Em­pö­rung über Braun­schwei­ger So­zi­al­be­trug

Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren in Lan­des­auf­nah­me­be­hör­de – CDU droht mit Un­ter­su­chungs­aus­schuss

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Nordwest -

Die Af­fä­re um mas­sen­haf­ten So­zi­al­be­trug in der Lan­des­auf­nah­me­be­hör­de Braun­schweig nimmt Fahrt auf: Die Be­hör­de steht un­ter Druck, die Op­po­si­ti­on kri­ti­siert In­nen­mi­nis­ter Pis­to­ri­us. Und es gibt Zu­spruch für die ge­schass­te Ent­hül­le­rin.

Von Klaus Wie­sche­mey­er

HAN­NO­VER. Nach Be­kannt­wer­den von mas­sen­haf­tem So­zi­al­be­trugs durch Asyl­be­wer­ber in der Lan­des­auf­nah­me­be­hör­de (LAB) Braun­schweig gibt es in­ter­ne Er­mitt­lun­gen: Es sei­en Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren „ge­gen meh­re­re Per­so­nen“ein­ge­lei­tet wor­den, er­klär­te ei­ne LAB-Spre­che­rin auf An­fra­ge un­se­rer Re­dak­ti­on. Zu­dem ge­be es ein Ver­fah­ren we­gen der Be­schwer­de der frü­he­ren Mit­ar­bei­te­rin Nad­ja N. Par­al­lel sind bei der Staats­an­walt­schaft meh­re­re Straf­an­zei­gen ein­ge­gan­gen.

N. hat­te sich im De­zem­ber beim Land über den Um­gang mit Ver­dachts­fäl­len in der LAB be­schwert. Zu­sam­men mit ei­ner Kol­le­gin hat­te sie An­fang 2016 auf ei­ge­ne Faust mut­maß­li­che Mehr­fachi­den­ti­tä­ten von meist schwarz­afri­ka­ni­schen Asyl­be­wer­bern ge­sam­melt und ih­ren Chef dar­auf an­ge­spro­chen. Nach­dem mo­na­te­lang kei­ne Er­mitt­lun­gen folg­ten, wen­de­te sich N. di­rekt an die Po­li­zei. Die geht in­zwi­schen von et­wa 520 Ver­dachts­fäl­len und ei­nem Mil­lio­nen­scha­den durch mehr­fach ab­kas­sier­te So­zi­al­leis­tun­gen aus. N. wur­de we­gen ei­gen­mäch­ti­gen Ver­hal­tens bis Ablauf ih­res Zeit­ver­trags frei­ge­stellt. Die al­lein­er­zie­hen­de Mut­ter ist heu­te ar­beits­los.

Wi­der­sprü­che blei­ben

War­um der Stand­ort­lei­ter mo­na­te­lang nichts un­ter­nahm, bleibt auch nach ei­ner An­hö­rung des In­nen­aus­schus­ses am Frei­tag um­strit­ten. N. sagt, der Stand­ort­lei­ter ha­be das Pro­blem ab­sicht­lich ver­tu­schen wol­len. In­nen­mi­nis­ter Bo­ris Pis­to­ri­us (SPD) spricht un­ter Be­ru­fung auf dienst­li­che Aus­sa­gen sei­nes Mit­ar­bei­ters von „ver­steck­tem Dis­sens“: Po­li­zei und Stand­ort­lei­ter hät­ten je­weils ge­dacht, dass die je­weils an­de­re Sei­te zu­erst et­was un­ter­neh­me.

In der An­hö­rung ließ Nie­der­sach­sens LAB-Chef Jens Gro­te auch durch­bli­cken, es ha­be Sor­gen we­gen der Ver­däch­ti­gen ge­ge­ben. Da es sich bei den ge­sam­mel­ten Per­so­nen fast nur um an­geb­li­che Su­da­ne­sen han­del­te, ha­be man den Vor­wurf ge­fürch­tet, ein­sei­tig ge­gen ei­ne Eth­nie vor­zu­ge­hen. Zu­dem ha­be man in der Hoch­pha­se der Flücht­lings­kri­se an­de­re Prio­ri­tä­ten als die Ver­fol­gung von So­zi­al­be­trug ge­habt.

Für die Op­po­si­ti­on ist das ins­ge­samt un­glaub­wür­dig. „Die Aus­sa­gen des Mi­nis­te­ri­ums sind nicht schlüs­sig“, kri­ti­siert der FDP-In­nen­po­li­ti­k­ex­per­te Jan-Chris­toph Oet­jen. Auch die CDU er­war­tet Auf­klä­rung und droht Rot-Grün mit ei­nem Un­ter­su­chungs­aus­schuss. Frak­ti­ons­chef Björn Thüm­ler wirft In­nen­mi­nis­ter Bo­ris Pis­to­ri­us (SPD) ei­ne Mit­schuld vor. Das Land hät­te die Kom­mu­nen viel frü­her er­mun­tern müs­sen, Fin­ger­ab­drü­cke von Asyl­be­wer­bern zu neh­men. Statt­des­sen ha­be es ei­ne „or­ga­ni­sier­te Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit wie im Fall Sa­fia S.“ge­ge­ben. Das In­nen­mi­nis­te­ri­um wies die Vor­wür­fe am Abend scharf zu­rück. Der Fall dürf­te kom­men­de Wo­che The­ma im Land­tag sein.

Un­ter­des­sen meh­ren sich For­de­run­gen nach ei­ner Re­ha­bi­li­tie­rung von Nad­ja N.: In ei­ner Pe­ti­ti­on an Land­tags­prä­si­dent Bu­se­mann for­dert der frü­he­re Land­tags­ab­ge­ord­ne­te Ge­org Fruck, die Frau „mit ei­nem re­gu­lä­ren Ar­beits­ver­hält­nis“für ihr En­ga­ge­ment zu be­loh­nen.

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