Ak­kor­de­on­klas­se bie­tet brei­tes Stil­spek­trum

Von Klas­sik über Neue Mu­sik und Jazz bis Pop: Fas­zi­nie­ren­de Klän­ge aus Tros­sin­gen ei­nes un­ter­schätz­ten In­stru­ments

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur Regional - Von Tom Bull­mann

Andre­as Ga­ba­lier oder see­len­vol­le rus­si­sche Wei­sen: Beim Stich­wort Ak­kor­de­on as­so­zi­ie­ren vie­le Men­schen Volks­mu­sik. Oder sie er­in­nern sich an die Mut­ter, die den Kin­dern auf dem rie­si­gen In­stru­ment „Es klap­pert die Müh­le am rau­schen­den Bach“vor­spiel­te.

Doch jetzt sitzt da ei­ne jun­ge Frau auf der Büh­ne und ent­lockt ih­rem Bor­si­ni-Ak­kor­de­on schrill-krei­schen­de Dis­so­nan­zen. Sie klopft auf dem In­stru­ment her­um, bis es keu­chend tre­mo­liert, lässt es ton­los ein- und aus­at­men, um kurz dar­auf ein kla­cken­des Stak­ka­to zu ge­ne­rie­ren. Chris­ti­na Fel­der heißt die Stu­den­tin, die die­se akus­ti­schen Schock­wel­len aus­löst. Seit zwei Jah­ren stu­diert sie im süd­deut­schen Tros­sin­gen Ak­kor­de­on. Für sie ist es ganz nor­mal, dass sie auf ih­rem In­stru­ment Neue Mu­sik in­ter­pre­tiert.

Ex­pe­ri­men­tel­les Stück

Nach dem ex­pe­ri­men­tel­len Stück „Auf Flü­geln der Har­fe“, das der Avant­gar­deKom­po­nist Ni­ko­laus A. Hu­ber für das Ak­kor­de­on schrieb, wech­selt Fel­der zur klas­si­schen Mu­sik: Dmi­tri Schosta­ko­witsch steht auf dem Pro­gramm. „Prä­lu­di­um und Fu­ge in e-Moll“, ei­gent­lich für Kla­vier ge­schrie­ben, ver­brei­tet auf dem Ak­kor­de­on ge­spielt ei­nen un­ge­wohn­ten Charme. So bricht Fel­der im Gar­ten­haus der Os­na­brü­cker Hoch­schu­le ei­ne Lan­ze für ein un­ter­schätz­tes In­stru­ment, das sich ge­ra­de zu eman­zi­pie­ren scheint.

Zwölf Stu­die­ren­de ler­nen am Hoh­ner-Kon­ser­va­to­ri­um in Tros­sin­gen Ak­kor­de­on. „Das In­ter­es­se an dem In­stru­ment steigt mo­men­tan kon­ti­nu­ier­lich“, sagt Do­zent Andre­as Nebl, der den Vor­trags­abend am In­sti­tut für Mu­sik (IfM) in­iti­iert hat.

Drei Stu­die­ren­de der Tros­sin­ger Ak­kor­de­on­klas­se sind nach Osnabrück ge­reist – als Vor­be­rei­tung auf ih­re Ex­amens­kon­zer­te, denn nach drei Jah­ren Stu­di­um in Tros­sin­gen kön­nen sie in Ko­ope­ra­ti­on mit der Hoch­schu­le Osnabrück am IfM ih­ren Ba­che­lor ab­sol­vie­ren. Wäh­rend Chris­ti­na Fel­ders Schwer­punkt im Stu­di­en­pro­fil Klas­sik liegt, hört man bei Mat­thi­as Matz­ke, der eben­falls im zwei­ten Jahr stu­diert, schnell den Pop- und Jazz-Fokus her­aus.

Nach „Pa­ter Nos­ter“, ei­nem Stück des spa­ni­schen Ak­kor­deo­nis­ten Gor­ka Her­mo­sa, das re­gel­recht rockt und mit ge­spro­che­nem Wort an­ge­rei­chert wird, spielt Matz­ke eben­so vir­tu­os zwei Ei­gen­kom­po­si­tio­nen, in de­nen der Jazz den Ton an­gibt.

Dass auch die In­stru­men­ten­bau­er mit der Zeit ge­hen, be­weist er, in­dem er zum VAk­kor­de­on wech­selt. Es han­delt sich um ei­ne mo­der­ne, elek­tro­ni­sche Mi­di-Ver­si­on des In­stru­ments, mit dem man Sam­ples wie Schlag­zeug, Chor und Gi­tar­ren­sounds ab­ru­fen kann, wo­durch die „Qu­etsch­kom­mo­de“mehr noch als sonst zum Orches­ter wird.

Wäh­rend Matz­ke von sei­nem Va­ter mit dem Ak­kor­de­on-Vi­rus in­fi­ziert wur­de, war es bei Chris­ti­na Fel­der der be­son­de­re Klang des In­stru­ments, der sie ein­nahm. Und so wird auch Mo­zarts „An­dan­te F-Dur“, das er ur­sprüng­lich für ei­ne Or­gel­wal­ze kom­po­nier­te, in der In­ter­pre­ta­ti­on von Fe­lix Frit­schi zu ei­nem be­son­de­ren Er­leb­nis.

Im Gar­ten­haus ver­ab­schie­den sich dann an die­sem Abend Fe­lix Frit­schi und Mat­thi­as Matz­ke mit ei­nem Stück, in dem Swing­jazz und Tan­go ei­ne fu­rio­se Li­ai­son ein­ge­hen.

Stu­den­tin der Tros­sin­ger Ak­kor­de­on­klas­se: Chris­ti­na Fel­der. Fo­to: El­vi­ra Par­ton

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