Schlap­pe für Bamf nach Os­na­brü­cker Asyl-Ur­teil

Ober­ver­wal­tungs­ge­richt weist Be­ru­fung des Bun­des­am­tes zu­rück – Sy­rer nun rechts­kräf­tig als Flücht­lin­ge an­er­kannt

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Osnabrück -

Fünf Sy­rer hat­ten vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Osnabrück auf ih­re An­er­ken­nung als Flücht­lin­ge ge­klagt – vier von ih­nen mit Er­folg. Nur ge­gen ei­nen Va­ter und sei­nen Sohn woll­te das Bun­des­amt für Mi­gra­ti­on und Flücht­lin­ge (Bamf) in die nächs­te In­stanz ge­hen – und schei­ter­te.

Von Jörg San­ders

Das be­stä­tig­te Ju­lia Schra­der, Spre­che­rin des Ver­wal­tungs­ge­richts Osnabrück, auf Nach­fra­ge un­se­rer Re­dak­ti­on. Vier Ver­fah­ren wa­ren nach Ablauf ei­ner Frist rechts­kräf­tig – die be­trof­fe­nen Sy­rer sind seit­her of­fi­zi­ell als Flücht­lin­ge nach der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on (GFK) an­er­kannt. Und auch der fünf­te Fall ist nun rechts­kräf­tig.

Hin­ter­grund: Das Ver­wal­tungs­ge­richt hat­te am 5. De­zem­ber 2016 ei­ne Ent­schei­dung des Bamf kas­siert, wo­nach es Sy­rern le­dig­lich sub­si­diä­ren Schutz ge­währt. Fünf Sy­rern aus sei­nem Be­zirk (Land­krei­se Graf­schaft Bent­heim, Ems­land, Osnabrück so­wie Stadt Osnabrück) ge­währ­te das Os­na­brü­cker Ge­richt Schutz nach der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on – ent­ge­gen der Ent­schei­dung und gän­gi­gen Pra­xis des Bamf.

Doch nur in ei­nem Fall ak­zep­tier­te das Bamf die Ent­schei­dung aus Osnabrück nicht und stell­te ei­nen An­trag auf Zu­las­sung der Be­ru­fung beim Ober­ver­wal­tungs­ge­richt (OVG) in Lü­ne­burg. War­um nur ei­ner? „Das er­klärt sich uns auch nicht und wun­dert uns auch“, sagt Schra­der.

Am Don­ners­tag lehn­te das OVG den An­trag ab, teil­te des­sen Ge­richts­spre­che­rin Andrea Blo­men­kamp auf An­fra­ge un­se­rer Re­dak­ti­on am Frei­tag mit. Da­mit sind nun al­le fünf Ur­tei­le aus Osnabrück rechts­kräf­tig.

Der fünf­te Fall be­traf ei­nen Mann, der aus Da­mas­kus ge­flüch­tet war. Fünf Jah­re war der Sy­rer ei­ge­ner An­ga­be zu­fol­ge beim sy­ri­schen Mi­li­tär ge­we­sen, dar­un­ter zwei Jah­re als Be­rufs­sol­dat. An­schlie­ßend ha­be er ein klei­nes Ge­schäft ge­habt und ne­ben ei­ner Mi­li­tärsta­ti­on ge­wohnt. In ei­nem na­he ge­le­ge­nen

Wald­ge­biet sei­en ta­ge­lang Men­schen er­schos­sen wor­den, hat­te er be­rich­tet. 50 Lei­chen ha­be er ent­deckt, wohl von An­hän­gern der Re­gie­rung er­mor­det, ver­mu­tet der Fa­mi­li­en­va­ter. Dar­auf­hin flüch­te­te er mit sei­ner Fa­mi­lie nach Deutsch­land. Va­ter und Sohn wur­den auf ih­rer

Flucht von Frau und Toch­ter in der Tür­kei ge­trennt.

Das Ver­wal­tungs­ge­richt Osnabrück er­kann­te den Mann aus zwei Grün­den als Flücht­ling an. „Da­mit wird es für das Bamf schwie­rig, bei­de Grün­de an­zu­fech­ten“, sag­te Schra­der am Don­ners­tag – und sie soll­te recht be­hal­ten.

