Ein Thea­ter­abo fürs Le­ben

Kat­ha­ri­na Tem­mey­er geht seit 75 Jah­ren ins Os­na­brü­cker Thea­ter – und liebt Ted­dys

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur Regional - Von Chris­ti­ne Adam

Kat­ha­ri­na Tem­mey­er, 96 Jah­re alt, nutzt seit 75 Jah­ren durch­ge­hend ihr Abon­ne­ment im Os­na­brü­cker Thea­ter und hat viel zu er­zäh­len.

OS­NA­BRÜCK. Ei­gent­lich soll­te Kat­ha­ri­na Tem­mey­er von ih­rem Thea­ter­abon­ne­ment er­zäh­len, das sie seit sa­gen­haf­ten 75 Jah­ren Os­na­brü­cker Thea­ter wahr­nimmt, „durch­ge­hend“, wie sie be­tont. Doch dann fal­len in der Woh­nung der 96-Jäh­ri­gen erst ein­mal die Ted­dys ins Au­ge.

Ted­dys, wo­hin im­mer der Blick hin­fällt, auch an­stel­le von Ge­schirr dicht­ge­packt in den Kü­chen­re­ga­len. Rie­si­ge Ted­dy­bä­ren auf den Stüh­len um den Ess­tisch her­um im nächs­ten Zim­mer und auf al­len So­fas, so­dass man beim Her­ein­kom­men fast er­schrickt vor der stum­men Ge­sell­schaft. Ted­dys aus al­ler Her­ren Län­der, in lands­mann­schaft­li­cher oder auch kon­fes­sio­nel­ler Tracht.

„Bei 500 ha­be ich auf­ge­hört zu zäh­len“, sagt die wa­che, selbst­be­wuss­te al­te Da­me mit tro­cke­nem Hu­mor. Sie wirkt in je­der Hin­sicht fit, als wä­re sie 25 Jah­re jün­ger. Re­gel­mä­ßig Se­nio­ren­tanz­grup­pe und Was­ser­gym­nas­tik ha­ben da­zu bei­ge­tra­gen.

Kin­der­lie­be Ted­dy

Wo­her die­se Lie­be zu den Plüsch­tie­ren? „Ich woll­te als Kind so gern ei­nen Ted­dy be­kom­men, ha­be aber nie ei­nen ge­kriegt“, sagt sie. Al­so fing sie spä­ter an zu sam­meln: „Wir wa­ren eif­ri­ge Floh­markt­gän­ger.“Ihr Va­ter ar­bei­te­te bei der Bahn, und sie ging als jun­ges Mäd­chen zum

Flug­mel­de­dienst der Luft­waf­fe, spä­ter als Ste­no­ty­pis­tin zur Bahn wie der Va­ter. Ei­ne Kol­le­gin über­re­de­te sie zum Thea­ter­abo, da war sie 21 Jah­re alt. 1941/42 war das, al­so hat sie das Thea­ter am Dom­hof noch in­takt vor den Bom­bar­die­run­gen im Zwei­ten Welt­krieg er­lebt.

„Un­ter­halt­sa­mes woll­te die Be­völ­ke­rung da­mals se­hen, kei­ne schwe­re Kost“, er­in­nert sie sich und auch an Flie­ger­alarm, den dunk­len, un­heim­li­chen Thea­ter­kel­ler mit sei­nen Ma­schi­nen. „Kommst du wohl hier wie­der

raus?“, frag­te sie sich bang. Bei kur­zem Alarm wur­de nach­her wei­ter­ge­spielt, bei län­ge­rem die Vor­stel­lung ganz ab­ge­bro­chen.

Mit Sol­da­ten oder an­de­ren Gäs­ten ging sie öf­ter in die Ope­ret­te „Die Mas­ke in Blau“, ein Ren­ner seit 1937, man ging tan­zen und das Tan­zen war die Se­lig­keit für sie. 1943 hei­ra­te­te sie, be­kam 1945 ih­re ers­te Toch­ter, wur­de aus­ge­bombt auch aus Fa­mi­li­en­haus und Tier­fut­ter­hand­lung Tem­mey­er in der Na­tru­per Stra­ße, seit über 100 Jah­ren in Fa­mi­li­en­be­sitz. Nach dem Krieg

wur­de die Tier­hand­lung wie­der auf­ge­baut und wei­ter ins Thea­ter ge­gan­gen, in die klei­ne­re Blu­men­hal­le, Er­satz­spiel­stät­te fürs zer­stör­te Thea­ter am Dom­hof, auch sie mit Bri­kett zum Ein­hei­zen im Ge­päck. Es wur­de kräf­tig ge­schwärmt für die Büh­nen­dar­stel­ler, den Opern­sän­ger Kni­zia oder Johannes Hee­sters.

Heu­te geht Kat­ha­ri­na Tem­mey­er noch ein­mal im Mo­nat al­lein ins Thea­ter, frü­her wa­ren es lan­ge Zeit zwei mo­nat­li­che Thea­ter­be­su­che. Mitt­ler­wei­le macht sie das

oh­ne die sie­ben Freun­din­nen. Sie lässt sich vom hilfs­be­rei­ten Ta­xi­fah­rer bis an die Gar­de­ro­be brin­gen und wie­der ab­ho­len.

Ob sie Vor­lie­ben hat? „Ich schaue mir al­les an, was kommt“, sagt sie in ih­rer ent­schie­de­nen Art. Nur mit den mo­der­nen Büh­nen­bil­dern hat sie so ih­re Schwie­rig­kei­ten. „Zu kahl“, fin­det sie sie und manch­mal „zu we­nig der je­wei­li­gen Zeit ent­spre­chend“.

Bei „La Bo­hè­me“, der ak­tu­ells­ten Opern­pro­duk­ti­on, fehlt ihr „ein Ka­no­nen­ofen oder we­nigs­tens ein paar Stüh­le mit Holz­tisch“, um das Pa­ri­ser Künst­ler- und Stu­den­ten­mi­lieu at­mo­sphä­risch kennt­lich zu ma­chen. Al­so macht sie manch­mal ein­fach die Au­gen zu und lauscht der schö­nen Mu­sik. Vor­mit­tags steht sie wie­der bei „Kirk & Tem­mey­er“im Ver­kaufs­raum: „Nur in mei­ner Woh­nung wä­re es mir doch zu lang­wei­lig.“

Mehr zum Thea­ter und ei­ne Bil­der­ga­le­rie zu Kat­ha­ri­na Tem­mey­er: noz.de/kul­tur-re­gio­nal

Fo­to: Da­vid Ebe­ner

Die Thea­ter­gän­ge­rin über­rascht mit ih­ren vie­len Ted­dys: Kat­ha­ri­na Tem­mey­er in ih­rer Woh­nung in Os­na­brück.

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