Gö­ring-Eckardt: Ga­b­ri­el floh ins Au­ßen­res­sort

„Als Wirt­schafts­mi­nis­ter die Ener­gie­wen­de nicht ge­schafft“– De­si­gnier­ter SPD-Chef Schulz soll sich zum Kli­ma­schutz be­ken­nen

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Politik -

Von Bea­te Ten­fel­de

Die Grü­nen er­war­ten kla­re An­sa­gen vom neu­en SPD-Chef Schulz, spe­zi­ell zum The­ma Kli­ma­schutz ha­be man von ihm we­nig ge­hört. Sein Vor­gän­ger Sig­mar Ga­b­ri­el ha­be die Ener­gie­wen­de „nicht in den Griff be­kom­men“, kri­ti­siert Ka­trin Gö­ring-Eckardt, Spit­zen­kan­di­da­tin der Grü­nen bei der Bun­des­tags­wahl und Vor­sit­zen­de der Grü­nen-Bun­des­tags­frak­ti­on, im In­ter­view.

Frau Gö­ring-Eckardt, der schei­den­de SPD-Chef Sig­mar Ga­b­ri­el rech­net ab mit Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU): Er wirft ihr Nai­vi­tät, Schuld am Zer­fall Eu­ro­pas und die Ver­wei­ge­rung von Ver­ant­wor­tung für Feh­ler in der Flücht­lings­po­li­tik vor. Stim­men Sie dem zu?

An­ge­la Mer­kel ist in der Flücht­lings­po­li­tik al­les an­de­re als kon­se­quent. Sie hat ih­ren ur­sprüng­li­chen Plan ei­nes welt­of­fe­nen und in­te­grie­ren­den Deutsch­land nicht durch­ge­hal­ten. Die Bun­des­re­gie­rung hat auch kei­ne gu­te Rol­le ge­spielt bei den Be­mü­hun­gen um den Zu­sam­men­halt Eu­ro­pas und spe­zi­ell bei der Für­sor­ge für schwä­che­re EU-Mit­glie­der. Aber es ist ein Trep­pen­witz, wenn aus­ge­rech­net Sig­mar Ga­b­ri­el, der als Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­ter und Vi­ze­kanz­ler die Po­li­tik mit­ver­ant­wor­tet hat, ver­sucht, sich jetzt da­von­zu­ma­chen. Er ist Teil die­ser Bun­des­re­gie­rung und hat die Po­li­tik mit­ge­tra­gen, die er jetzt kri­ti­siert.

AfD-Che­fin Pe­try will das deut­sche Asyl­recht zum „Gna­den­recht“ma­chen … Das ist ein ra­di­ka­ler An­griff auf un­se­re Ver­fas­sung. Wir ha­ben nach der Zeit schänd­lichs­ter Ver­bre­chen wäh­rend der NS-Dik­ta­tur gu­ten Grund, zu die­sem Recht zu ste­hen. Wir ha­ben ei­ne his­to­ri­sche Ver­ant­wor­tung. Ich bin stolz auf un­se­re Ver­fas­sung, die po­li­tisch Ver­folg­ten Asyl­recht ge­währt. Ich war­ne drin­gend da­vor, das Asyl­recht wei­ter aus­zu­höh­len. Statt­des­sen müs­sen wir uns deut­lich mehr an­stren­gen und mehr In­te­gra­ti­ons- und Deutsch­kur­se schaf­fen. Hier gibt es ech­tes Ver­sa­gen.

Pe­try, ei­ne treue An­hän­ge­rin des US-Prä­si­den­ten Trump?

Frau Pe­try ist, wie die an­de­ren eu­ro­päi­schen Rech­ten, be­ken­nen­der Fan von Do­nald Trump. Dass die­ser ein Frau­en­ver­äch­ter ist, blen­det sie aus. Die Ab­schot­tungs­po­li­tik des US-Prä­si­den­ten sieht die AfD of­fen­kun­dig als Ein­la­dung, in Deutsch­land Ähn­li­ches zu for­dern. Fakt ist: Wer Mus­li­me aus­gren­zen will oder sie nicht ein­rei­sen lässt, der ver­stößt ge­gen die Ver­fas­sun­gen und sorgt für Spal­tung. Wir le­ben doch nicht in ei­ner Dik­ta­tur, in der die Re­li­gi­ons­frei­heit nicht mehr gilt. Mus­li­me be­rei­chern wie Ju­den, Chris­ten und an­de­re Gläu­bi­ge das viel­fäl­ti­ge Deutsch­land. Das kann man von Pe­gi­da, „Reichs­bür­gern“oder Is­la­mis­ten nicht sa­gen. Die ver­eint der Hass auf die viel­fäl­ti­ge Ge­sell­schaft. Trump steht für das ge­naue Ge­gen­teil von uns Grü­nen, wie Frau Pe­try auch.

Wie ste­hen Sie zu der For­de­rung des Städ­te- und Ge­mein­de­bunds, den im März 2018 aus­lau­fen­den Fa­mi­li­en­nach­zug bei Flücht­lin­gen zwei wei­te­re Jah­re aus­zu­set­zen?