Der ers­te Grund sei die so­ge­nann­te Rück­keh­rer­ge­fähr­dung. Die il­le­ga­le Aus­rei­se aus Sy­ri­en so­wie sein An­trag auf Asyl in Deutsch­land führ­ten zu ei­ner „be­acht­li­chen Wahr­schein­lich­keit“, in Sy­ri­en als Op­po­si­tio­nel­ler be­trach­tet zu wer­den, sagt Schra­der. Das kön­ne „Fol­ter oder Ver­schwin­den“zur Fol­ge ha­ben.

Als zwei­ten Grund führ­te die Kam­mer die Vor­ver­fol­gung an. Die­ser Grund sei in­di­vi­du­el­ler, sagt Schra­der. Weil er sich als Re­ser­vist ent­zo­gen ha­be, dro­he dem Mann bei der Rück­kehr in sei­ne Hei­mat ei­ne Stra­fe. Zu­dem wür­de er auf­grund sei­ner mehr­jäh­ri­gen Mi­li­tä­r­er­fah­rung ver­mut­lich ein­ge­zo­gen, hat­te der Sy­rer ar­gu­men­tiert. Da­her dro­he die Ge­fahr, beim Mi­li­tär an men­schen­rechts­wid­ri­gen Ak­tio­nen wie Er­schie­ßun­gen teil­neh­men zu müs­sen.

Im Fal­le des Soh­nes ent­schied das Ge­richt nicht, da die Kla­ge zu­vor zu­rück­ge­zo­gen wor­den war. Doch in­zwi­schen ge­währt es auch Min­der­jäh­ri­gen den Flücht­lings­sta­tus. Denn das Ge­richt ist der An­sicht, auch für Min­der­jäh­ri­ge gel­te die Rück­keh­rer­ge­fähr­dung, sagt Schra­der. In Sy­ri­en kön­ne nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, dass auch sie zu Mi­li­tär­ak­ti­vi­tä­ten her­an­ge­zo­gen wür­den.

Das Os­na­brü­cker Ver­wal­tungs­ge­richt wer­de wohl auch künf­tig kla­gen­den Sy­rern wei­ter­hin die Flücht­lings­ei­gen­schaft zu­ge­ste­hen, sag­te Schra­der be­reits vor der Nach­richt aus Lü­ne­burg.

Mit den fünf Ur­tei­len aus De­zem­ber hat­te sich das Os­na­brü­cker Ge­richt vie­len an­de­ren Ge­rich­ten in Deutsch­land an­ge­schlos­sen, die Sy­rern eben­falls Schutz nach der GFK ge­währt hat­ten. Erst am 4. Ja­nu­ar die­ses Jah­res ge­stand das Ver­wal­tungs­ge­richt Ol­den­burg ei­nem Sy­rer die Flücht­lings­ei­gen­schaft zu.

Am 23. No­vem­ber ver­gan­ge­nen Jah­res hat­te bun­des­weit erst­mals ein Ober­ver­wal­tungs­ge­richt – das OVG Schles­wig – die Pra­xis des Bamf auf le­dig­lich sub­si­diä­ren Schutz für Sy­rer be­stä­tigt. Es er­kann­te den Grund der Rück­keh­rer­ge­fähr­dung nicht an.

Schutz nach der GFK oder nur der nied­ri­ge­re sub­si­diä­re Schutz? Von die­ser Fra­ge hängt für Flücht­lin­ge in Deutsch­land vie­les ab. An­er­kann­te Flücht­lin­ge dür­fen vor­erst drei Jah­re im Land blei­ben und ih­re Fa­mi­lie nach­ho­len. Sy­rer mit sub­si­diä­rem Schutz dür­fen vor­erst nur ein Jahr blei­ben, und der Fa­mi­li­en­nach­zug wird für min­des­tens zwei Jah­re aus­ge­setzt.

Fo­to: Da­vid Ebe­ner

Das Ver­wal­tungs­ge­richt Osnabrück hat­te vier Sy­rer als Flücht­lin­ge an­er­kannt. Die­ses Ur­teil ist nun in Cel­le be­stä­tigt wor­den.

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