Vom ver­ab­scheu­ten Neu­bau zum ge­fei­er­ten Kunst­zen­trum

Vor 40 Jah­ren wur­de das Cent­re Ge­or­ges-Pom­pi­dou in Pa­ris er­öff­net

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Wochenende! - Von Bir­git Hol­zer

Gott, ist das häss­lich“, über­schrieb der Au­tor und Kri­ti­ker René Bar­ja­vel am 30. Ja­nu­ar 1977 sei­nen Ar­ti­kel in der Sonn­tags­zei­tung „Jour­nal du Di­man­che“. „Was soll das sein? Ein Stück Frank­reich, das sich wie ei­ne Lan­gus­te ge­häu­tet hat? Ei­ne Raf­fi­ne­rie, um den Schlamm der Sei­ne zu sam­meln und Ben­zin dar­aus zu ma­chen? Ist es ei­ne Pla­nier­rau­pe, die Au­to­bah­nen in die Vier­tel zieht?“

Er war nicht der Ein­zi­ge, der eben­so hef­ti­ge wie fan­ta­sie­vol­le Aus­drü­cke fand, um sei­ne Ab­scheu für das neue Mu­se­ums­ge­bäu­de im Her­zen von Pa­ris, das Cent­re Ge­or­ges-Pom­pi­dou, zu zei­gen. All­zu ra­di­kal und pro­vo­kant er­schien die­ses „Not­re-Da­me der Röh­ren“, wie sein Spott­na­me lau­te­te, vie­len An­woh­nern, Kunst­his­to­ri­kern, In­tel­lek­tu­el­len. Man­che warn­ten vor der „Ver­mas­sung“der Kunst in dem funk­tio­na­len Bau. „Es gab ei­ne Zeit, da hat­ten die Pa­ri­ser ge­nug Un­ge­stüm, um die Bas­til­le zu stür­men und ab­zu­rei­ßen“, be­dau­er­te der Jour­na­list Je­an Pa­ris in „Le Mon­de“: „Wer über­nimmt heu­te ei­ne sol­che Initia­ti­ve für die Be­sei­ti­gung des Mons­ters?“

Doch das „Mons­ter“mit sei­ner far­bi­gen Röh­ren-Struk­tur blieb – und gilt heu­te als ei­nes der be­rühm­tes­ten Bau­wer­ke von Pa­ris, als Tou­ris­ten­ma­gnet und ei­nes der re­nom­mier­tes­ten Zen­tren für zeit­ge­nös­si­sche Kunst und Kul­tur welt­weit. 102 Mil­lio­nen Men­schen ha­ben es seit der Er­öff­nung be­sucht. 841 000 ka­men im Win­ter 1979/1980 zur Re­tro­spek­ti­ve von Sal­va­dor Dalí, mehr als 700 000 wa­ren es je­weils bei Was­si­ly Kand­ins­ky 2009 und Hen­ri Ma­tis­se 2012. Auch trug „Beau­bourg“, wie man es um­gangs­sprach­lich nennt, da­zu bei, dass sich das an­gren­zen­de Ma­raisVier­tel mit Ga­le­ri­en und schi­cken Bou­ti­quen zu ei­nem der an­ge­sag- tes­ten der Stadt ent­wi­ckeln konn­te.

Wie vor­her beim Bau des Eif­fel­turms und nach­her bei der Glas­py­ra­mi­de als Ein­gang des Lou­vre brauch­te es le­dig­lich et­was Zeit und Ge­wöh­nung für Pa­ris-Nost­al­gi­ker, um die­ses Neue, Un­kon­ven­tio­nel­le zu ak­zep­tie­ren, das der Kunst­lieb­ha­ber und -samm­ler Ge­or­ges Pom­pi­dou schaf­fen woll­te. Die Er­öff­nung am 31. Ja­nu­ar 1977 durch sei­nen Nach­fol­ger Valé­ry Gis­card d’ Esta­ing er­leb­te er al­ler­dings nicht mehr – der Na­mens­ge­ber starb 1974, noch wäh­rend der Bau­ar­bei­ten. Pom­pi­dou schuf sich und vor al­lem der Kunst ein Denk­mal, mit dem er Mut und Weit­blick be­wies.

