Ge­den­ken schwer ge­macht

Das Ho­lo­caust-Mahn­mal hat­te schar­fe Kri­ti­ker

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Einblicke - Von Uwe West­dörp

Er­schla­gen, er­schos­sen, ver­gast: Bis zu sechs Mil­lio­nen Ju­den fie­len in der NS-Zeit dem Ho­lo­caust zum Op­fer. Es ist das größ­te Ver­bre­chen in der deut­schen Ge­schich­te, ein­zig­ar­tig in Aus­maß und mons­trö­ser Aus­füh­rung in ei­gens da­für ge­schaf­fe­nen To­des­fa­bri­ken. Seit dem Mai 2005 er­in­nert das Ho­lo­caust-Mahn­mal im Zen­trum Ber­lins an die er­mor­de­ten Ju­den Eu­ro­pas. 500 000 Be­su­cher kom­men jähr­lich ins un­ter­ir­disch in­te­grier­te Do­ku­men­ta­ti­ons­zen­trum. Das be­deu­tet ei­nen Spit­zen­platz un­ter den Ber­li­ner Mu­se­en. Da­bei war das Mahn­mal vor dem Bau hef­tig um­strit­ten.

Wie soll­te die jun­ge „Ber­li­ner Re­pu­blik“an die deut­schen Ver­bre­chen wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs er­in­nern? Und soll­te sie das über­haupt noch tun? Dar­um ent­brann­te ei­ne hef­ti­ge Kon­tro­ver­se, nach­dem die Pu­bli­zis­tin Lea Rosh 1988 ein gro­ßes Mahn­mal „im Land der Tä­ter“an­ge­regt hat­te. Es war ein stei­ni­ger Weg, bis der Bun­des­tag im Ju­ni 1999 schließ­lich grü­nes Licht für das Pro­jekt gab und im Jahr dar­auf sym­bo­lisch mit dem Bau be­gon­nen wur­de.

Für ei­nen Eklat sorg­te Mar­tin Wal­ser. Der Schrift­stel­ler, Jahr­gang 1927, be­klag­te ei­ne In­stru­men­ta­li­sie­rung des Ho­lo­causts. „Au­schwitz eig­net sich nicht da­für, Droh­rou­ti­ne zu wer­den, je­der­zeit ein­setz­ba­res Ein­schüch­te­rungs­mit­tel oder Moral­keu­le oder auch nur Pflicht­übung“, so Wal­ser 1998 bei der Ver­lei­hung des Frie­dens­prei­ses des Deut­schen Buch­han­dels in der Frank­fur­ter Pauls­kir­che.

„Ein Alb­traum“

Das Ho­lo­caust-Denk­mal war Wal­ser ein be­son­de­rer Dorn im Au­ge. Hier kön­ne „die Nach­welt ein­mal nach­le­sen, was Leu­te an­rich­te­ten, die sich für das Ge­wis­sen von an­de­ren ver­ant­wort­lich fühl­ten“, mahn­te der Au­tor und führ­te Kla­ge über ei­ne „Be­to­nie­rung des Zen­trums der Haupt­stadt mit ei­nem fuß­ball­feld­gro­ßen Alb­traum“.

Rou­ti­nier­te Reue über­zie­he das Land, as­sis­tier­te we­nig spä­ter „Spie­gel“-Her­aus­ge­ber Ru­dolf Augstein, Jahr­gang 1923. Er kri­ti­sier­te: „Nun soll in der Mit­te der wie­der­ge­won­ne­nen Haupt­stadt Ber­lin ein Mahn­mal an un­se­re fort­wäh­ren­de Schan­de er­in­nern. An­de­ren Na­tio­nen wä­re ein sol­cher Um­gang mit ih­rer Ver­gan­gen­heit fremd. Man ahnt, dass die­ses Schand­mal ge­gen die Haupt­stadt und das in Ber­lin sich neu for­mie­ren­de Deutsch­land ge­rich­tet ist. “

Schar­fer Wi­der­spruch kam von Ignatz Bu­bis, dem da­ma­li­gen Vor­sit­zen­den des Zen­tral­rats der Ju­den in Deutsch­land. Er warf Wal­ser geis­ti­ge Brand­stif­tung und „Schluss­strich­men­ta­li­tät“vor. Der Phi­lo­soph Pe­ter Slo­ter­di­jk be­fand da­ge­gen, mit der „trau­ma­be­ding­ten Re­tro­spek­ti­vi­tät der Nach­kriegs­kin­der“müs­se Schluss sein.

Das Denk­mal ist be­kannt­lich trotz­dem ge­baut wor­den. Und es er­weist sich nicht nur als Pu­bli­kums­ma­gnet. Fa­zit der Kunst­his­to­ri­ke­rin Kia Vah­l­and: „Das Ein­ge­ständ­nis der Schuld, das Ent­set­zen und die Trau­er füh­ren nicht ins Ab­seits, son­dern im Ge­gen­teil, sie ma­chen das Land plötz­lich lie­bens- und be­geh­rens­wert.“Sehr vie­les, was das Deutsch­land der Ge­gen­wart aus­macht, ver­dankt das Land nach Ein­schät­zung von Vah­l­and di­rekt oder in­di­rekt der Fä­hig­keit zum ste­ten Nach­den­ken über den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus. „Die Wie­der­ver­ei­ni­gung [. . .] wä­re nie zu­stan­de ge­kom­men, wür­den die Deut­schen sich mehr­heit­lich als Kriegs­ver­lie­rer füh­len, die nach Ra­che sin­nen.“

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