Trä­nen im Ki­no

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Im Leben - Von Mar­co Ju­li­us

Es gibt im Le­ben vie­le Din­ge, auf die man leich­ten Her­zens ver­zich­ten könn­te. Blitz­eis im Be­rufs­ver­kehr, Quiz­sen­dun­gen mit Kai Pflau­me, spiel­ent­schei­den­de Ge­gen­tref­fer in der Schluss­mi­nu­te und re­ni­ten­te Rent­ner vom rech­ten Rand ge­hö­ren de­fi­ni­tiv da­zu. Und auch Freun­de des Films, die re­gel­mä­ßig ins Ki­no ge­hen, brau­chen für ge­wöhn­lich nicht lang, um ei­ne lan­ge Lis­te mit läs­ti­gen Din­gen zu er­stel­len. „Im Ki­no ge­we­sen. Ge­weint“, hat schon der Li­te­rat Franz Kaf­ka einst in sei­nem Tagebuch no­tiert.

Gut, er brach nicht in Trä­nen aus, weil ne­ben ihm je­mand wäh­rend des gan­zen Films aus ei­nem über­di­men­sio­na­len Ei­mer Pop­corn laut schmat­zend in sich hin­ein­schau­fel­te. Er wein­te auch nicht, weil sein Sitz­nach­bar die bes­ten Dia­lo­ge mit Saug­ge­räu­schen über­tön­te, am Stroh­halm im Zwei-Li­ter-Ei­mer Co­la nu­ckelnd. Er wein­te auch nicht, weil hin­ter ihm je­mand den be­täu­ben­den Ge­ruch von auf­ge­wärm­ten Cheese-Na­chos ver­ström­te. Und er wein­te auch nicht, weil das Paar vor ihm noch zehn Mi­nu­ten nach dem Vor­spann wort­reich und nichts­sa­gend zugleich Be­lang­lo­ses be­sprach. Er be­kam schlicht­weg feuch­te Au­gen, weil ihn der Film auf der Lein­wand so sehr be­rühr­te.

Wie gern möch­te man sich auch heu­te noch im Ki­no be­rüh­ren las­sen. Doch wie dem Film fol­gen, wenn um ei­nen her­um die Höl­le los­bricht? Ins Ki­no geht man of­fen­bar nur noch, weil man – völ­lig aus­ge­hun­gert und dem Ver­durs­ten na­he – im Dunk­len mög­lichst laut sei­ne Lust auf Un­ge­sun­des aus­le­ben möch­te. Ganz gro­ßes Ki­no.

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