Die Ge­walt der Wor­te

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - 500 Jahre Reformation - Von Paul-Jo­sef Raue

Wer be­ein­druckt ist von Lu­thers Spra­che, wer gar die Sprach­ge­walt rühmt, darf nicht un­ter­schla­gen: Zu wel­chem Zweck be­ein­druckt Lu­ther die Men­schen? Lu­ther hat auch sol­che Sät­ze ge­schrie­ben: „Ju­den sind gif­ti­ge, bit­te­re, rach­gie­ri­ge, hä­mi­sche Schlan­gen, Meu­chel­mör­der und Teu­fels­kin­der, die heim­lich ste­chen und Scha­den tun.“Dar­aus fol­gert Lu­ther: „Ers­tens, dass man ih­re Sy­nago­ge oder Schu­le mit Feu­er an­ste­cke und, was nicht ver­bren­nen will, mit Er­de über­häu­fe und zu­schüt­te, da­mit kein Mensch mehr da­von in Ewig­keit ei­nen St­ein oder Schla­cke se­hen kann.“

Die­se Sät­ze ste­hen in Lu­thers Schrift „Von den Ju­den und ih­ren Lü­gen“: Sie ist zwei­hun­dert Sei­ten Hass, pu­rer Hass. Lu­thers Werk ist ge­ra­de we­gen sei­ner Sprach­kunst ein Bei­spiel, wie ei­ner mit sei­nen Wor­ten auch Un­heil an­rich­ten kann: Wor­te wer­den Pro­pa­gan­da, ge­hen der Ge­walt vor­an.

Erst vor we­ni­gen Mo­na­ten hat Mat­thi­as Mor­gens­tern ei­ne neue Über­set­zung von Lu­thers Ju­den-Pam­phlet vor­ge­legt und die von 1938 – al­so aus der Na­zi-Zeit – ab­ge­löst. Wer sei­nen Wi­der­wil­len über­win­det und die Schrift liest, „wird es schwer ha­ben“, so Mor­gens­tern, „sich ih­rer un­ge­heu­ren Emo­tio­na­li­tät zu ent­zie­hen, die durch im­mer neue Im­pe­ra­ti­ve, über­lan­ge Sät­ze und zahl­rei­che Wie­der­ho­lun­gen zum Aus­druck kom­men“.

Wor­te kön­nen hei­len, ver­let­zen, gar tö­ten. Wie ge­hen wir, ein hal­bes Jahr­tau­send da­nach, mit der Ju­den­schrift um – vor al­lem im Lu­ther­jahr, im Ju­bel­jahr der Re­for­ma­ti­on?

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