Ge­den­ken an die „To­des­kan­di­da­ten“

Na­zis tö­te­ten 300 000 Be­hin­der­te und Kran­ke – Er­grei­fen­de Mo­men­te im Bun­des­tag

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Politik -

Bun­des­weit ist ges­tern an die Op­fer des Ho­lo­causts er­in­nert wor­den, dem sechs Mil­lio­nen Ju­den zum Op­fer fie­len. An­lass ist die Be­frei­ung des deut­schen Kon­zen­tra­ti­ons­und Ver­nich­tungs­la­gers Au­schwitz am 27. Ja­nu­ar 1945.

Von Bea­te Ten­fel­de

Der Bun­des­tag rück­te die Op­fer der „Eut­ha­na­sie“Mor­de in den Mit­tel­punkt. Ziel­ge­rich­tet tö­te­ten die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten 300000 Be­hin­der­te und Kran­ke, die sie „le­bens­un­wert“nann­ten. In ei­ner Ge­denk­stun­de wur­de die schlep­pen­de Au­f­ar­bei­tung der Mor­de kri­ti­siert.

Der fünf­mi­nü­ti­ge Auftritt von Se­bas­ti­an Urban­ski am Red­ner­pult des Bun­des­tags war der wohl an­rüh­rends­te Mo­ment die­ses Ge­den­kens. Der 38-jäh­ri­ge Schau­spie­ler aus Ber­lin hat das Down­syn­drom, und er las aus ei­nem Brief von Ernst Putz­ki, den die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten 1945 um­ge­bracht hat­ten. Putz­ki war ei­nes der rund 300 000 Op­fer des „Eut­ha­na­sie“-Pro­gramms der Na­zis und schil­dert in

dem Brief an die Mut­ter die grau­en­haf­ten Um­stän­de in dem La­ger, in dem er dem Hun­ger­tod ent­ge­gen­siech­te. Putz­ki starb 1945 in Ha­d­amar durch Gas. Sei­ne Brie­fe ha­ben die Mut­ter nie er­reicht und wur­den spä­ter in sei­ner Ak­te ge­fun­den.

Der Hor­nist Fe­lix Klie­ser und der Pia­nist Mo­ritz Ernst spiel­ten wäh­rend der Ge­denk­stun­de

Kom­po­si­tio­nen von Nor­bert von Han­nen­heim, des­sen Werk von den Na­zis als „ent­ar­tet“be­zeich­net wur­de. Klie­ser kam oh­ne Ar­me zur Welt. Er wä­re wie Schau­spie­ler Urban­ski bei den Na­zis ein „To­des­kan­di­dat“ge­we­sen. Bun­des­tags­prä­si­dent Nor­bert Lam­mert hat­te die Ver­le­sung des Putz­ki-Brie­fes durch Urban­ski so an­ge­kün­digt: Al­le Fak­ten zur „Eut­ha­na­sie“blie­ben abs­trakt, wenn nicht die Ein­zel­schick­sa­le der Ge­quäl­ten und Er­mor­de­ten ge­schil­dert wür­den. „Die­se las­sen uns wirk­lich er­ken­nen, was un­schul­di­gen Men­schen an­ge­tan wur­de.“

Si­grid Fal­ken­stein, de­ren Tan­te An­na Lehn­ke­ring in ei­ner Tö­tungs­an­stalt er­mor­det wur­de, sag­te, die Op­fer von „Eut­ha­na­sie“und Zwangs­ste­ri­li­sa­ti­on sei­en lan­ge vom öf­fent­li­chen Ge­den­ken aus­ge­schlos­sen ge­we­sen. Fal­ken­stein be­klag­te: „Ei­ne An­er­ken­nung als NS-Ver­folg­te und Gleich­stel­lung mit an­de­ren ver­folg­ten Grup­pen wer­den ih­nen bis heu­te ver­sagt.“

Lam­mert rief auch die so­ge­nann­te Wann­see-Kon­fe­renz in Er­in­ne­rung: „Es ist heu­te fast auf den Tag ge­nau 75 Jah­re her, dass 15 hoch­ran­gi­ge Ver­tre­ter des Na­zi-Re­gimes in ei­ner Ber­li­ner Vil­la im Wes­ten der Haupt­stadt zu­sam­men­ka­men, um mit un­fass­ba­rer Men­schen­ver­ach­tung den mil­lio­nen­fa­chen Mord an den eu­ro­päi­schen Ju­den mög­lichst ef­fi­zi­ent zu or­ga­ni­sie­ren, der da­mals längst be­schlos­sen war und auch seit Lan­gem be­gon­nen hat­te.“

Lam­mert be­ton­te, Deutsch­land ge­den­ke auch „der Sin­ti und Ro­ma, der Mil­lio­nen ver­sklav­ter Sla­wen, der Zwangs­ar­bei­te­rin­nen und Zwangs­ar­bei­ter, der Ho­mo­se­xu­el­len, der po­li­ti­schen Ge­fan­ge­nen, der Chris­ten, der Zeu­gen Je­ho­vas, all de­rer, die we­gen ih­rer re­li­giö­sen und po­li­ti­schen Über­zeu­gun­gen von der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ideo­lo­gie zu Fein­den er­klärt, ver­folgt und ver­nich­tet wur­den“.

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