Ich schät­ze den Städ­te- und Ge­mein­de­bund sehr, weil er sehr oft gut weiß, wo vor Ort der Schuh drückt. Aber die­se For­de­rung leh­ne ich ab. Sie ist rea­li­täts­fern. Wir ha­ben die Si­tua­ti­on, dass vie­le sy­ri­sche Fa­mi­li­en­vä­ter al­lein bei uns le­ben, in Sor­ge um ih­re zum Teil in Kriegs­ge­bie­ten zu­rück­ge­las­se­ne Fa­mi­lie. Es ist ein Akt der Hu­ma­ni­tät, Fa­mi­li­en zu­sam­men­zu­füh­ren, und es ist ein Bei­trag, dass In­te­gra­ti­on tat­säch­lich ge­lingt. Ich bin sehr da­für, den Fa­mi­li­en­nach­zug zu er­mög­li­chen. Und die Zah­len sind über­schau­bar: Deutsch­land hat 2016 welt­weit an­nä­hernd 105000 Vi­sa zum Fa­mi­li­en­nach­zug er­teilt.

Neu­es The­ma: Am Sonn­tag wird Mar­tin Schulz of­fi­zi­ell zum SPD-Kanz­ler­kan­di­da­ten er­nannt: Er will füh­ren – „egal in wel­cher Kon­stel­la­ti­on“. Zu be­lie­big, die­ser Mann?

Auch wir Grü­ne ge­hen oh­ne Ko­ali­ti­ons­aus­sa­ge in den Wahl­kampf. Dar­an wer­den sich man­che noch ge­wöh­nen müs­sen. Die Men­schen in Deutsch­land wer­den vor­aus­sicht­lich kei­ner lo­gi­schen Ko­ali­ti­on ei­ne Mehr­heit ge­ben. Da sind wir kei­ne Mehr­heits­be­schaf­fer oder An­häng­sel, das weiß auch Mar­tin Schulz sehr gut. Mit der SPD ha­ben wir in vie­len Punk­ten durch­aus Über­ein­stim­mun­gen, al­ler­dings ist mas­si­ver Streit beim Kli­ma­schutz pro­gram­miert. Hier hat sich die Re­gie­rung ab­ge­mel­det, und zwar ver­nehm­lich durch den bis­he­ri­gen Wirt­schafts­mi­nis­ter Ga­b­ri­el, der die Ener­gie­wen­de nicht in den Griff be­kam. Ich ha­be den Ein­druck, dass er auch des­halb in das Au­ßen­res­sort floh. Aber auch mit den an­de­ren Wett­be­wer­bern wird es nicht leicht: Bei der Link­s­par­tei ha­ben wir mas­si­ve Pro­ble­me mit der Au­ßen­po­li­tik oder den po­pu­lis­ti­schen Aus­fäl­len der Spit­zen­kan­di­da­tin Sah­ra Wa­genk­necht ge­gen die of­fe­ne Ge­sell­schaft. Von der CSU ganz zu schwei­gen.

Schwarz-Grün galt als Zu­kunfts­bünd­nis. Es wird wohl nicht lan­gen an­ge­sichts der Um­fra­ge­wer­te Ih­rer Par­tei von knapp zehn Pro­zent …

Um­fra­gen sind Seis­mo­gra­fen, kein Wah­l­er­geb­nis. Der Wahl­kampf ist nicht ein­mal los­ge­gan­gen. Ich bin über­zeugt, wir schaf­fen mehr als 10 Pro­zent.

Sie ver­mis­sen In­hal­te beim neu­en SPD-Spit­zen­mann Schulz. Was vor al­lem müss­te er denn am Sonn­tag lie­fern? Beim The­ma Kli­ma­schutz und Ener­gie ha­be ich bis­lang sehr we­nig von ihm ge­hört. Nö­tig sind aber kla­re An­sa­gen in die­ser Exis­tenz- und Über­le­bens­fra­ge. Schau­en wir nach Asi­en, wo die Men­schen in den Städ­ten nur noch mit Mund­schutz her­um­lau­fen. Auch wir ha­ben über­mä­ßi­ge Fe­in­staub­be­las­tung in ei­ni­gen Städ­ten, noch ist die Si­tua­ti­on hier­zu­lan­de er­träg­lich. Aber wie lan­ge kön­nen wir uns er­lau­ben, so fahr­läs­sig mit un­se­ren Le­bens­grund­la­gen um­zu­ge­hen? Wir se­hen es als zentrale Auf­ga­be von Po­li­tik, Le­bens­qua­li­tät zu er­hal­ten – gu­tes Was­ser, gu­te Luft, gu­te Le­bens­mit­tel, auch für un­se­re Kin­der oder bei mir schon die En­kel. Hier muss sich der neue SPD-Chef Schulz äu­ßern. Sein Vor­gän­ger Ga­b­ri­el hat mehr Kli­ma­schutz tor­pe­diert, un­ter an­de­rem durch sei­ne koh­le­freund­li­che Po­li­tik.

Als Schulz’ Stär­ken gel­ten Emo­tio­na­li­tät und kla­re Spra­che. Ge­nau hier hat Kanz­le­rin Mer­kel De­fi­zi­te … Ich ma­che Wahl­kampf für die Grü­nen, Hal­tungs­no­ten an an­de­re ver­ge­be ich nicht.

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Will Wäh­ler über­zeu­gen: Ka­trin Gö­ring-Eckardt. Fo­to: dpa

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