Was ver­rät der Mu­sik­ge­schmack über ei­ne Per­son?

Mu­sik­sti­le wer­den meist mit kon­kre­ten Vor­stel­lun­gen von Men­schen ver­bun­den

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Osnabrück - Beim

Von Chris­toph Lou­ven

Las­sen Sie mich mit ei­nem klei­nen Ex­pe­ri­ment be­gin­nen: Stel­len Sie sich vor Ih­rem in­ne­ren Au­ge ei­ne ed­le Fla­sche Sekt vor, da­ne­ben ei­ni­ge Glä­ser, in de­nen der Sekt leicht vor sich hin perlt. Ver­su­chen Sie nun bit­te, sich zu die­ser Sze­ne spon­tan ei­ne pas­sen­de Mu­sik vor­zu­stel­len. Wel­che Art Mu­sik kommt Ih­nen dann in den Sinn? – Sze­nen­wech­sel: Stel­len Sie sich nun statt­des­sen ei­ne Fla­sche Bier vor, grün, da­ne­ben ein frisch ein­ge­schenk­tes Pils. Wel­che Mu­sik hö­ren Sie bei die­sem Bild? Ver­mut­lich ha­ben Sie bei­de Sze­nen mit sehr un­ter­schied­li­cher Mu­sik ver­bun­den – den Sekt vi­el­leicht eher mit klas­si­scher Mu­sik, das Bier hin­ge­gen mit Rock. Dies wä­re ei­ne recht ty­pi­sche Wahl – um­ge­kehrt wä­re es eher un­ge­wöhn­lich!

Die­ses klei­ne Ex­pe­ri­ment zeigt uns ei­ne mu­sik­psy­cho­lo­gi­sche Grun­d­er­kennt­nis: Mu­sik­sti­le ver­bin­den wir im All­ge­mei­nen mit be­stimm­ten, recht kon­kre­ten Vor­stel­lun­gen vom Um­feld, in dem die Mu­sik vor­kommt be­zie­hungs­wei­se vor­kom­men soll­te. Die­se Ver­bin­dun­gen von Mu­sik und Um­feld zie­hen wir ganz un­will­kür­lich, aber trotz­dem be­ein­flus­sen sie un­ser Den­ken in bei­de Rich­tun­gen: Wir ver­bin­den die Vor­stel­lung von Sekt mit der ‚pas­sen­den‘ klas­si­schen Mu­sik, aber um­ge­kehrt auch klas­si­sche Mu­sik mit dem ‚pas­sen­den‘ Ge­trän­kSekt.

Letzt­lich sind die­se Ver­bin­dun­gen aber nichts an­de­res als Kli­schees, die wir über Mu­sik­sti­le im Kopf ha­ben. Chris­toph Lou­ven ist Pro­fes­sor für Sys­te­ma­ti­sche Mu­sik­wis­sen­schaft.

Be­son­ders wich­tig für un­se­re Fra­ge ist nun, dass die­se Kli­schees sich auch auf die Men­schen er­stre­cken, die ei­nen be­stimm­ten Mu­sik­stil als Mu­si­ker ma­chen oder als Hö­rer be­vor­zu­gen. Die Vor­stel­lun­gen sind da­bei sehr weit­rei­chend: Wir ver­bin­den den Klas­sik-Lieb­ha­ber, den Me­tal-Fan oder den Volks­mu­sik-Hö­rer nicht nur mit zum Bei­spiel ei­nem be­stimm­ten Klei­dungs­stil und Ver­hal­ten, son­dern so­gar mit ei­nem be­stimm­ten Bil­dungs­stand und Ein­kom­mens­ni­veau.

Die­se Art der Wahr­neh­mung ist für sich ge­nom­men nicht pro­ble­ma­tisch, son­dern all­ge­mein mensch­lich. In­dem wir auf Ba­sis we­ni­ger In­for­ma­tio­nen weit­rei­chen­de Rück­schlüs­se dar­über zie­hen, wie un­se­re Um­welt ver­mut­lich be­schaf­fen ist und wie un­se­re Mit­men­schen sich ver­hal­ten, kom­men wir in un­se­rer viel­fäl­ti­gen, kom­ple­xen Welt bes­ser zu­recht. Aber trotz­dem müs­sen wir mit Kli­schees vor­sich­tig sein, denn ih­re Her­kunft ist schil­lernd und ihr Wahr­heits­ge­halt un­klar. Wenn Sie eben zum Bild der grü­nen Bier­fla­sche zu­sätz­lich ein Se­gel­schiff ge­se­hen und Joe Co­cker ‚Sail away‘ ha­ben röh­ren hö­ren, dann ah­nen Sie, wo­her Sie das ha­ben. Ins­be­son­de­re aber sa­gen sol­che Kli­schees, selbst wenn sie in der Ver­all­ge­mei­ne­rung stim­men, letzt­lich nichts über ei­nen ein­zel­nen, kon­kre­ten Men­schen aus: Nicht je­der Klas­sik-Lieb­ha­ber hat Abitur, und nicht je­der Tech­noFan nimmt Auf­putsch­mit­tel!

Ge­le­gent­lich kann die Wir­kung von Kli­schees fa­tal sein: Stu­di­en zei­gen, dass Frau­en bei ei­nem Da­te be­son­ders an­zie­hend auf Män­ner wir­ken, wenn sie ‚Klas­sik‘ als Mu­sik­vor­lie­be an­ge­ben. ‚Rock‘ oder ‚Me­tal‘ schreckt Män­ner eher ab! Dum­mer­wei­se kann man die Re­gel ‚Klas­sik macht se­xy‘ aber nicht ver­all­ge­mei­nern, denn bei Män­nern ist es ge­nau um­ge­kehrt: Frau­en neh­men beim Da­te den Rock-Fan als be­son­ders mas­ku­lin und at­trak­tiv wahr, den Klas­sik-Hö­rer hin­ge­gen als eher lang­wei­li­ges Weich­ei… Sei­en Sie al­so mit Kli­scheeschlüs­sen vor­sich­tig – sonst ver­pas­sen Sie wo­mög­lich noch Ihr Glück!

9. Os­na­brü­cker Wis­sens­fo­rum im No­vem­ber 2016 ha­ben 33 Pro­fes­so­ren auf Ein­la­dung der NOZ und der Uni Osnabrück Fra­gen un­se­rer Le­ser be­ant­wor­tet. Al­le Ant­wor­ten wer­den in die­ser Se­rie ab­ge­druckt. Al­le Bei­trä­ge sind als Vi­deo ab­ruf­bar auf www.uni-os­nabru­eck.de/wis­sens­fo­rum.

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