da­nach. Sie selbst for­dern es auch, war­um?

Die Bur­ka ist ein schwe­rer Ver­stoß ge­gen die Men­schen­wür­de und ein Lei­chen­tuch für Frau­en. In ih­ren Her­kunfts­län­dern ist ihr Tra­gen für Frau­en ei­ne Fra­ge auf Le­ben und Tod. Dass es in un­se­ren De­mo­kra­ti­en Kon­ver­titin­nen gibt, die da­mit ko­ket­tie­ren, sich voll zu ver­schlei­ern, ist schwer er­träg­lich. Sie soll­ten ih­re Ener­gie lie­ber in die So­li­da­ri­tät mit den Mil­lio­nen ent­rech­te­ten und un­ter dem Schlei­er un­sicht­bar ge­mach­ten Frau­en in den is­la­mi­schen Län­dern in­ves­tie­ren. Selbst­ver­ständ­lich bin ich für ein Ver­bot der Voll­ver­schleie­rung in Deutsch­land!

Deutsch­land hat seit zwölf Jah­ren ei­ne weib­li­che Bun­des­kanz­le­rin. An­ge­la Mer­kel ist al­ler­dings nicht mit frau­en­po­li­ti­schen Initia­ti­ven auf­ge­fal­len. Sind Sie ent­täuscht?

Nein, ich bin kei­nes­wegs ent­täuscht von Mer­kel. Und nicht nur im Aus­land, wo ich über­all be­wun­dernd auf sie an­ge­spro­chen wer­de – ganz un­ab­hän­gig von den je­wei­li­gen Par­tei­prä­fe­ren­zen der Men­schen – bin ich stolz auf sie. Nur ei­nen Kri­tik­punkt ha­be ich seit Lan­gem an ihr, nicht erst seit den Flücht­lin­gen: Sie hat die po­li­ti­sche Di­men­si­on des po­li­ti­sier­ten Is­lam nicht be­grif­fen. Sie ver­wech­selt ihn mit dem Is­lam als Re­li­gi­on. Der Is­la­mis­mus aber ist ei­ne Ideo­lo­gie und ein po­li­ti­scher Miss­brauch des Is­lam. Und da­bei geht es nicht nur um Ter­ror, das fängt viel frü­her an. – Was nun die Frau­en­rech­te an­geht: Da ist in der Re­gie­rung Mer­kel viel pas­siert, mehr als in all den Jah­ren da­vor. Den­ken Sie an von der Ley­ens fort­schritt­li­che Fa­mi­li­en­po­li­tik. Das hat­te na­tür­lich al­les Mer­kels Zu­stim­mung. Und auch die jet­zi­ge Fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin Ma­nue­la Schwe­sig ver­sucht doch mit Kräf­ten, Maß­nah­men zur ver­stärk­ten Be­rufs­tä­tig­keit der Frau­en in Gang zu brin­gen. Denn dar­auf kommt es letzt­end­lich an: Oh­ne öko­no­mi­sche Ei­gen­stän­dig­keit kön­nen die Frau­en die Sa­che mit der Eman­zi­pa­ti­on kni­cken.

der Zeit­schrift „Em­ma“: Fo­to: Bet­ti­na Flit­ner/„Em­ma“

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