Gro­ße Par­tei ganz klein

Nach ei­nem bei­spiel­lo­sen Nie­der­gang fiel die SPD auf 20 Pro­zent – wie konn­te das pas­sie­ren?

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Einblicke - Von Ma­nu­el Glas­fort

Mar­tin Schulz führt die SPD in den Bun­des­tags­wahl­kampf. Ge­mes­sen an den Um­fra­gen, wä­ren schon ma­ge­re 25 Pro­zent ein acht­ba­res Er­geb­nis für die einst so stol­ze Ar­bei­ter­par­tei. Da­für gibt es meh­re­re Ur­sa­chen.

Als die ers­te ZDF-Hoch­rech­nung um 18.55 Uhr über die Bild­schir­me flim­mer­te, war die Sen­sa­ti­on per­fekt: Die so­zi­al­li­be­ra­le Ko­ali­ti­on hat­te die Bun­des­tags­wahl klar für sich ent­schie­den. Mit 45,8 Pro­zent fuhr die SPD 1972 ihr bes­tes – und bis heu­te un­über­trof­fe­nes – Er­geb­nis ein. Bun­des­kanz­ler Wil­ly Brandt voll­brach­te so­gar das Kunst­stück, die Uni­on mit 44,9 Pro­zent zum ers­ten Mal auf den zwei­ten Platz zu ver­wei­sen. „Dies war der Tag Wil­ly Brandts“, kom­men­tier­te da­mals die Neue Os­na­brü­cker Zei­tung. Es war die Blü­te­zeit der So­zi­al­de­mo­kra­tie.

Trist ist die Ge­gen­wart. Ge­fan­gen als Ju­ni­or­part­ner in ei­ner Gro­ßen Ko­ali­ti­on, steckt die SPD seit Jah­ren im Um­fra­ge­tief fest. Und ob­wohl sie gut je­den zwei­ten Mi­nis­ter­prä­si­den­ten stellt, sieht die Par­tei im Bund kein Licht. Mit 25,7 Pro­zent lan­de­ten die So­zi­al­de­mo­kra­ten 2013 ab­ge­schla­gen hin­ter der Uni­on auf Platz zwei. Wenn Mar­tin Schulz als Kanz­ler­kan­di­dat kein Wun­der ge­lingt, könn­te der Wäh­ler­an­teil in die­sem Jahr noch wei­ter ab­schmel­zen.

Was al­so ist pas­siert? Wo­mit er­klärt sich die Verzwer­gung der eins­ti­gen Volks­par­tei SPD? Dar­auf gibt es nicht die ei­ne, al­les er­klä­ren­de Ant­wort. Und es ist ja auch nicht nur die SPD, die in der Kri­se steckt. Auch an­ders­wo wen­den sich die Wäh­ler von den tra­di­tio­nel­len Mit­te-links-Par­tei­en ab. Ob La­bour in Groß­bri­tan­ni­en, die Par­tij van de Ar­beid in Hol­land oder die SAP in Schwe­den – sie al­le muss­ten zu­letzt Fe­dern las­sen. Der Trend, der ih­nen zu schaf­fen macht, ist der Wan­del der Ar­beits­welt.

„Der Ar­bei­ter“ist ei­ne lin­ke Iko­ne. Mit dem klas­si­schen In­dus­trie­ar­bei­ter wur­de die So­zi­al­de­mo­kra­tie groß – und er mit ihr. Des­halb trifft man ihn im­mer sel­te­ner. Im Jahr von Brandts Wahl­tri­umph schuf­te­te noch fast je­der zwei­te deut­sche Ar­beit­neh­mer in der In­dus­trie. In­zwi­schen ist es knapp je­der vier­te, Ten­denz fal­lend. Und wer heu­te bei BMW oder VW am Band steht, ist gut aus­ge­bil­det und ver­dient meist ge­nug, um sich über die ho­he Steu­er­last zu är­gern. Da­mit ist er aber bei der SPD an der fal­schen Adres­se. Die So­zi­al­de­mo­kra­ten ha­ben vie­len den Auf­stieg durch Bil­dung er­mög­licht und sind des­halb in Tei­len auch Op­fer ih­res ei­ge­nen Er­folgs.

Nur noch Folk­lo­re

Die Zeit der un­ge­lern­ten Fa­b­rik­ma­lo­cher und Koh­le­kum­pel ist lan­ge pas­sé und wird nicht wie­der­keh­ren. Das eins­ti­ge Kern­mi­lieu lebt nur noch in der Par­tei­tags­folk­lo­re fort, wenn das Stei­ger­lied an­ge­stimmt wird. An die Stel­le des In­dus­trie­pro­le­ta­ri­ats ist das ge­tre­ten, was der So­zio­lo­ge Heinz Bu­de das Di­enst­leis­tungs­pro­le­ta­ri­at nennt. „Das sind die Leu­te, die ei­nem die Pa­ke­te ins Haus brin­gen, die die Ge­bäu­de rei­ni­gen, die im ICE mit dem blau­en Plas­tik­sack un­ter­wegs sind“, wie er in der „Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung“schrieb.

