Ar­beit an der Er­in­ne­rung

Ge­ne­ra­tio­nen­bruch und Me­di­en­wan­del: Das Ho­lo­caust-Ge­den­ken stellt sich als Auf­ga­be neu

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Einblicke - Von Stefan Lüd­de­mann

Gibt es Ge­schmack­lo­se­res als Sel­fies vom Ber­li­ner Ho­lo­caus­tMahn­mal? Der Sa­ti­ri­ker Sha­hak Sh­a­pi­ra sorgt mit sei­ner Ak­ti­on „Yo­lo­caust“ge­ra­de für Fu­ro­re im Netz. Auf yo­lo­caust.de mon­tiert Sh­a­pi­ra im In­ter­net ge­fun­de­ne Sel­fies von fröh­li­chen Mahn­mal-Be­su­chern mit his­to­ri­schen Fo­tos ge­schun­de­ner KZ-Op­fer. Der har­sche Kon­trast ent­larvt die Ge­dan­ken­lo­sig­keit der Han­dy-Fo­to­gra­fen im Um­gang mit der Er­in­ne­rung. Hat das Ge­den­ken an das größ­te Ver­bre­chen der Ge­schich­te sei­nen Platz im kol­lek­ti­ven Ge­dächt­nis ver­lo­ren? „Yo­lo­caust“bringt das Pro­blem auf den Punkt.

Das kol­lek­ti­ve Ge­dächt­nis ist kein star­res In­ven­tar, son­dern ein le­ben­der Or­ga­nis­mus. Es ent­hält er­in­ner­te Vor­gän­ge, Per­so­nen, Da­ten, Or­te. Er­in­nert wird, was be­deut­sam ist. Das gilt für das pri­va­te Le­ben je­des Men­schen, um­so mehr für gan­ze Ge­sell­schaf­ten. Kol­lek­ti­ves Ge­dächt­nis ver­weist auf das Ges­tern. Als ge­stal­te­tes Kon­strukt be­darf es heu­te er­neu­ern­der Pra­xis. Nur so bleibt es aus­sa­ge­kräf­tig. Mit Er­in­ne­rungs­kul­tur pflegt die Ge­sell­schaft ihr Selbst­ver­ständ­nis. In­tak­te Ge­dächt­nis­struk­tur formt Iden­ti­tät, ver­leiht Kon­ti­nui­tät. Sie öff­net die Chan­ce, Brü­che der Ge­schich­te zu ver­ar­bei­ten. Für nichts gilt das mehr als für das Ho­lo­caust-Ge­den­ken.

Drei drän­gen­de Fra­gen

Wie aber steht es um die­ses Ge­den­ken? Drei Pro­blem­krei­se lö­sen Fra­gen zur Er­in­ne­rungs­kul­tur aus.

Ers­tens: Die Ge­ne­ra­ti­on der Op­fer und Tä­ter ver­lässt uns. Es gibt kaum noch KZÜber­le­ben­de, die vor Schul­klas­sen von ih­ren schreck­li­chen Er­leb­nis­sen be­rich­ten könn­ten. Wer zeugt künf­tig für er­lit­te­nes Un­recht?

Zwei­tens: Di­gi­ta­le Me­di­en ver­än­dern Wis­sens­ver­mitt­lung dra­ma­tisch. In ufer­lo­ser Da­ten­an­samm­lung der Netz­welt ver­schwimmt Auf­merk­sam­keit. Wie kann die Er­in­ne­rung an den Ho­lo­caust den­noch fo­kus­siert wer­den?

Drit­tens: Mit Mau­er­fall und Wie­der­ver­ei­ni­gung hat sich die deut­sche Ge­sell­schaft stark ver­än­dert. Für Mil­lio­nen Deut­sche ge­hö­ren die De­bat­ten über das Ho­lo­caust-Ge­den­ken, die in der al­ten Bun­des­re­pu­blik ge­führt wur­den, nicht zur ei­ge­nen Er­in­ne­rung. Auf wel­che Wei­se kann aber der Kon­sens, auf den je­de Er­in­ne­rungs­kul­tur an­ge­wie­sen ist, ge­stärkt wer­den?