Noch im Jahr sei­ner Wahl zum Prä­si­den­ten 1969 hat­te er ei­ne in­ter­na­tio­na­le Ar­chi­tek­ten­aus­schrei­bung für das Pro­jekt lan­ciert. Ent­ste­hen wür­de es in ei­nem ehe­ma­li­gen Ar­bei­ter­vier­tel, das einst als Ku­lis­se für Ro­ma­ne von Vic­tor Hu­go dien­te. Als die­ses zu­neh­mend ver­fiel, wur­de ein Teil der Häu­ser kurz vor dem Zwei­ten Welt­krieg ab­ge­ris­sen; nur noch ein Park­platz und ei­ne Werk­statt zur Zer­stö­rung al­ter Lat­ten­kis­ten der Pa­ri­ser Markt­hal­len blie­ben üb­rig. Da der his­to­ri­sche Groß­markt 1969 vor die To­re von Pa­ris nach Run­gis um­ge­sie­delt wur­de, be­schloss Pom­pi­dou die Schaf­fung ei­nes na­tio­na­len Zen­trums für Kunst und Kul­tur, wie es in Pa­ris fehl­te. Die Stadt soll­te wie­der den Rang ei­ner in­ter­na­tio­na­len Kunst- und Kul­tur­me­tro­po­le er­rei­chen.

Die­sem Ehr­geiz konn­te das na­tio­na­le Mu­se­um für mo­der­ne Kunst im Pa­lais de To­kyo, das über der Sei­ne thront, nicht ge­nü­gen: Zu klein und zu stark fi­xiert auf fran­zö­si­sche Kunst, hat­te es da­mals vie­le Strö­mun­gen wie das ame­ri­ka­ni­sche Ac­tion Pain­ting ver­passt. Zugleich soll­te das Cent­re Pom­pi­dou mehr wer­den als nur ein Mu­se­um, das per­ma­nen­te so­wie tem­po­rä­re Aus­stel­lun­gen prä­sen­tiert – es ver­band Ki­nound Kon­fe­renz­sä­le, Fo­to­ga­le­ri­en, ei­ne gro­ße Bi­b­lio­thek und ein Mu­sik­in­sti­tut.

Es hand­le sich um ei­nen „Ort, wo sich die Men­schen zu­sam­men­fin­den, um die Freu­de an Li­te­ra­tur, Kunst, Mu­sik, Ki­no zu tei­len“, um­schreibt es Ar­chi­tekt Ren­zo Pia­no. Ge­mein­sam mit sei­nen Kol­le­gen Richard Ro­gers und Gi­an­fran­cho Fran­chi­ni hat­te er die Aus­schrei­bung ge­won­nen, ge­gen 680 Kon­kur­ren­ten. „Un­ser Pro­jekt war ein we­nig ver­rückt“, gibt der Ar­chi­tekt heu­te zu. Und schien da­mit der Ju­ry per­fekt. Of­fen für je­de Trans­for­ma­ti­on soll­te es sein.

In die­sem Sin­ne hat der neue Di­rek­tor Ser­ge Las­vi­g­nes er­klärt, er wol­le aus dem Cent­re Pom­pi­dou nicht nur ei­nen Spie­gel der Kunst sei­ner Zeit ma­chen, son­dern al­ler ge­sell­schaft­li­cher Fra­gen. Ab­le­ger gibt es in­zwi­schen in Metz und Mála­ga, wei­te­re sol­len in Brüs­sel und Schang­hai ent­ste­hen.

Das Ju­bi­lä­um wird mit ei­nem Gra­tis-Wo­che­n­en­de am 4. und 5. Fe­bru­ar ze­le­briert so­wie mit Ver­an­stal­tun­gen in 40 fran­zö­si­schen Städ­ten. Längst ist das „Mons­ter“in der fran­zö­si­schen Haupt­stadt an­ge­kom­men, ak­zep­tiert, ja be­wun­dert. Und das hat kei­ne 40 Jah­re ge­dau­ert.

Fo­to: AFP

„Not­re-Da­me der Röh­ren“lau­te­te der Spott­na­me des Cent­re Pom­pi­dou. Vie­le Fran­zo­sen konn­ten sich zu­nächst nur schwer mit der Röh­ren­struk­tur des Ge­bäu­des an­freun­den.

Fo­to: ima­go/vi­en­nas­li­de

Das Cent­re Pom­pi­dou ist mehr als ein Mu­se­um mit per­ma­nen­ten und tem­po­rä­ren Aus­stel­lun­gen. Es be­her­bergt auch ei­ne gro­ße Bi­b­lio­thek und ein Mu­sik­in­sti­tut.

Fo­to: ima­go/ Nor­bert Schmidt

40 Jah­re nach sei­ner Er­öff­nung ist das Cent­re Pom­pi­dou ei­nes der be­rühm­tes­ten Bau­wer­ke von Pa­ris und ein re­nom­mier­tes Zen­trum für zeit­ge­nös­si­sche Kunst und Kul­tur. Fo­to: AFP

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