Die SPD steht heu­te vor der Fra­ge, wel­che Kli­en­tel sie über­haupt ver­tre­ten will. Fach­ar­bei­ter? Ge­ring­ver­die­ner? Al­lein­er­zie­hen­de? Be­am­te? Ar­beits­lo­se? Rent­ner? Es ist ein Di­lem­ma, denn die In­ter­es­sen die­ser Grup­pen sind kaum un­ter ei­nen Hut zu brin­gen. Und in ei­ner al­tern­den Ge­sell­schaft sind Ver­tei­lungs­kon­flik­te pro­gram­miert. Die SPD muss Ant­wor­ten dar­auf fin­den, eben­so wie auf die Her­aus­for­de­run­gen der neu­en Ar­beits­welt, Stich­wort „In­dus­trie 4.0“.

Das gilt um­so mehr, als sie mit zwei an­de­ren Par­tei­en um die Stim­men lin­ker Wäh­ler wett­ei­fert. Deutsch­land hat zwei Pha­sen un­ter so­zi­al­de­mo­kra­ti­scher Füh­rung er­lebt: ein­mal un­ter Brandt und Hel­mut Schmidt, spä­ter un­ter Ger­hard Schrö­der. Bei­de en­de­ten mit dem Auf­stieg lin­ker Kon­kur­ren­ten. Nach der Ära Brandt/Schmidt ent­stan­den die Grü­nen – und nah­men ei­nen Groß­teil der lin­ken Aka­de­mi­ker mit. Die Schrö­der’ sche Re­form­agen­da wie­der­um führ­te zum Er­star­ken der Lin­ken, weil sie das Ge­rech­tig­keits­emp­fin­den man­cher Stamm­wäh­ler ver­letz­te.

Mer­kels The­men­klau

Die größ­te Kon­kur­renz für die SPD bil­det heu­te al­ler­dings die Uni­on. An­ge­la Mer­kel ver­steht es per­fekt, den Ri­va­len das Was­ser ab­zu­gra­ben, in­dem sie ih­nen die The­men weg­nimmt. Min­dest­lohn? Kein Pro­blem. Frau­en­quo­te? Aber bit­te. Miet­preis­brem­se? Ger­ne doch. So raub­te die Kanz­le­rin ih­rem Ju­ni­or­part­ner je­de Chan­ce zur Pro­fi­lie­rung. Der SPD-Wäh­ler konn­te am Wahl­tag be­ru­higt zu Hau­se blei­ben – oder sei­ne Stim­me gleich der Uni­on ge­ben. Die CDU trug – un­ter ge­le­gent­li­chem Mur­ren – Mer­kels Kurs mit, so­lan­ge er Wahl­sie­ge ver­sprach. Wenn die Uni­on nun aber un­ter dem Druck der AfD-Er­fol­ge zu­rück nach rechts rückt, er­öff­net das der SPD neu­en Spiel­raum.

Um ihn zu nut­zen, braucht die SPD aber auch die pas­sen­den Cha­rak­te­re. Po­li­ti­ker vom For­mat ei­nes Brandt, Schmidt oder auch Schrö­der sind dünn ge­sät. Die so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Kanz­ler wa­ren macht­hung­ri­ge und wort­ge­wal­ti­ge Män­ner. Sie box­ten auch un­po­pu­lä­re, aber not­wen­di­ge Pro­jek­te durch wie den Na­toDop­pel­be­schluss oder die Ar­beits­markt­re­for­men.

Ob Schulz in die­se Rei­he ge­hört? Schei­tert er im Herbst, hat die SPD Zeit, ei­nen star­ken Kan­di­da­ten für die fol­gen­de Bun­des­tags­wahl auf­zu­bau­en. Ein Trost für die So­zi­al­de­mo­kra­ten: Mer­kel wird der CDU im Fall ih­res Ab­gangs ein arg aus­ge­dünn­tes Per­so­nal­ta­bleau hin­ter­las­sen.

Apro­pos Per­so­nal: Auch da­mit hat­te die SPD im­mer wie­der Pro­ble­me. Be­rich­te über ge­spon­ser­te Tref­fen mit SPDMi­nis­tern (Hei­ko Maas), üp­pig ho­no­rier­te Vor­trä­ge von Kanz­ler­kan­di­da­ten (Peer St­ein­brück) oder flie­gen­de Wech­sel in die Ener­gie­wirt­schaft (Wolf­gang Cle­ment, Ger­hard Schrö­der) wirk­ten nicht image­för­dernd. Zwar sind sol­che Vor­gän­ge kein Al­lein­stel­lungs­merk­mal der SPD, aber ih­re Wäh­ler re­agie­ren dar­auf be­son­ders sen­si­bel.

Die SPD hat vor bald vier Jah­ren stolz ihr 150-jäh­ri­ges Be­ste­hen ge­fei­ert. Trotz des Nie­der­gangs hat sie gu­te Chan­cen, auch das 200-jäh­ri­ge zu er­rei­chen. Sie hat es selbst in der Hand.

NEU­START DER SPD Seit ih­rer Blü­te­zeit in den 1970er-Jah­ren ha­ben die So­zi­al­de­mo­kra­ten ei­nen her­ben Be­deu­tungs­ver­lust er­lebt. Da­für gibt es mehr als nur ei­ne Ur­sa­che. Mit ih­rer Äm­ter­ro­cha­de will die Par­tei­spit­ze bei der Bun­des­tags­wahl punk­ten.

Die Über­vä­ter der Nach­kriegs-SPD: Wil­ly Brandt und Hel­mut Schmidt auf ei­nem Par­tei­tag 1972 in Dort­mund. In die­sem Jahr hol­te die SPD mit 45,8 Pro­zent das bes­te Er­geb­nis ih­rer Ge­schich­te. Heu­te muss sie sich mit deut­lich we­ni­ger be­gnü­gen. Fo­to: dpa

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