Knight’sche Un­si­cher­heit als fau­le Aus­re­de?

Be­griff geht auf Öko­nom Frank Knight zu­rück – Er­fah­rung und Wis­sen sind ent­schei­dend

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Osnabrück - Beim

Von Ro­bert Gil­len­kirch

Der Be­griff der Knight’ schen Un­si­cher­heit geht auf den Öko­no­men Frank Knight (1885–1975) zu­rück, der in sei­nem Haupt­werk Risk, Un­cer­tain­ty and Pro­fit (1921) die Un­ter­schei­dung zwi­schen Si­tua­tio­nen bei Ri­si­ko und bei Un­si­cher­heit be­schrieb. Man kann den Be­griff auf un­ter­schied­li­che Wei­se deu­ten. Zwei Deu­tun­gen will ich er­läu­tern, be­vor ich auf die Fra­ge ant­wor­te.

Die ers­te Deu­tung ent­spricht der ur­sprüng­li­chen De­fi­ni­ti­on von Knight. Da­nach kann man in ei­ner Ri­si­ko­si­tua­ti­on Wahr­schein­lich­kei­ten für Er­eig­nis­se an­ge­ben, bei Un­si­cher­heit – viel­leicht soll­ten wir sa­gen: Un­be­re­chen­bar­keit – hin­ge­gen nicht. Zur Ver­deut­li­chung die­ne fol­gen­des Bei­spiel (nach Da­ni­el Ells­berg): Vor Ih­nen sind zwei Beu­tel A und B. Bei­de Beu­tel ent­hal­ten ro­te und gel­be Ku­geln. Beu­tel A ent­hält ge­nau 50 ro­te und 50 gel­be Ku­geln. Beu­tel B ent­hält zwar auch 100 Ku­geln, aber Sie wis­sen nicht, wie vie­le da­von rot und wie vie­le gelb sind. Stel­len Sie sich nun vor, Sie ge­win­nen ei­nen Preis, wenn Sie ei­ne ro­te Ku­gel zie­hen. Aus wel­chem Beu­tel wol­len Sie zie­hen? Aus Beu­tel A oder aus Beu­tel B?

Beu­tel A steht für die Ri­si­ko­si­tua­ti­on, in der Sie Ih­re Ge­winn­chan­ce ken­nen – sie be­trägt 50 Pro­zent. Beu­tel B hin­ge­gen steht für die Knight’ sche Un­si­cher­heit, Ro­bert Gil­len­kirch ist Pro­fes­sor für Un­ter­neh­mens­füh­rung und Un­ter­neh­mens­rech­nung.

denn Ih­re Ge­winn­chan­ce ist un­be­kannt – sie kann eben­falls 50 Pro­zent be­tra­gen, aber eben­so gut auch hö­her oder nied­ri­ger sein. For­schun­gen ha­ben ge­zeigt, dass Men­schen sich mehr­heit­lich für Beu­tel A ent­schei­den. Sie mei­den al­so ten­den­zi­ell die Knight’ sche Un­si­cher­heit.

Die zwei­te Deu­tung ver­steht Knight’ sche Un­si­cher­heit als Un­vor­her­sag­bar­keit, al­so als ei­ne Si­tua­ti­on, in der man nicht ein­mal weiß, was über­haupt pas­sie­ren kann. In ei­ner sol­chen Si­tua­ti­on ge­sche­hen Din­ge, die „nie­mand vor­aus­ah­nen konn­te“, wie es dann heißt.

Ist nun Knight’ sche Un­si­cher­heit ei­ne fau­le Aus­re­de für ein Fi­nanz­ri­si­ko? Meint man da­mit die zwei­te Deu­tung, al­so die Un­vor­her­sag­bar­keit, dann ist das tat­säch­lich ei­ne fau­le Aus­re­de, denn wir Men­schen ha­ben in der Re­gel ge­nug Fan­ta­sie, uns al­les Mög­li­che aus­zu­ma­len, und die­je­ni­gen, die In­di­ka­to­ren für ei­ne un­ge­ahn­te wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung und da­mit ver­bun­de­ne Fi­nanz­ri­si­ken se­hen, kön­nen sich in ei­ner ver­netz­ten Welt durch­aus be­merk­bar ma­chen. So war es zum Bei­spiel auch vor der Fi­nanz­kri­se 2008.

Nimmt man Knight aber beim Wort und bleibt bei der ers­ten Deu­tung, dann ist es kei­ne Aus­re­de. Denn ein Fi­nanz­ri­si­ko be­zieht sich im­mer auf ei­ne un­si­che­re wirt­schaft­li­che Zu­kunft, und für die­se ver­fü­gen wir nie über ein Wahr­schein­lich­keits­ur­teil, wie wir es für den Beu­tel A ha­ben. Fi­nanz­ri­si­ken glei­chen eher dem Beu­tel B, und das ist ein Grund da­für, war­um vie­le Markt­teil­neh­mer in den Jah­ren nach der Fi­nanz­kri­se vor­sich­ti­ger ge­wor­den sind: Sie neh­men Si­tua­tio­nen stär­ker als Knight’ sche Un­si­cher­heit wahr und mei­den sie ent­spre­chend. Nicht zu­letzt hängt es aber auch von un­se­rer Er­fah­rung und un­se­rem Wis­sen ab, ob Fi­nanz­ri­si­ken sich für uns wie Knight’ sche Un­si­cher­heit dar­stel­len.

9. Os­na­brü­cker Wis­sens­fo­rum im No­vem­ber 2016 ha­ben 33 Pro­fes­so­ren auf Ein­la­dung der „Neu­en Os­na­brü­cker Zei­tung“und der Uni Os­na­brück Fra­gen un­se­rer Le­ser be­ant­wor­tet. Al­le Ant­wor­ten wer­den in die­ser Se­rie ab­ge­druckt. Al­le Bei­trä­ge sind als Vi­deo ab­ruf­bar auf www.uni-os­nabru­eck. de/wis­sens­fo­rum.

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