Er­in­ne­rungs­kul­tur ist auf Per­so­nen an­ge­wie­sen, die ih­re In­hal­te ver­kör­pern, auf Me­di­en, die In­for­ma­tio­nen zum Ge­gen­stand des Ge­den­kens spei­chern, und auf ei­ne Ge­sell­schaft, die Er­in­ne­rung teilt und dar­aus ih­re Iden­ti­tät ab­lei­tet. Kol­lek­ti­ve Er­in­ne­rung braucht Ri­tua­le und den Rück­be­zug auf je­ne De­bat­ten, die aus­ge­foch­ten wer­den muss­ten, um ih­re The­men und Ver­mitt­lungs­wei­sen ver­bind­lich ma­chen zu kön­nen.

Kei­ne Auf­ga­be konn­te in die­ser Hin­sicht kom­ple­xer und heik­ler sein als der Um­gang mit dem Völ­ker­mord, den die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten be­gan­gen ha­ben. Von den Frank­fur­ter Au­schwitz-Pro­zes­sen, die 1963 ge­gen NS-Tä­ter er­öff­net wur­den, bis zur Kon­tro­ver­se um die Gestalt des 2005 er­öff­ne­ten Ber­li­ner Ho­lo­caust-Mahn­mals reicht das Kon­ti­nu­um des öf­fent­li­chen Ge­sprächs zu die­sem The­ma. Sei­ne De­bat­ten­fol­ge hat die Ge­schich­te der Bun­des­re­pu­blik un­ver­wech­sel­bar ge­prägt. Der Ho­lo­caust mar­kiert ei­nen sin­gu­lä­ren Zi­vi­li­sa­ti­ons­bruch. Die tä­ti­ge Er­in­ne­rung an die­sen Bruch ge­hört zum Kern des Selbst­ver­ständ­nis­ses der Deut­schen. Ihn an­zu­er­ken­nen, war der ein­zi­ge Weg zu ei­nem sou­ve­rä­nen Um­gang mit der Schuld der Vor­fah­ren. Des­halb fra­gen Ex­per­ten, ob ein di­gi­ta­les Ge­den­ken mög­lich ist, Ge­den­k­ri­tua­le ih­re ori­en­tie­ren­de Kraft be­wah­ren kön­nen oder wie man Er­in­ne­rung im Zen­trum der Auf­merk­sam­keit künf­ti­ger Ge­ne­ra­tio­nen hal­ten kann.

Mahn­mal im In­ter­net

Star­re­gis­seur Ste­ven Spiel­berg führ­te be­reits 1994 mit sei­ner „Shoah Vi­su­al His­to­ry Foun­da­ti­on“ex­em­pla­risch ein Ho­lo­caust-Mahn­mal im Netz vor – als gi­gan­ti­sche Kol­lek­ti­on der Op­fer­schick­sa­le. Ex­per­ten be­to­nen aber, dass Da­ten­ban­ken im Netz al­lein nicht aus­sa­ge­kräf­tig sind. Ge­denk­stät­ten und di­dak­ti­sche Ver­mitt­lung blei­ben als Rah­mung der An­ge­bo­te im Netz und als Er­in­ne­rungs­an­ker un­er­setz­bar.

Je ge­nau­er die Schick­sa­le der Op­fer fo­kus­siert wer­den, um­so deut­li­cher stellt sich die Auf­ga­be des Ge­den­kens neu. Das zeigt das Schick­sal der Ber­li­ne­rin Claire Lam­bertz. Zum 75. Jah­res­tag des Be­ginns der De­por­ta­ti­on der Ber­li­ner Ju­den zi­tier­te der „Ta­ges­spie­gel“die letz­te Post­kar­te der in Ri­ga Er­mor­de­ten. „Mei­ne Lie­ben. Lebt wohl, al­les war ver­ge­bens. Am 11. ist mein Schick­sal ent­schie­den“, schrieb Lam­bertz am 9. Ja­nu­ar 1942, und: „Ver­gesst mich nicht.“

Ho­lo­caust-Ge­den­ken:

Hin­ter­grün­de zur ak­tu­el­len De­bat­te auf noz.de/po­li­tik

Aus­drucks­stark oder be­lie­big? Das Denk­mal für die er­mor­de­ten Ju­den Eu­ro­pas in Ber­lin soll dem Un­dar­stell­ba­ren ein Ort der Er­in­ne­rung sein. Ei­ne gro­ße Last. Fo­to: ima­go/image­bro­ker

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