Un­ter brau­nem Him­mel

Wie die AfD mit Na­zi-Rhe­to­rik auf Stim­men­fang geht

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Einblicke - Von Me­la­nie Hei­ke Schmidt

Wor­te sind Waf­fen, und Björn Hö­cke weiß das. Im Fall des Vor­sit­zen­den der AfD Thü­rin­gen ist die Wir­kung be­son­ders ver­hee­rend, denn mit­hil­fe sei­nes ge­schlif­fe­nen Na­zi-Jar­gons lockt Hö­cke nicht nur Rechts­ex­tre­mis­ten an die Wahl­ur­nen, son­dern macht Ras­sis­mus und die Mär vom an­geb­lich vor dem Un­ter­gang ste­hen­den „deut­schen Volk“sa­lon­fä­hig.

Hö­cke schwingt da­bei gern die gro­ße ver­ba­le Keu­le, ti­tu­liert et­wa das Ho­lo­caus­tMahn­mal in Ber­lin als „Denk­mal der Schan­de“, for­dert ei­ne „180-Grad-Wen­de der deut­schen Er­in­ne­rungs­kul­tur“oder fa­bu­liert von ei­ner „tau­send­jäh­ri­gen Zu­kunft“, die Deutsch­land ha­ben mö­ge. Ein an­de­res Mal hofft er öf­fent­lich, dass „Deutsch­land er­wacht“.

Zur Er­in­ne­rung: In ei­ner Re­de vom 1. Sep­tem­ber 1933 hat­te Adolf Hit­ler er­klärt, dass das Drit­te Reich un­ter sei­ner Füh­rung „tau­send Jah­re“dau­ern wer­de. Ein Jahr zu­vor sag­te er: „Heu­te [. . .], da das ganz an­de­re Deutsch­land schläft, sind wir hier wach und wer­den wach blei­ben, bis Deutsch­land frei ist. Deutsch­land er­wa­che!“

Deutsch­land er­wa­che? Hit­ler führ­te die Welt in den Ab­grund, Mil­lio­nen star­ben in dem ver­hee­ren­den Krieg, an­ge­zet­telt von dem Fa­na­ti­ker und de­nen, die ihm folg­ten. Mil­lio­nen, vor al­lem Ju­den, wur­den von den Na­zis er­mor­det. Wer Hit­lers Wor­te wählt, wählt das Grau­en.

Dass die Ähn­lich­keit der Rhe­to­rik be­wusst ist, darf man Hö­cke un­ter­stel­len, er ist Ge­schichts­leh­rer.

Drei­klang der Em­pö­rung

Hö­cke ist nicht der Ein­zi­ge in der AfD, der Ras­sen­hass schürt. Er steht in ei­ner Rei­he mit Par­tei­che­fin Frau­ke Pe­try, die den Be­griff „völ­kisch“rein­wa­schen will, oder dem Vi­ze­chef Alex­an­der Gau­land, der Fuß­ball-Welt­meis­ter Jé­rô­me Boateng aufs Schärfs­te be­lei­dig­te. Die Ver­ba­l­aus­fäl­le sind Teil der Stra­te­gie der AfD, die auf der Wel­le der Frem­den­feind­lich­keit in den Bun­des­tag se­geln will.

Die AfD nutzt da­für ei­nen Drei­klang: Zu­erst steht die Pro­vo­ka­ti­on, ge­folgt von der Wel­le der Em­pö­rung, an­schlie­ßend wird halb­her­zig zu­rück­ge­ru­dert oder be­haup­tet, man sei falsch ver­stan­den wor­den und wer­de nun falsch dar­ge­stellt, wahl­wei­se von den „Alt­par­tei­en“oder der „Lü­gen­pres­se“.

Der AfD geht es nicht um Lö­sun­gen, son­dern um Pro­test – ge­gen die eta­blier­ten Par­tei­en, ge­gen die ver­ach­te­te Eli­te, ge­gen Frem­de, ge­gen An­ders­den­ken­de. „Wir hier un­ten“ge­gen „die da oben“, und an al­lem Un­ge­mach sind die Flücht­lin­ge schuld. Wer be­dau­ert, die­se „Wahr­hei­ten“nicht aus­spre­chen zu dür­fen, er­hält durch Hö­cke, den ge­wähl­ten Po­li­ti­ker, die er­sehn­te Le­gi­ti­ma­ti­on.

Das al­les passt ins Trum­pZeit­al­ter, in dem Lü­gen in „al­ter­na­ti­ve Fak­ten“um­e­ti­ket­tiert wer­den. Ex-Pi­ra­tin Ma­ri­na Weis­band hat den Mecha­nis­mus der sinn­stif­ten­den, of­fen­sicht­li­chen Lü­ge auf Face­book ver­an­schau­licht. Sie schrieb: „Wenn du steif und fest be­haup­test, der Him­mel sei grün, ist dein Ziel nicht, dass ich dir glau­be. Dein Ziel ist, das so lan­ge zu tun, bis ich sa­ge: ‚Das ist dei­ne Mei­nung. Ich ha­be mei­ne. Nie­mand kann ob­jek­tiv sa­gen, wel­che Far­be der Him­mel hat.‘ So le­gi­ti­miert man das of­fen­sicht­lich Fal­sche.“

Will­kom­men im post­fak­ti­schen Zeit­al­ter, in dem die Lü­ge kei­ne mehr ist, son­dern ei­ne Fra­ge der Ein­stel­lung.

Und wel­che Far­be hat nun der Him­mel über der AfD? Hö­cke und Co. ha­ben es längst ver­ra­ten: Er ist braun.

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