Der Ven­ti­la­tor singt ein Lie­bes­lied

Skulp­tu­ren aus al­ten Tech­nik­ge­rä­ten: Ica­ro Zorbars Wer­ke in der Kunst­hal­le Osnabrück

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur Regional - Von Ste­fan Lüd­de­mann

Aus al­ten Ap­pa­ra­ten baut er sei­ne Kunst­wer­ke: Der ko­lum­bia­ni­sche Künst­ler Ica­ro Zorbar kri­ti­siert den Fort­schritts­glau­ben. Die Os­na­brü­cker Kunst­hal­le zeigt sei­ne Wer­ke.

OSNABRÜCK. Spiel­uh­ren krei­seln im Licht­ke­gel wie Wim­pern­tier­chen un­ter dem Mi­kro­skop. Zwei Plat­ten­spie­ler um­ar­men sich mit ih­ren Ton­ar­men, als wä­ren sie ein al­tes Paar. Da­zu tönt aus dem Ven­ti­la­tor ein me­lan­cho­li­sches Lie­bes­lied. Ica­ro Zorbar prä­sen­tiert sei­ne me­lan­cho­li­schen Ap­pa­ra­te als skur­ri­les Trauer­en­sem­ble ver­geb­li­cher Hoff­nung auf Zeit­lo­sig­keit und als lei­se Kri­tik am Mach­bar­keits­wahn ei­ner auf dem Zeit­strahl des tech­ni­schen Fort­schritts rei­sen­den Kon­sum­ge­sell­schaft.

„Ver­wei­le doch“: Goe­thes Faust will die Zeit an­hal­ten, um im voll­kom­me­nen Au­gen­blick das gan­ze Le­bens­glück zu ge­nie­ßen. Zorbar hebt das Goe­the-Zi­tat in den Ti­tel sei­ner Os­na­brü­cker Aus­stel­lung und dreht die Per­spek­ti­ve ein­fach um. Denn der 1977 in Bo­go­tá ge­bo­re­ne Zorbar stellt ins Licht, was der tech­ni­sche Fort­schritt aus­sor­tiert hat – ver­staub­te Plat­ten­spie­ler, put­zi­ge Spiel­uh­ren oder Pro­jek­to­ren mit bil­li­gem Plas­tik­ge­häu­se. Das sieht nach ei­nem Auf­stand ana­lo­ger Ob­jek­te mit­ten im di­gi­ta­len Zeit­al­ter aus. Zorbar ver­weist mit sei­nem En­sem­ble aus Tech­nik­schrott aber vor al­lem auf die Gren­zen al­ler Zeit­lich­keit.

Auf die­se Wei­se fügt sich die Aus­stel­lung ge­nau in das „Dan­se mac­ab­re“-Pro­jekt meh­re­rer Os­na­brü­cker Kul­tur­häu­ser ein. Das Thea­ter Osnabrück bringt am 11. Fe­bru­ar die re­kon­stru­ier­te Fas­sung von Ma­ry Wig­mans To­ten­tanz-Cho­reo­gra­fie von 1926 auf die Büh­ne. Par­al­lel da­zu zei­gen meh­re­re Aus­stel­lungs­häu­ser Kunst zum glei­chen The­ma, so auch die Kunst­hal­le.

Ica­ro Zorbars Ex­po­na­te kom­men aus Pri­vat- und Mu­se­ums­samm­lun­gen. Di­ver­se Ex­po­na­te hat der in Eu­ro­pa noch we­nig be­kann­te Künst­ler hin­ge­gen vor Ort ge­baut. Da­bei geht der Künst­ler wie ein Bast­ler vor. Er nimmt al­te Ge­rä­te aus­ein­an­der, fügt sie zu skur­ri­len In­stal­la­tio­nen neu zu­sam­men, ver­schal­tet ih­re Funk­tio­nen zu un­ge­wohn­ten Wir­kung. Ist das ab­sei­tig oder poe­tisch?

Im dunk­len Kir­chen­schiff der Kunst­hal­le lau­fen schräg ge­stell­te Pro­jek­to­ren und wer­fen die Staub­par­ti­kel auf ih­ren Lin­sen als ver­grö­ßer­te Bil­der auf die Wän­de. Im Um­gang krei­seln Spiel­uh­ren im Licht von aus­ran­gier­ten Over­head­pro­jek­to­ren. Die auf den Glas­plat­ten tru­deln­den Ap­pa­ra­te wir­ken wie selt­sa­me Tie­re un­ter dem Ver­grö­ße­rungs­glas der Wis­sen­schaft­ler.

Zorbar rückt nicht nur tech­ni­sche Ob­jek­te ver­frem­dend auf Dis­tanz. Er kon­fron­tiert den Be­trach­ter auch mit dem ra­san­ten Al­tern je­ner Ge­rä­te, die er selbst her­stellt und die sein All­tags­le­ben be­stim­men. Wer weiß noch, wie mit dem Blei­stift ein Kas­set­ten­band auf­ge­wi­ckelt wird? In­dem er Ab­schied von Ge­rä­ten nimmt, ver­lernt der Mensch Prak­ti­ken, ver­lernt Wis­sen.

Tech­nik ver­kör­pert Ju­gend­lich­keit. So lau­te­te ei­ne Ge­wiss­heit der Kon­sum­ge­sell­schaf­ten. Aber Zorbar deckt ih­re Al­te­rungs­pro­zes­se auf und macht da­mit zugleich den Be­trach­ter dar­auf auf­merk­sam, dass auch er als Mensch der Zeit ver­fal­len ist. Ein­dring­li­che Gestalt ge­winnt die­se Bot­schaft mit je­nem Ex­po­nat, bei dem Zorbar Tei­le ei­nes Kas­set­ten­re­kor­ders auf ei­nen Ven­ti­la­tor mon­tiert hat. Von der me­ter­weit ent­fern­ten Kas­set­te läuft das Band hin­auf zum Ven­ti­la­tor, in des­sen Luft­strom das ab­ge­spiel­te En­de des Ton­ban­des me­lan­cho­lisch flat­tert. Da­zu er­tönt ein trau­ri­ges Lie­bes­lied. Nicht im­mer er­rei­chen Zorbars Ap­pa­ra­te die­se künst­le­ri­sche Dich­te und poe­ti­sche Au­ra. Zu­dem ver­lie­ren sich die meist klein­tei­li­gen Ar­bei­ten all­zu sehr in den wei­ten Räu­men der Kunst­hal­le.

Osnabrück, Kunst­hal­le: Ica­ro Zorbar: Ver­wei­le doch (ein Ab­ge­sang). Er­öff­nung: Sonn­tag, 29. Ja­nu­ar, 11 Uhr. Bis 2. April. Di. 13–18 Uhr. Mi., Do., Fr. 11–18 Uhr.

Al­le Tei­le die­ser Se­rie le­sen Sie im In­ter­net auf noz.de

Der Künst­ler Ica­ro Zorbar an der In­stal­la­ti­on „Ven­ti­la­tor“in der Kunst­hal­le Osnabrück. Fo­to: Micha­el Grün­del

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